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Seegras Bedrohte Oasen unter Wasser

Seegras wächst in fast allen Küstenregionen. Und überall ist die Wasserpflanze wertvoll. Manchmal werben Delfine mit Seegrassträußen um ihre Partnerin. Seegras ist ein Alleskönner - es beheimatet viele Meerestiere, reinigt den Ozean von Schadstoffen und entzieht der Atmosphäre große Mengen CO2. Doch weltweit gehen die Seegras-Bestände zurück.

Die Wissenschaftler am Mittelmeer-Institut der Balearen in Palma de Mallorca haben vor Ort beobachtet, dass das Meeresgewächs warmes Wasser schlecht verträgt. Und seit Jahren steigt die Temperatur. Das Seegras vor der Balearen-Insel Formentera setzte die UNESCO sogar auf ihre Weltnaturerbe-Liste. Sollte es, so wie der Institutsleiter Carlos Duarte errechnet hat, bereits 2060 mit dem Seegras des Mittelmeeres vorbei sein, wäre das dort das Ende einer einzigartigen Entwicklung: Vor 10 bis 90 Millionen Jahren entwickelten sich aus Bedecktsamern, aus Blütenpflanzen an Land, die Seegräser des Ozeans.

Posidonia oceanica

Das Seegras Posidonia oceanica wächst vor allem im Mittelmeer.

Aufgrund erstaunlicher Anpassungsleistungen kann das Gewächs seitdem im Meer leben: Wie Pflanzen an Land betreibt auch Seegras Photosynthese. Seegras blüht in großen unregelmäßigen Zeitabständen und trägt Früchte. Seit knapp 30 Jahren erforscht Carlos Duarte das Meeresgewächs – nur einmal hat er Seegrasfrüchte im Mittelmeer erlebt. Er erzählt, dass, als im Jahr 2004 die Früchte reif waren, sie in die Bucht gespült wurden und die Menschen dachten, es wären Datteln, die von einem Boot heruntergefallen sind, denn sie hatten noch nie in ihrem Leben Seegrasfrüchte gesehen.

Baby, ich hab uns Gras besorgt

Delphin

Werben zum Nestbau

Die Ähnlichkeiten zwischen Seegras und Pflanzen an Land verblüffen: Die Forscher Tony Martin und Vera da Silva berichten in der Wissenschaftszeitung New Scientist, dass man nicht nur mit Blumensträußen, sondern auch mit Seegras Eindruck schinden kann: So werben Delfine mit der Wasserpflanze im Maul um ihre Partnerin. Auch Seegras wird bestäubt.

Was an Land Bienen leisten, übernimmt im Wasser die Strömung, indem sie die Pollenkörner, die sich in der Blütennarbe verfangen, befördert, sodass sich Seegras zusätzlich zur ungeschlechtlichen Vermehrung über Zellteilung auch geschlechtlich über Samen fortpflanzt. Ein großer Vorteil, denn dabei werden die Erbanlagen neu gemischt: Wissenschaftliche Studien haben ergeben, dass Seegraswiesen, die aus Pflanzen mit je unterschiedlichem Genmaterial bestehen, widerstandsfähiger sind.

Seegras-Kugeln soweit das Auge reicht

So genannte "Neptun-Bälle": Seegras-Kugeln soweit das Auge reicht

Wenn das Meer Früchte trägt

Doch das ist nicht alles. Das Wunderwerk der Evolution übernimmt bemerkenswerte Aufgaben: Zum einen finden in der Unterwasserwiese Meerestiere Futter: An den Küsten des Indischen Ozeans, vor Westafrika und im Golf von Mexiko sättigen die Pflanzen Seekühe. Auch viele Fische spüren im Seegras ihre Nahrung auf.

Allein die Fischereibetriebe der USA verdienen jährlich insgesamt eine Milliarde Dollar mit dem Teil ihres Fangs, der sich in Seegraswiesen ernährt. Zum anderen wird das Kalkgehäuse der Muscheln und Schnecken, die in den Wiesen leben, von Wind und Wasser zu feinen Sandkörnern gemahlen, die an den Stränden für einen regelmäßigen Nachschub an Sand sorgen. Das Seegras schützt so die Küsten vor Erosion.

seegras

Ein Seepferdchen schwimmt zwischen verschiedenen Seegras-Arten

Kinderstube der Krebse

Vor der indonesischen Insel Sulawesi beobachten Forscher, dass Seegraswiesen und Korallenriffe in Bezug auf den Artenreichtum tropischer Meeresgebiete zusammenwirken: Seegraswiesen dienen als Kinderstube von Krebsen und Garnelen, die, einmal ausgewachsen, in Korallenriffe abwandern.

Rauch steigt aus Industrieanlagen empor, Schriftzug "CO2" in Form von Wolken

Seegras ist effektiver als Regenwald

Das Zusammenspiel von farbenprächtigen Korallenriffen und schlichtem Seegras funktioniert nur in den Tropen. In den Küstengebieten der anderen Klimazonen kommen Seegraswiesen alleine vor. Sie sind nicht nur für das Meeresufer und die Menschen, die dort leben, wertvoll, sondern haben weltweiten Einfluss. Das Gras spielt eine wichtige Rolle für das Klima. Ein Hektar Wiese wandelt viel größere Mengen CO2 um als ein Hektar amazonischer Regenwald. Die Pflanze nimmt dabei das CO2 aus dem Wasser auf, um Photosynthese zu betreiben. Folglich sinkt die CO2-Konzentration im Wasser, sodass das Meer CO2 aus der Luft aufnimmt.

