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Warum Eltern zu juristischen Mitteln greifen Schulen vor Gericht

Genaue Statistiken gibt es zwar nicht, Lehrerverbände schätzen aber, dass in den letzten Jahren dreimal mehr Eltern die Schulen ihrer Kinder verklagt haben. Dabei ging es um Zeugnisse, Notenvergabe, Versetzungen, aber auch um Mobbing unter Schülern.

Ein Gerichtssaal mit Waage

Von der Schulbank zum Gericht

Simone Pietsch, Rechtsanwältin in Berlin mit Schwerpunkt Bildungsrecht, könnte die Liste beliebig verlängern: Nichtankündigung von Proben, Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen sowie Aufsichtspflichtverletzungen landen vor dem Kadi; streng religiöse Eltern verklagen Schulen, weil ihre Kinder nicht am Sexualkundeunterricht teilnehmen sollen; die Eltern dreier Schüler eines Neuköllner Gymnasiums zogen wegen schlechter Noten ihrer Kinder vor das Verwaltungsgericht – es seien einfach zu viele Migranten in der Klasse, da könne man nicht richtig lernen, so ihre Argumentation.

Lehrer wischt die Tafel

Was ist an den Schulen los?

Und so weiter, und so weiter. Woraus vor allem abzuleiten ist: Irgendetwas stimmt nicht am Verhältnis "Eltern – Lehrer", es ist von Misstrauen geprägt, teilweise sogar zerrüttet.

Lehrer mag niemand

Lehrer haben in Deutschland ein erstaunlich schlechtes Ansehen. Das zumindest ist Ergebnis einer Studie der Varkey GEMS Stiftung, einer gemeinnützigen Organisation, die das Ziel verfolgt, Bildungsstandards unterprivilegierter Kinder in aller Welt zu verbessern. Im Vergleich mit 20 weiteren Ländern liege die Anerkennung des Berufsstandes "Lehrer" in Deutschland auf Platz 16 – nur Israel, Brasilien, Tschechien, Italien und Japan schneiden noch schlechter ab. China führt die Liste an, auch Griechenland, Großbritannien und die USA bekommen bessere Werte als Deutschland. Mit der Ehrfurcht vor Lehrern ist es ebenfalls nicht weit her.

Gerichtsakten

An den Gerichten stapeln sich die Akten

Mehr als 40 Prozent der Befragten glauben, dass Schüler ihre Lehrer nicht respektieren. Mangelhaft bis ungenügend sei zudem das gesellschaftliche Vertrauen in den Berufsstand: Weniger als 20 Prozent der deutschen Eltern würden ihren Kindern den Lehrerberuf empfehlen. Immerhin betont die Stiftung, dass aus diesen Werten keine Rückschlüsse auf die Qualität des Unterrichts möglich sind. Bedenklich ist das Ergebnis aber allemal.

Schule als Dienstleistung

Wer kritisch zurückschaut in seine eigene Schulzeit, findet sicher Situationen, in denen diese "Erbfeindschaft" durchschimmerte. Das Verhältnis "Eltern – Lehrer" war von der ersten Stunde an belastet. Der Unterschied zwischen früher und heute ist schlicht: Früher wurde klaglos akzeptiert, was Lehrer entschieden. Das ist heute anders. Das Vertrauen in staatliche Dienstleistungen hat abgenommen und die Funktion von Schule in der Gesellschaft grundlegend gewandelt. Heute wird Schule als Dienstleistungsbetrieb verstanden, im Sinne von Effizienz und Erfolgsnutzen.

Kombo: der Vorsitzende des VBE, Gerhard Braun - ein Kind im Rollstuhl in einem Klassenzimmer

Inklusion ist immer noch nicht selbstverständlich

Die Möglichkeit des Bürgers gegen Verwaltungsakte des Staates zu klagen ist ein hohes Rechtsgut. Wer die Höhe seiner Hartz IV – Bezüge anzweifelt, darf natürlich ein Gericht anrufen; wer die geplante Mittelrheinbrücke zwischen St. Goar und St. Goarshausen verhindern möchte, ebenfalls. Und wenn Eltern gegen eine Note klagen, geht es ja um weit mehr als um eine kosmetische Korrektur des Zeugnisses. Hinter der Beschwerde steht die Erkenntnis, wie wichtig gute Bildungsabschlüsse sind: Sind sie da, öffnen sich Türen; fehlen sie, sind die Türen verschlossen.

