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Seegras als Dämmstoff Tolle Wolle aus dem Meer

Seegras als Dämmstoff? Das funktioniert. Gängige Dämmstoffe werden aus Erdöl oder Steinwolle in aufwändigen Verfahren und meist unter Zusatz umstrittener Chemikalien hergestellt. Seegras dagegen ist schimmel- und feuerresistent - und es liegt als Abfall am Strand. Anja Thompson hat sich den Dämmstoff aus Seegras - so genannten "Neptunbällen" - beim Architekturprofessor und Erfinder Richard Meier in Karlsruhe zeigen lassen.

Prof. Richard Meier mit Seegrasbällen

Prof. Richard Meier mit Seegrasbällen

In seinem Spanienurlaub ist Richard Meier seine neue Berufung buchstäblich vor die Füße gespült worden. Der Architekturprofessor im Ruhestand hat am Strand von Denia einen Dämmstoff für Gebäude gefunden. Zuerst waren die filzigen, braunen Kugeln ihm eher suspekt. Meier erinnert sich:

Die Bälle selber kenne ich eigentlich schon unheimlich lange. Ich bin leidenschaftlicher Wassersportler. Und viel am Meer gewesen und hab natürlich keine Ahnung gehabt, wo die herkommen, was das ist und so weiter. Und hat sich eher ein bisschen davor geniert, die in die Hand zu nehmen.

Seegras: Wunderpflanze aus dem Meer

Posidonia oceanica

Posidonia oceanica

Was Meier da gefunden hat, kommt von der Posidonia oceanica. Die Wunderpflanze ist eine Seegrasart, die in großen Teppichen im Mittelmeer wächst. Die Wellen formen deren tote Blattgerippe zu Bällen, die dann an die Strände gespült werden. An touristischen Orten gelten sie als Abfall und landen zusammen mit anderem Müll auf einer Deponie. Auch Meier ließ die faserigen Kugeln erst einmal links liegen.

Bis ein Freund, der dabei war sagt: aber die blöden Knödel kann man ja noch nicht mal nehmen zum Anzünden vom Kamin, weil die brennen ja nicht.

Neptunbälle am Strand

Neptunbälle am Strand


Dämmt gut, brennt nicht

Seegras brennt nicht und schimmelt nicht

Seegras brennt nicht und schimmelt nicht

Das ist eine kleine Sensation. Denn die meisten Dämmstoffe brennen wie Zunder, bevor sie durch chemische Zusätze davor geschützt werden. Sascha Peters, Fachbuchautor und Experte für innovative Materialien, ordnet ein:

Bei den Neptunbällen, die Herr Meier entdeckt hat, ist das eigentlich eine vollkommene Neuentdeckung. Man weiß natürlich, dass man mit Seegras dämmen kann. Aber, dass diese Kugeln, die da am Mittelmeer rumliegen, dann sich besonders dafür eignen, weil sie nicht brennen oder schwer entflammbar sind, das war vorher nicht bekannt.

Seegras bietet eine gute Wärmeregulation

Seegras als Dämmstoff im Winter und im Sommer

Seegras als Dämmstoff im Winter und im Sommer

Gemeinsam mit Wissenschaftlern vom Fraunhoferinstitut für Bauphysik fand Meier heraus, dass die Faser aus dem Meer noch weitere tolle Eigenschaften hat. Silikate machen sie resistent gegen Schimmel. Und sogar im Hochsommer kann das Seegras nützlich sein. Zum Beispiel in einem ausgebauten Dachgeschoss. Es hilft die Hitze draußen zu halten, indem es während des Tages viel Wärme aufnimmt und diese erst in der Nacht wieder abgibt, wenn es draußen bereits kühler geworden ist.

Ökologisch und sozial verträglich

Hier wird der Dämmstoff aus Seegras in Säcke verpackt

Hier wird der Dämmstoff aus Seegras in Säcke verpackt

In Karlsruhe hat Richard Meier eine kleine Fabrikation für seinen Dämmstoff aufgebaut. Seinen Rohstoff bezieht er jetzt von der anderen Seite des Mittelmeers.

