Schwarzwaldtannen in alle Welt Kleine Kulturgeschichte des Holzexports

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SWR2 Wissen. Von Merle Hilbk

Wer an den Schwarzwald denkt, denkt an Tannen. Wie in der frühen Neuzeit erlebt die Weißtanne einen erneuten Exportboom. Aber ist das mit dem Nachhaltigkeitsprinzip vereinbar?

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Wilhelm Hauffs Märchen "Das Kalte Herz" kann man als Globalisierungsgeschichte lesen: Als in den waldarmen Niederlanden Grachten gebaut wurden, begannen die Schwarzwälder, Weißtannen zu fällen und nach Amsterdam zu flößen. Je besser die Geschäfte liefen, desto kahler wurden die Höhen des Schwarzwaldes - und mit dem Wald drohte auch die Identität der Schwarzwälder zu schwinden.

Holz als universeller Rohstoff

In dieser Zeit erdachte ein kurfürstlich-sächsischer Bergrat das Prinzip der Nachhaltigkeit - in deutschen Wäldern solle fortan nur so viel Holz eingeschlagen werden, wie nachwachse. Diesem Prinzip hat der Schwarzwald einen aktuellen Exportboom zu verdanken: Als sich japanische Holzhändler auf die Suche nach dem besten Holz für buddhistische Totentafeln machten, stießen sie im Schwarzwald wieder auf prächtige Weißtannen.

Im frühen Mittelalter diente die Weißtanne den Siedlern als Baumaterial. Ganze Waldgebiete holzten sie dabei ab. Holz war der universelle Rohstoff jener Zeit, der in Europa erst ein bäuerliches, sesshaftes Leben ermöglichte. Im Schwarzwald ließen sich Köhler nieder, die Tannenholz zu Holzkohle verschwelten. Holzkohle brennt sehr heiß und wurde deshalb für die Verhüttung von Eisen und Edelmetallen und für die Schmelzöfen der Glasmacher benötigt. Und dieses Holz war im Schwarzwald in der Regel: Tanne.

Tannenzweig mit frischen Trieben (Foto: SWR, SWR - Frank Roskam)
Der Name des Schwarzwaldes steht nicht nur für die dunklen Wälder, sondern auch für Nadelholz, das in der Forstsprache "Schwarzholz" genannt wird. SWR - Frank Roskam

Exportschlager Weißtanne

„Der Mythos des Schwarzwaldes hängt tatsächlich mit diesen Tannen zusammen. Sie wurden Holländertannen genannt, weil sie für die Holländer bestimmt waren und heißen so bis heute“, erklärt Hansjörg Küster, Professor für Pflanzenökologie an der Universität Hannover und Autor des Spiegel-Bestsellers „Geschichte des Waldes“. Sogar den Namen des Schwarzwaldes haben die Tannen geprägt. Schwarz stehe für Nadelholz, das in der Holzwirtschaft „Schwarzholz“ genannt werde. Das klassische Schwarzholz des Schwarzwaldes sei die Weißtanne. Der Baum, der zum ersten und bedeutendsten Exportgut der Region wurde.

Die Tannenbestände des Schwarzwaldes lichteten sich auch durch Holzhändler und Flößer, die das Holz ins Ausland verschifften. Über kleinere Flüsse flößten die Schwarzwälder in der frühen Neuzeit ein Tannenfloß nach dem anderen in Neckar und Rhein. Dort wurden sie zu Riesen-Flößen zusammengebunden, die rheinabwärts manövriert wurden. Oft waren diese Rheinflöße mehrere Hundert Meter lang. Die Flößer aßen und schliefen in Hütten auf den Flößen.

Schwarzwaldholz auf Reisen

Die Strapazen solcher monatelanger Reisen nahmen die Flößer auf sich in der Hoffnung, als gemachte Leute zurückzukehren. Denn die Niederlande erlebten im 17. Jahrhundert einen gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung. Ihre erste Verwendung fanden die Schwarzwälder Weißtannen im Schiffbau. In den Städten herrschte Wohnraummangel, denn das Marschland war oft zu sumpfig zum Bauen. Deswegen wurde ein System von Grachten geschaffen – zur Entwässerung und zum Warentransport. Grachten, die mit Weißtannen-Bohlen befestigt wurden.

Männer in schwarz-weiß mit schwarzen Hüten auf langem aus Holzstämmen zusammengebundenen Floß mit Holzstangen im Wasser (Foto: SWR, SWR - Sebastian Bargon)
Auf langen Flößen wurden die Baumstämme über kleinere Schwarzwaldflüsse bis in den Rhein manövriert. SWR - Sebastian Bargon

„Früher gab es in Baden-Württemberg über 500 Sägewerke, heute werden es nicht einmal 300 sein. Allein durch diese Veränderungen im Holzbau hat ein Klein- und Mittelbetrieb heute fast keine Existenzberechtigung mehr“, erzählt Geschäftsführer Manuel Echtle. Die Firma Echtle ist ein mittelständischer Betrieb im mittleren Schwarzwald und ist spezialisiert auf Starkholz: Stämme mit einen Durchmesser von mindestens einem halben Meter. Ausgerechnet Asien hat den Mittelständler vor den Folgen des Strukturwandels gerettet: Als sich die Echtles in den 90er-Jahren fragten, wie sie den Preiskampf auf dem Holzmarkt überleben sollten, kam ein japanischer Holzhändler und wollte sich größere Mengen Tannenholz liefern lassen, in bester Qualität.