Behinderte Kinder oft immer noch ausgeschlossen

Hinzu kommt, dass die Flut der Klagen keineswegs nur von frustrierten Rechtsanwälten stammt, die ihren schulisch aus dem Lot geratenen Söhnen und Töchtern gegen jede pädagogische Vernunft helfen wollen. In den Kanzleien der Anwälte spielen sich Dramen ab, vor allem, wenn Eltern behinderter Kinder Rat suchen. Denn diese sind besonders von Existenzängsten um ihre Kinder betroffen.

Lehrer packt seine Sachen im Lehrerzimmer

Manche Lehrer können dem Druck nicht standhalten

Und wie geht es den Lehrern? Fühlen sie sich geschützt durch ihren Beamtenstatus – sind sie unangreifbar? Es gibt viele Lehrer und Lehrerinnen, denen Notenwidersprüche oder Dienstaufsichtsbeschwerden von Eltern über ihr persönliches Verhalten in der Tat psychisch zu schaffen machen. Das kann zu wochenlangen Krankschreibungen bis hin zur Dienstunfähigkeit führen. Besonders schlimm wird es für Lehrer, wenn die Auseinandersetzung mit den Schülern ins Persönliche abgleitet, wenn sie beleidigt und verunglimpft werden.

Lehrer gegen Eltern

Die Fronten zwischen Eltern und Lehrern sind in vielen Fällen emotional verhärtet. Klagen gegen Rentenbescheide sind etwas ganz anderes als Klagen gegen Lehrer oder Schulen. Das eine sind Sachentscheidungen, das andere Entscheidungen, die immer auch etwas mit Sympathie und Antipathie zu tun haben. Es ist ein Teufelskreis, in dem es fast nur Verlierer gibt: leidende Kinder, gestresste Lehrer, überforderte Eltern, Verwaltungen, die versuchen, Klagen zu verhindern.

Gerichtsakten

Außergerichtliche Lösung ist oftmals die beste

Was kann man tun? In vielen Fällen sollte das Kind die Schule wechseln. Damit ist der einzelne Fall gelöst, nicht aber das grundsätzliche Problem. "Soziale Schieflage" und "Ungerechtigkeit" treten vor allem bei Familien mit Migrationshintergrund deutlich hervor. Rund 20 Prozent aller Schülerinnen und Schüler haben in Deutschland ausländische Wurzeln. Sie sind – noch – die Verlierer des Schulsystems. Der Anteil dieser Schüler an Gymnasien etwa entspricht nicht im Entferntesten den statistisch zu erwartenden Zahlen. Besonders betroffen sind junge Türken.

Vorurteile entkräftet

Kölner Kultursoziologen konnten jedoch ein weit verbreitetes Vorurteil widerlegen: Türkische Eltern erkennen durchaus den Wert von Bildung, und zwar auch dann, wenn sie unter die Kategorie "Bildungsfern" fallen. Ihnen fehlen aber die Möglichkeiten, innerhalb des deutschen Bildungssystems Forderungen zu stellen – also bei Bedarf ihre Interessen auch vor Gericht zu erstreiten.

Schüler

Kinder auf dem Weg zur Schule

Ideal wäre, wenn das historisch verspannte Verhältnis zwischen Eltern und Lehrer endlich entspannt würde, wenn es gelänge, eine positive Atmosphäre zwischen Eltern und Lehrern aufzubauen. Dazu zählt die Ansprechbarkeit der Lehrer, ein freundlicher und respektvoller Umgang, dazu zählen aber auch organisatorische Dinge: Wenn Sprechzeiten von Lehrern ausschließlich vormittags liegen, werden sich ganztags arbeitende Mütter und Väter eher ausgeschlossen fühlen.

Wobei alle Theorien unter einem Vorbehalt stehen: Es müssen genug Lehrer da sein, sie umzusetzen. Mit anderen Worten: Die Länder – sie sind für Bildungspolitik zuständig – müssen Geld in die Hand nehmen – viel Geld. Dann könnte sich das Verhältnis "Eltern – Lehrer" eventuell entspannen.

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