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Chancen und Grenzen der Internettherapie Seelenheilung online?

Die psychotherapeutischen Angebote im Internet haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen, auch in Deutschland. Statt zum Therapeuten zu gehen, können sich Menschen mit psychischen Problemen für online-Therapien anmelden oder sich Programme zur psychologischen Nachbetreuung auf den PC oder das Handy laden. Aber passt das wirklich zusammen – seelische Probleme und die digitalen Technologien?

Internetuser

Psychotherapie im Internet

Tatsächlich warten psychisch belastete Menschen in Deutschland heute oft drei Monate oder länger auf einen Behandlungsplatz. Manche sind beruflich so viel unterwegs, dass sie kaum regelmäßige Termine für Therapiesitzungen freihalten können. Auch für Alleinerziehende ist das oftmals schwer, und wer auf dem Land wohnt, findet in seinem Umkreis oft überhaupt keinen Therapeuten. Und nicht zuletzt gibt es Menschen, die sich scheuen, eine psychotherapeutische Praxis aufzusuchen, weil sie dabei nicht von anderen gesehen werden wollen.

Am liebsten anonym bleiben

Lampenfieber

Was hilft bei Angst vor einer Therapie?

Eine psychische Krankheitsdiagnose darf in Deutschland nur nach einem persönlichen Gespräch zwischen Patient und Therapeut gestellt werden, nicht über das Internet. Außerdem zahlen die Krankenkassen hierzulande eine online-Behandlung – wenn überhaupt – nur im Rahmen genehmigter Modellprojekte. In England und den Niederlanden ist das anders: hier übernehmen die Kassen die Kosten generell, und Therapien per Telefon oder PC sind dort schon lange etabliert.

Mit "NetStep" soll der Zugang zu einer Psychotherapie erleichtert werden. Es richtet sich nur an Menschen mit leichten bis mittelschweren Depressionen, sozialen Phobien oder Panikstörungen. Trotzdem ist es äußerst ambitioniert. Schließlich will man eine gesamte Verhaltenstherapie von Anfang bis Ende im Netz anbieten.
Doch das ist nur eine von vielen Therapie-Möglichkeiten, die sich im Internet finden – ganz unterschiedlicher Natur und von den verschiedensten Anbietern.

Virtuelles Netz und reale Welt

Blick über die Schulter einer Frau auf ihr Handy

Kontaktaufnahme über SMS und das Internet

Wer etwas vor Ort über das Projekt SUMMIT erfahren will, muss im Zentrum für Psychosoziale Medizin der Uni Heidelberg viele Stufen nach oben gehen. "SUMMIT" steht für "Supportives Monitoring und Krankheitsmanagement über das Internet." Fast unter dem Dach des alten Gebäudes liegen die Räume der Forschungsstelle für Psychotherapie. Hier untersuchen Hans Kordy und seine Mitarbeiter, welche Therapie-Möglichkeiten die neuen Medien bieten. Das Institut will keine eigenständige Internetbehandlung anbieten, sondern das Netz als Brücke nutzen, um Lücken in der therapeutischen Versorgung zu schließen. Vor allem dann, wenn psychisch Kranke aus einer Klinik entlassen werden. In Deutschland gibt es eine strikte Trennung zwischen ambulanter und stationärer Behandlung.

Übergang mit Rettungsnetz

seelenheilung

Sensibilität trotz Digitalität?

Als eine Hilfe für den Übergang haben die Heidelberger Wissenschaftler zusammen mit den Panorama-Fachkliniken in Scheidegg vor gut zehn Jahren eine „Internet-Chatbrücke“ entwickelt. Sie richtet sich an Patienten mit Essstörungen, Depressionen oder Angst-Problematik. Nach der stationären Behandlung können sich jeweils sechs bis zehn Patienten im Internet-Chat zur Gruppensitzung treffen, zusammen mit einem Therapeuten. Einmal pro Woche, eineinhalb Stunden lang.
Die wissenschaftlichen Auswertungen zeigten, dass diese online-Gruppensitzungen den Patienten eine Hilfe waren und Rückfälle verringerten.
Positive Erfahrungen machte die Heidelberger Forschergruppe auch mit einer Chat-Brücke für Patienten mit Essstörungen, die über SMS-Kontakt hergestellt wurde.
Deshalb traute sie sich an eine weitere Aufgabe: eben das Projekt "SUMMIT" – ein Internetportal speziell zur Nachbehandlung chronisch depressiver Menschen. Wenn es funktioniert, soll es chronisch depressive Menschen lebenslang begleiten und unterstützen können.

Von Mensch zu Mensch

Gesprächs-Situation zwischen junger Frau und Psychotherapeutin

Je mehr persönlicher Kontakt, desto besser?