Schwarzwaldholz als buddhistische Totenbretter in Japan

Aus diesem Holz sollten buddhistische Totenbretter gefertigt werden, die in Japan beim jährlichen Totengedenktag auf die Gräber gestellt werden. Jedes Jahr aufs Neue, ähnlich wie Grablichter an Allerheiligen. Eineinhalb Millionen Totenbretter schicken die Echtles seitdem pro Jahr auf die Reise über die Ozeane. Zwei Jahre und eine neue Hobelmaschine haben sie gebraucht, um die Qualitätsansprüche der Japaner zu erfüllen.

Beim ersten Exportboom im 17. Jahrhundert hatten die Schwarzwälder noch ausschließlich rohe Stämme verschifft. Verarbeitet haben sie dann die Niederländer – und wurden so reich. 80 Prozent der Flächen waren bald kahlgeschlagen und die Weißtanne wäre beinahe ausgestorben. Denn nicht nur die ausgewachsenen Bäume, sondern auch die jungen Schösslinge gingen ins Ausland.

Zwei Männer fällen einen Baum, sehr alte SW-Aufnahme (Foto: © JupiterImages Corporation -)
Früher wurden Wälder noch ausschließlich von Hand gerodet. © JupiterImages Corporation -

Von den heutigen deutschen Forstgesetzen heißt es, sie seien die akribischsten, strengsten und gleichzeitig modernsten der Welt. Denn sie schreiben vor, den Wald Jahrzehnte im Voraus zu planen, wie der Förster Karl Meister erklärt: „In einem nachhaltig bewirtschafteten Wald müssen die ökologischen Grundsätze beachtet werden und die soziokulturelle Wirkung des Waldes.“

Diese soziokulturelle Wirkung kam im Zeitalter der Nationalstaaten, in denen man in den deutschen Ländern nach einem einigenden Symbol suchte, eine besondere Bedeutung zu: Der Wald wurde zu einem kulturellen, ja, Einheit stiftenden Symbol erklärt.

In der Romantik galt der Wald als ein Symbol zeitloser Idylle

Der Wald wurde zum zentralen Motiv der deutschen Romantik. Dichter wie Ludwig Tieck und Joseph von Eichendorff stellten ihn als zeitlose Idylle dar, im Gegensatz zur Vergänglichkeit des Menschen. Heimat und Wald wurden zu eng miteinander verbundenen Begriffen – was 100 Jahre später zu einer Steilvorlage für die Nationalsozialisten wurde, wie Professor Uwe Eduard Schmidt erzählt, Waldhistoriker an der Universität Freiburg: „Germanische Völker kommen aus dem Wald – so die nationalsozialistische Ideologie.“ In der Nachkriegszeit dann wurde der Wald plötzlich zum Ort des Vergessens, zum Seelentröster, fast wie in der Romantik.

Und nun, 40 Jahre später, wird über ein Umweltproblem diskutiert, das deutliche Auswirkungen auf den Schwarzwald haben könnte: Der Klimawandel. Mit dem kommen Tannen besser zurecht als Fichten, weil sie tiefer wurzeln und ihr Wasser so aus tieferen Schichten beziehen können. Doch bei der Wiederaufforstung wurden insbesondere im 20. Jahrhundert eher Fichten gepflanzt – aus wirtschaftlichen Gründen: Sie wachsen schneller als Tannen.

Ganz viele Tannenbäume vor Hintergrund mit blauem Himmel (Foto: SWR, SWR -)
Die Aufforstung ist ein Produkt des Nachhaltigkeitsgedankens. SWR -

Die starken Tannen, die von den Echtles nach Japan exportiert werden, sind alte Bäume, aus der Anfangszeit des Nachhaltigkeitsprinzips. Ihr Überleben oder auch die Chance, in Ruhe heranzuwachsen, haben sie wohl diesem Prinzip zu verdanken. Ein Prinzip, das ein Stück deutscher Identität geprägt hat.

Doch dieser neue Exportboom schürt auch Ängste, Umweltschützer warnen vor erneutem Raubbau. Doch da stehe heute das Forstgesetz vor, meint Ewald Elsässer vom Forum Weißtanne, einem Interessenverband von Waldbesitzern und Holzverwertern. Das Asiengeschäft helfe sogar, die Tanne als heimische Baumart zu stärken: „Erst als solche Produkte draußen angenommen wurden, ist man auch im Schwarzwald wieder zu Bewusstsein bekommen: eigentlich haben wir eine tolle Baumart!“

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