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Schulsport gestern und heute Vom Wettkampf zum Fairplay

Felgaufschwung, Bockspringen, Bodenturnen – diese Begriffe vergisst man im Leben nicht mehr, dank des Schulsports. Früher, zu Zeiten Friedrich des IV. oder des Nationalsozialismus, ging es noch darum, aus Schülern Soldaten zu machen. Heute bedient Sport zunehmend einen auf Erfolg orientierten Zeitgeist, zeitgleich steigt die Zahl übergewichtiger Schüler. Was folgt daraus für die Sporterziehung?

Am Anfang des Schulsports stand Preußens Gloria, eine Europäische Großmacht, für die Bildung und Krieg gleichermaßen wichtig waren. In der "preußischen Sanddose", wie das arme Land um Berlin spöttisch genannt wurde, nahm die allgemeine Schulpflicht inklusive des "Turnunterrichts" ihren Anfang. Friedrich IV. erließ 1842 eine "Allerhöchste Kabinettsordre'', nach der Sportunterricht erteilt werden musste – Mädchen spielten dabei jedoch noch keine Rolle.


Vom Sportplatz auf das Kampffeld

Ursprünglich sollte der Schulsport zukünftige Soldaten trainieren.

Vom Schulkind zum Soldaten

Der preußische Monarch stützte sich dabei auf die Ideen der Philanthropen: Johann Bernhard Basedow wünschte sich eine "vernunft- und naturbezogene Erziehung", Johann Christian Friedrich Guts Muths – mancher Sportverein trägt heute noch seinen Namen – suchte Wege aus der "entnervenden Verzärtelung'' und "luxuriösen Weichlichkeit''. Dahinter stand die Notwendigkeit, junge Männer für den Wehrdienst zu engagieren, sagt Günter Stibbe, Professor für Sportdidaktik und Schulsport an der Deutschen Sporthochschule Köln.

Ohne Widerstand ließ sich das Konzept des Turnunterrichts als Vorbereitung auf die Verteidigung des Vaterlandes aber nicht durchsetzen. Es war die Zeit der Aufklärung, und es war die Zeit der Anfänge des britischen Sports, der mit den martialischen Zielen etwa des Turnvaters Jahn nichts zu tun hatte. Sport – das war eine ganzheitliche Bildung des Geistes und des Körpers.


Hart wie Kruppstahl

Spätestens seit Hitlers Worte "Flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl", war die Entwicklung des Sportunterrichts in Deutschland gehemmt. Nach dem 2. Weltkrieg hatte der Schulsport in Westdeutschland ein eher mäßiges Image.

Heroisierende Skulpturen aus der NS-Zeit

Heroisierende Skulpturen aus der NS-Zeit

In der DDR sah das etwas anders aus. Die Deutsche Demokratische Republik bezogen auf den Sportunterricht gleichzusetzen mit dem NS-Regime, ist sicher falsch. Trotzdem: Die Tendenz, den Schulsport auch als Vorbereitung zur Landesverteidigung zu sehen, lässt sich leicht nachweisen. Die "Gesellschaft für Sport und Technik" – kurz GST – etwa bot allen Schülern höherer Klassen eine vormilitärische Ausbildung an.

Und wie sah in Westdeutschland der Schulsport aus? Diszipliniert und ebenso meilenweit entfernt vom Spaß an Spiel und Bewegung. Zusätzlich überzog eine beispiellose Dopingwelle Ost wie West den Sport in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Kluft zwischen dem Spitzensport und dem Breitensport wurde immer tiefer.


Lange Beine, kurze Beine

Auch Kinder mit Behinderung sollen beim Schulsport mitmachen.

Auch Kinder mit Behinderung sollen beim Schulsport mitmachen.

Die Leistungsbewertung im Schulsport wird spätestens dann ungerecht, wenn der eine körperlich gesund ist und die andere eine Behinderung hat. Oder um es politisch korrekt auszudrücken: wenn die eine einen geringen Förderbedarf hat und der andere einen hohen.