Die Psychologin und Psychotherapeutin Christiane Eichenberg von der Sigmund-Freud Privatuniversität Wien beobachtet die Therapieszene im Internet schon lange. Für sie ist vor allem der Kontakt zum Therapeuten von größter Bedeutung. Je mehr persönlicher Kontakt, desto besser: dieses Therapie-Prinzip scheint auch im Internetzeitalter zu gelten, zumindest für das Durchhaltevermögen der Patienten. Das zeigt auch eine Vergleichsstudie der Universität Leipzig zur Behandlung von Depressionen: Menschen, die sich einer reinen online-Therapie unterzogen, brachen diese dreimal häufiger ab als Patienten, die sich regelmäßig mit ihrem Therapeuten zum persönlichen Gespräch trafen.

Auch bei "NetStep" ist der persönliche Kontakt wichtig. Wenn sich im Vorgespräch herausstellt, dass der Betroffene an einer oder sogar mehreren schweren Störungen leidet oder gar selbstmordgefährdet ist, raten ihm die Fachleute zu einer anderen Therapie. Wenn nicht, kann er am online-Programm „NetStep“ teilnehmen. Es ist – wie viele Psychotherapien im Internet - in Module eingeteilt. In jedem Abschnitt gibt es Informationen über den nächsten Behandlungsschritt, dann muss der Teilnehmer eine Übung durchführen. Dabei kann er aus mehreren Varianten diejenige auswählen, die ihm am meisten zusagt. Innerhalb von drei Tagen bekommt er ein Feedback vom Psychotherapeuten.

Von Mensch zu Netz zu Mensch

Computer mit angeschlossenem Interrnetkabel

Mit online-Übungen das eigene Verhalten verbessern

Auch das macht "NetStep" ein Stück weit individueller als Online-Therapie-Programme, bei denen man nur mit einem Rechner kommuniziert. Oft führen Nutzer dort ohne klare Diagnose Selbsttests durch und werden dann lediglich vom Programm zu Übungen angeleitet. Nach dem Motto: allein das Üben wird schon helfen. Die Frage jedoch, ob ein Internet-Training die persönliche Beziehung ersetzen kann, stellt sich auch bei "NetStep".

Eine "NetStep"-Therapie dauert durchschnittlich 15 Wochen. Die Teilnehmer sollten mindestens einmal in der Woche mit dem Programm arbeiten. Das Projekt basiert auf der Kognitiven Verhaltenstherapie. Diese Methode will die Überzeugungen, Gedanken und Einstellungen bewusst machen, die eine psychische Störung bedingen und das Verhalten negativ beeinflussen. Was führt zum Beispiel dazu, dass ich Angst habe, wenn ich unter vielen Menschen bin? In realitätsnahen Übungen arbeiten die Betroffenen dann daran, negative Einstellungen neu zu bewerten und alternative Verhaltensstrategien zu entwickeln.

Besser denken üben

Auf der Karteikarte eines Patienten einer Arztpraxis in Berlin klebt ein Zettel «Neu/Ohne Termin Depression!

Psychotherapie nur mit Warteliste

Die Patienten können bei "NetStep" ihre ganz persönlichen Probleme bearbeiten und neue Strategien üben. Sie bekommen rasch ein Feedback von Fachleuten, die sie kennen, außerdem gibt es am Ende noch einmal ein persönliches Gespräch.
Damit, meint Projektleiter Ulrich Sprick, gehöre "NetStep" zu den gut organisierten online-Therapien, die sich tatsächlich mit Face-to-Face-Behandlungen messen könnten.

Tatsächlich gibt es inzwischen einige Dutzend internationale Studien zur online-Therapie, die über gute Ergebnisse für bestimmte Störungsbilder berichten: für Angsterkrankungen, Depressionen, leichte Süchte oder bei der Prävention von Essstörungen. Die meisten Untersuchungen verglichen dabei aber lediglich, ob es den Versuchspersonen nach der Internet-Therapie besser ging als Menschen, die noch auf einen Behandlungsplatz warteten.

Warten oder Surfen

Mann sitzt geknickt auf einer Treppe

Der Bedarf nach Hilfe ist weiterhin größer als das Angebot

Deutsche Wissenschaftler und Therapeuten sind sich einig darüber, welche Krankheitsbilder nicht online behandelt werden sollten: alle schweren und chronischen Störungen, Psychosen, manisch-depressive Erkrankungen, Persönlichkeitsstörungen. Auch selbstmordgefährdete Patienten sind auszuschließen. Und es herrscht weitgehend Konsens darüber, dass online-Behandlungen herkömmliche Therapien nicht ersetzen, sondern nur ergänzen sollen.
Psychotherapieforscher Hans Kordy denkt dabei vor allem daran, die Hemmschwellen zu senken, Therapien für bestimmte Patientengruppen erreichbar zu machen und die Nachsorge zu verbessern. Und die Ausbreitung der digitalen Medien wird dafür sorgen, dass das Internet-Angebot für Psychotherapien noch größer wird.