Wir haben im Moment zwei Lieferländer. Das eine ist Tunesien, das andere ist Albanien, und einfach weil es dort viele gibt und weil die Strukturen dort dahingehend relativ günstig sind, dass halt Löhne sehr niedrig sind. Auf der anderen Seite haben wir da auch soziale Projekte damit verbunden. Also wir wissen, wer da für uns sammelt, das ist also nicht anonym. Und wir wissen, dass wir dadurch wirklich Leute in Lohn und Brot bringen.


Stapelweise Neptunkugeln

Die Seegrasbälle stammen vor allem aus Tunesien und Albanien

Die Seegrasbälle stammen vor allem aus Tunesien und Albanien

Erst gestern ist eine LKW-Lieferung aus Tunesien eingetroffen. In der Lagerhalle stapeln sich die Säcke mit den braunen Kugeln bis unter die Decke. Drei Maschinen verarbeiten die Seegrasbälle in wenigen Schritten zu dämmender Wolle.

Der Sand wird abgesiebt, und dann werden sie zerkleinert und anschließend wird nochmal Sand aus der entstandenen Wolle heraus gesiebt. Und dann wird es eingetütet, gewogen und verpackt für den Versand.

Seegras ist wasserfest

Seegras-Kugeln soweit das Auge reicht

Seegras-Kugeln soweit das Auge reicht

Weniger Energie bei der Herstellung eines Dämmstoffes zu verbrauchen, geht wahrscheinlich kaum. Rechnet man den Transport der Seegrasbälle hinzu, bleibt Neptutherm immer noch unter den Spitzenreitern beim Energieeinsatz. Und da die Fasern aus dem Meer kommen, kann auch Wasser dem Baumaterial nichts anhaben. Meier erklärt:

Wenn jetzt tatsächlich mal irgendein Kollaps passiert, dass irgendwo Wasser eintritt, dann wird bis zu 3, 4 Kilo Wasser pro Kilo Faser festgehalten, um dann anschließend in kürzester Zeit wieder abgegeben zu werden. Also wir sehen das ja auch, wenn die Bälle am Strand liegen. Die kommen ja klatschnass aus dem Wasser und liegen dann 2, 3 Tage am Strand und sind dann wirklich staubtrocken.

Hier wird eine oberste Geschossdecke mit Seegrasmaterial gedämmt

Hier wird eine oberste Geschossdecke mit Seegrasmaterial gedämmt

Solch ein Kollaps passierte tatsächlich vor einigen Monaten in Krefeld. Die Stadt hatte die oberste Geschossdecke eines denkmalgeschützten Gebäudes mit Neptutherm dämmen lassen. Auf 800 Quadratmetern hatten Handwerker 800 Säcke Dämmwolle verteilt. Dann platzte ein Ausdehnungsgefäß unterm Dach und ein regelrechter See ergoss sich auf die Seegrasdämmung. Aber schon eine Woche später war alles wieder trocken.

Also hat große Begeisterung beim Eigentümer ausgelöst. Es ist ja kein Tropfen Wasser durch die Decke durchgegangen. Wurde also alles von Neptutherm festgehalten.

Viel auf der Matte

Die Seegrasfasern lassen sich auch zu Matten verarbeiten

Die Seegrasfasern lassen sich auch zu Matten verarbeiten

Viel Zeit und Geld hat Meier in den letzten Jahren in sein Projekt investiert für Brandtests, bauaufsichtliche Zulassung, Patentrechte. Kleinen Firmen kann bei den hohen Kosten schnell die Luft ausgehen. Doch Meier hält noch durch. Er hat sein nächstes Ziel klar ins Auge gefasst: aus der losen Wolle sollen Dämmmatten entstehen. Erste Versuche sehen vielversprechend aus. Der sympathische Professor folgt seiner Berufung:

Eigentlich bin ich ja gerade in Ruhestand gegangen vor 3 Jahren. Aber ich denke einfach, dass das sowas ganz besonderes ist, mit dieser Faser zu dämmen und eben aus einem Abfall so ein hochwertiges Produkt zu machen. Ich finde, wenn die Natur uns das schenkt, dann sollten wir das auch annehmen.