Immerhin gibt es bezogen auf dieses Problem mittlerweile große Veränderungen. Mit der Ratifizierung eines UN-Abkommens im Jahre 2009 hat die Bundesrepublik Deutschland die Rechte von Menschen mit Behinderung und deren gleichberechtigte Teilhabe und Teilnahme am gesellschaftlichen Leben bestätigt – im Fachjargon heißt das Inklusion.

Im Rahmen der Inklusion müssen Schulen behinderten Kindern und Jugendlichen den Zugang zu Klassen mit nichtbehinderten Schülern ermöglichen. Dies gilt nicht nur für Biologie, Mathematik und Englisch, dies gilt auch für den Sportunterricht. Höher, schneller, weiter – dieses Leistungskonzept funktioniert dann nicht mehr in heterogenen Schülergruppen.


Sport mit anderen Zielen

"Le Parkour" wurde Mitte der 1980er Jahre vom Franzosen David Belle entwickelt. Es ist eine informelle Sportart, die nicht wettbewerbsfähig ist, trotzdem aber viele 100.000 Anhänger hat. Beim Parkour bewegen sich Jugendliche ausschließlich mit den Fähigkeiten des eigenen Körpers effizient von Punkt A nach Punkt B. Sie springen auf Mauern und klettern an Wänden entlang. Die Stadt ist ihr Spielplatz.

Le Parkour ist neben Inline Skating und  Skateboard die bekannteste informelle Sportart, bei weitem aber nicht die einzige. Bei allen gilt: Kein schneller, kein höher, kein weiter – einfach nur Spaß haben, sagt Dr. Tim Bindel, Sportwissenschaftler an der Bergischen Universität Wuppertal. Bei genauem Hinsehen stellt man allerdings fest, dass dieser Spaß ungleich verteilt ist. Grundsätzlich gilt: Je höher das Bildungsniveau, desto mehr Sport wird getrieben. Und den Asphaltsport dominieren zudem die Jungen. Was nicht bedeutet, dass Mädchen weniger Sport außerhalb der Schule treiben, man sieht sie nur nicht. Sie treiben Sport in Vereinen.


Hochleistung versus Übergewicht

Übergewichtige Kinder verletzen sich öfter beim Sport.

Übergewichtige Kinder verletzen sich öfter beim Sport.

Für viele Jugendliche ist der klassische Leistungssport eine Barriere, sich überhaupt sportlich zu betätigen. Ein Phänomen, das Lehrer immer häufiger beobachten, ein Phänomen, das vor allem aber auch Kinderchirurgen Sorgen bereitet.

Bezogen auf Sportverletzungen beobachten sie zwei auf den ersten Blick gegenläufige Entwicklungen: Einerseits steigt die Zahl übergewichtiger – ergo sportlich nur mäßig aktiver – Kinder und Jugendlicher; andererseits klettert aber auch die Zahl derer, die sehr viel Sport treiben, teilweise so viel, dass sie in die Rubrik des Hochleistungssports gehören. Beide Gruppen – sagt Professor Peter Schmittenbecher, Direktor der Kinderchirurgischen Klinik am Klinikum Karlsruhe – erleiden beim Sport Verletzungen.


Schule ohne Freizeit

Kinder dürfen nicht jeden Tag trainieren, vor allem brauchen sie in den Wachstumsphasen längere Pausen. Peter Schmittenbecher rät: Sobald Eltern ihren Kinder ständig neue Hosen kaufen müssen, die Trainingsfrequenz herunterschrauben! Sport hat immer zwei Seiten: Er kann die Gesundheit fördern, er kann sich aber auch ruinieren.

Außerdem dehnt sich die Schulzeit immer mehr in den Nachmittag aus, mit dem Ergebnis, dass kaum noch Zeit für den Verein bleibt. Vor diesem Problem stehen viele Vereine.

Eine Lösung hieße: Wenn die Kinder nicht zum Verein kommen, kommt der Verein zu den Kindern in die Schule. Schulischer und außerschulischer Sport müssen enger denn je an einem Strang ziehen. Und sie müssen für alle Leistungsniveaus Angebote bereithalten. Die Tendenz, dass sich immer mehr Kinder und Jugendliche aus dem Sport verabschieden, kann so vielleicht gestoppt werden.

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