Bitte warten...
Krakelige Handschrift

Schön schreiben war gestern Warum die Handschriftkompetenz schwindet

Nach einer neuen Umfrage des Schreibmotorik Instituts in Kooperation mit dem Deutschen Lehrerverband sind die meisten Lehrkräfte mit der Schrift ihrer Schülerinnen und Schüler unzufrieden. Laut Umfrage schreiben Schüler heute zu unleserlich und zu langsam. Darüber sprechen wir mit Josef Kraus, dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes.

Schüler sitzen am 09.05.2014 in der Abiturprüfung für das Fach Englisch an der Integrierten Gesamtschule (IGS) Roderbruch in Hannover (Niedersachsen).

Abiturprüfung in Klassenraum

Eine Zeugnisnote für die Schrift gibt es schon lange nicht mehr. Manchmal lernen Schüler gleich als erstes mit Druckbuchstaben. Auch das Tastaturschreiben spielt im Unterricht inzwischen durchaus eine Rolle. Das hatte offenbar Folgen. 4 von 5 Lehrern gaben an, die Schrift habe sich in den vergangenen Jahren verschlechtert. Außerdem bringen sie nach Meinung der befragten Lehrer weniger motorische Kompetenzen zum Erlernen der Schrift mit als noch vor Jahren.

Herr Kraus, haben sie dieses Ergebnis erwartet?
Wir haben es erahnt, wir haben erahnt, dass die Mehrheit der Lehrer eine kritische Diagnose abgeben wird, wir haben erahnt, dass in vielen Bereichen die Mädchen nun mal besser abschneiden als die jungen, das alles hat sich jetzt durch die Umfrage mit über 2000 Lehrern aus dem Bundesgebiet objektiviert. Also: wir wissen jetzt, dass die jungen Leute weniger lesbar schreiben, dass sie langsamer schreiben, dass sie keine Ausdauer mehr haben. Wir erleben das gerade bei den Abiprüfungen: da gibt es viele Schüler, die können einfach vier Stunden Schreiben mit der Hand nicht mehr durchhalten.

Hat da das Schulsystem versagt, wird zu wenig im Unterricht geschrieben?
Ja eindeutig, die Schulpolitik ist mit schuld daran. Es gibt in der Grundschule kein Schreibtraining mehr, es gibt keine Noten mehr fürs Schönschreiben, es gibt kein Abschreiben mehr von der Tafel.

Stattdessen gibt es etwa im Fach Deutsch Multiple-Choice-Prüfungen, da muss man nur etwas ankreuzen, es gibt jede Menge kopierte Texte, es gibt Lückentexte, da muss man nur einzelne Wörter einfügen- das alles sind Sünden gegen das Schreiben mit der Hand.

Führt zu dieser Krise auch die Tatsache, dass es ein Wirrwarr an Schreibmethoden gibt?
Uns geht es erst einmal darum, dass überhaupt wieder mit der Hand geschrieben wird. Aber es gibt wirklich ein Wirrwarr, es gibt die reguläre Druckschrift, die Ausgangsschrift, die lateinische Ausgangsschrift, die vereinfachte Ausgangsschrift, das ist völlig unübersichtlich.

Und wir kriegen jetzt auch bei uns eine Debatte wie in Finnland, wo man ja neuerdings es den Lehren anheim stellt, ob im Unterricht mit der Hand oder der Tastatur geschrieben wird.


Was sagen zu der These: Wir müssen heute nicht mehr mit der Hand schreiben, jeder hat doch ein Laptop?
Also erst einmal: Schreiben gehört zu einer der primären Kulturtechniken und kulturellen Überlieferungen überhaupt, Schreiben drückt unsere Kultur und die Individualität des Menschen aus.

Und wichtig ist: Es gibt erste Forschungen die zeigen, dass Studenten, die bei einem Seminar mit der Hand mit schreiben, sich den Lernstoff viel besser einprägen, als solche, die das alles in den Laptop via Tastatur eingeben. Das gibt doch zu Denken.

Aber wie kriegt man ein Gleichgewicht zwischen Digital und Analog hin?
Ich will das eine nicht gegen das anderen ausspielen. Aber ich meine schon, dass man in der Grundschule wieder sehr viel Wert auf das Schreiben mit der Hand legen soll und muss, und erst dann in den weiterführenden Schulen kann und soll man die Schüler an die digitalen Medien heranführen, ans Smartphone, ans Tablet, an den PC, hier sollen sie auch recherchieren lernen mit Google und Co. Aber – wie gesagt- die analoge Grundlage, das Schreiben mit der Hand, die muss in der Grundschule vermittelt werden.

Weitere Themen in SWR2