Treibhaus im Meer gelagert

Seegras holt also große Mengen Treibhausgas aus der Atmosphäre: Pro Jahr weltweit etwa so viel wie Deutschland in sechs Monaten emittiert. Den anfallenden Kohlenstoff schließt die Pflanze fest im Meeresboden ein. Das geschieht, indem alte Pflanzenteile von Sediment überdeckt werden. In manchen Küstenregionen sind die Depots zum Teil zehn Meter dick.

Damit der Kohlenstoff der Erdatmosphäre dauerhaft entzogen bleibt, müssen die Seegraswiesen allerdings gesund bleiben. Denn wenn die Pflanze abstirbt, kann der Kohlenstoff als CO2 wieder in die Luft entweichen.
An der Ostsee bei Kiel wühlt ein rauer Wind das Meer auf. Die Herbst- und Winterstürme reißen große Mengen Seegrasblätter aus, die die Wellen an die Küste spülen.

Seegras als Dämmstoff

Seegras als Dämmstoff

Seegras zersetzt sich extrem langsam, eine Eigenschaft, die sich bereits Küstenbewohner im Mittelalter zunutze machten, indem sie die Wasserpflanze für den Deichbau verwendeten. Mittlerweile gibt es zahlreiche Anbieter des Dämmmaterials Seegras. Gegenüber herkömmlichen Isolierungen hat der Naturstoff viele Vorteile: Er ist schwer entflammbar und kann, weil er ungiftig ist, auf dem Kompost entsorgt werden.

Chefkoch kann sich irren

Ob man Seegras so wie Algen auch essen kann? Wahre Gaumenfreuden versprechen Kochrezepte aus dem Internet wie "Meeresfrüchte an gelbem Reis mit Seegras", "Angebratener Lachs auf Soja-Seegrasbett" oder schlicht "Seegrassalat".
Aber das Seegras aus der Ostsee, die Seegrasart Zostera marina, lässt sich weder kleinschneiden noch zerkauen, auch nach dem Dünsten nicht. Mit Algen zubereitet schmecken die Rezepte aber hervorragend. Sicherlich haben die Köche in ihren Internet-Rezepten die Bezeichnungen verwechselt.

Krabben auf Teller

Krabben mit Seetangpaste

Wissenschaftlern gelang es, an der Ostküste der USA zerstörte Seegraswiesen aufzuforsten: in Rhode Island und in der Chesapeake Bucht bei Baltimore, die übrigens naturräumlich der Ostsee ähnelt und deshalb als ihre kleine Schwester gilt.

Auch Carlos Duarte vom Mittelmeerinstitut der Balearen erforscht die Aufforstung von Seegraswiesen. Bei ihm kommt die Ökonomie dabei nicht zu kurz – es schadet nicht, auch den wirtschaftlichen Nutzen von intakten Ökosystemen beziffern zu können. Bei dieser Berechnung gehen die Wissenschaftler davon aus, dass der Entzug von CO2 aus der Atmosphäre und die langfristige Speicherung von Kohlenstoff im Meeresboden, die Seegraswiesen leisten, einen bestimmten Marktwert hat. Diesen Wert geben Kohlenstoffgutschriften wieder. Das Fazit der Wissenschaftler: Das Aufforsten lohnt sich auch rein finanziell.

Berufswunsch: Meeresförster/in

Seegras brennt nicht und schimmelt nicht

Seegras brennt nicht und schimmelt nicht

Doch die weltweite Erfolgsquote der Aufforstung von Seegraswiesen nur bei 30 Prozent. Das Seegras des Mittelmeeres beispielweise kann nicht wieder aufgeforstet werden. Es wächst zu langsam nach. Selbst kleine Löcher im Pflanzenteppich bleiben oft für immer bestehen. Deshalb sind die Gesetze zum Schutz des Seegrases nirgendwo strenger als am Mittelmeer: Beschädigungen der Wasserpflanze wie durch ankernde Schiffe oder der Entsorgung von Müll in Seegrasgebieten werden mit Geldstrafen von bis zu 450.000 Euro geahndet.

Wer im Herbst und im Winter an den Mittelmeerstränden entlangläuft, findet ganze Hügel angeschwemmten Seegrases an der Küste liegen. Manchmal fügen sich die ausgerissenen Pflanzenfasern zu kleinen braunen Bällen zusammen. Hunde spielen gerne damit.

Dünen mit Seegras

Dünenlandschaft

Selbstlose Pflanze

Viele Mittelmeerländer reinigen ihre Strände und exportieren das angetriebene Gras. Auch nach Deutschland. Das Seegras sollte aber besser sich selbst überlassen bleiben, sagen Umweltorganisationen wie Oceana. Denn das pflanzliche Treibgut bremst die Brandung – die Wellen würden sonst viel mehr Sand ins Meer spülen und große Flächen Land abtragen. Somit übernimmt Seegras nicht nur als intakte Pflanze im Wasser Funktionen, die für Umwelt und Mensch von großer Bedeutung sind, sondern spielt erstaunlicherweise auch dann noch eine wichtige Rolle, wenn es an die Küste getrieben wird, abgerissen und verwelkt.