Bildung

Netzlehrer Bob Blume: „Schule braucht mehr individualisiertes Lernen“

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INTERVIEW
Christine Langer im Gespräch mit Bob Blume

Individualisiertes Lernen wird seit Jahren von Bildungsforschenden gepredigt, doch es gibt noch immer erhebliche Defizite, die das Konzept konterkarieren. Wie muss Schule sich ändern?

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Unterricht wie vor 50 Jahren

Eine der größten Problematiken des Schulsystems sieht Blume in der Chancenungleichheit. 20 bis 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler würden vom Bildungssystem abgehängt. Auch wenn häufig von Individualisierung gesprochen werde, findet der Unterricht oftmals noch so statt, wie man ihn von vor 50 Jahren kennt, so Blume.

Das Problem dabei: Die Bedingungen von Schule funktionieren nicht so, dass dabei Defizite ausgeglichen werden könnten. Blume ist der Meinung, das Schule auf einzelne Personen eingehen sollte – was sie unter den aktuellen Bedingungen allerdings nicht kann. Bis 2030 werden rund 100.000 Lehrer*innen fehlen, was der Aufarbeitung dieses Defizits nicht förderlich ist, so Blume.

Das Notensystem auf den Kopf stellen

Für Blume müsste das komplette Notensystem in der Schule auf den Kopf gestellt werden. Noten seien schein-objektive Größen, die das Lernen von einer Ziffer abhängig machen: „Die können motivieren – aber auch sehr demotivieren.“, so der Netzlehrer.

Obwohl man mittlerweile wisse, dass Betriebe nicht so sehr auf die Noten schauen und bei den Universitäten so große länderspezifische Unterschiede herrschen, dass die Noten nur bedingt aussagekräftig seien, hält man an diesem System fest.

Die Interessen mehr miteinbeziehen

Für Blume steht eine Frage im Fokus: Was genau soll Schule eigentlich leisten? Der kleinste Gemeinsame Nenner könne sein, so Blume, das Schülerinnen und Schüler Lust haben, weiter zu lernen. Dann würde man eher bewerten, wo Schülerinnen und Schüler besonders gut sind und wo sie nicht besonders gut sind.

Konkret stellt er sich ein Bewertungssystem nach drei Kategorien vor etwa „bestanden“, „nicht bestanden“ und vielleicht noch „mit Auszeichnung bestanden“: „Und dort, wo die Schülerinnen und Schüler oder die Lehrkraft es besonders wichtig finden, könnte man dann ein Feedback geben, das demjenigen, der das Zeugnis erhält, auch wirklich eine Auskunft über die jeweiligen Schwerpunkte gibt. Das heißt, da steht dann keine Durchschnittsnote, sondern ein Feedback der Lehrkraft für den Schwerpunkt, für den die Schülerin oder der Schüler sich interessiert.“

Ausprobiert hat Blume das bereits selbst, mit guten Erfahrungen: „Gerade, wenn es um freiere Lernformen geht – Theater-AG, Medien-AG – da werden oft unglaubliche Leistungen geschafft – und das ganz ohne Noten. Das sind übrigens auch oft die Lernerfolge, an die man sich später noch zurückerinnert.“

Der Youtube-Lehrer aus Bühl

Bob Blume ist Deutschlehrer an einem Gymnasium in Bühl und mit seinen Youtube-Videos zum Deutschunterricht bundesweit als „Netzlehrer“ bekannt geworden. Er ist Autor des Buches „10 Dinge, die ich an der Schule hasse, und wie wir sie ändern können“ und wurde unter anderem als Goldener Blogger des Jahres 2022 ausgezeichnet.

Außerdem ist Bob Blume beim SWR Podcastfestival zu Gast. Für den Podcast SWR2 Wissen, moderiert Ralf Caspary den Science Talk: Fachleute geben ausführliche Einblicke in ihre Forschungen. Sie erklären, was die Wissenschaft zu einem aktuellen Thema sagen kann – und was das für das Leben der Menschen bedeutet.

Gespräch „Netzlehrer“ Bob Blume: Die Schule nicht hassen, sondern ändern

Nein, er hasse die Schule nicht, sagt Bob Blume in SWR2 über sein neu erschienenes Buch „10 Dinge, die ich an der Schule hasse, und wie wir sie ändern können“. Es gehe nicht darum zu resignieren, sondern mit den Praktiker*innen darüber zu sprechen, wie Schule besser funktionieren könne. Blume ist Deutschlehrer an einem Gymnasium in Bühl und mit seinen Youtube-Videos zum Deutschunterricht bundesweit als „Netzlehrer“ bekannt geworden.

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Christine Langer im Gespräch mit Bob Blume