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Schön alt Wie man mit über 100 gut leben kann

Die Hochbetagten sind die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe in Deutschland. Für um 1900 Geborene betrug die Wahrscheinlichkeit, dass sie einmal 100 Jahre alt würden, nur etwa ein Prozent. Ihre Urenkelinnen haben bereits eine Chance von 50 Prozent, dieses biblische Alter zu erreichen. Die nach 1990 Geborenen werden bereits als Generation C bezeichnet – C wie Centenarians, Hundertjährige. Bleibt es bei diesem Trend, wird es große Veränderungen geben – im Miteinander der Generationen, in den Sozialsystemen.

Fauja Singh (Jahrgang 1911)

Fauja Singh (Jahrgang 1911) gilt als der älteste Langstreckenläufer der Welt

Hundertjährige von heute sind fitter als man denkt, auch wenn tanzende und singende Stars wie Johannes Heesters oder marathonlaufende Konditionswunder wie der aus Indien stammende Brite Fauja Singh sicherlich Ausnahmen sind. Kann es sein, dass sie über eine besonders robuste Natur verfügen?

Verschiedene Strategien des Alterns

Tom Perls

Tom Perls

Tom Perls, der Leiter der New England Centenarian Study, unterscheidet drei Gruppen: Es gibt die sogenannten Survivors, Leute, die relativ früh eine schwere Erkrankung überwunden haben und seitdem ein sehr starkes Immunsystem haben. Es gibt Delayers, das sind die Personen, die altersbezogene Erkrankungen zu einem sehr viel späteren Zeitpunkt entwickeln, als üblich. Und es gibt Escapers, welche einfach von keiner altersassoziierten Erkrankung betroffen sind. Diese Escapers machen allerdings nur 15 Prozent der 1.800 über Hundertjährigen aus, welche Perls in seine Studie einbezog.

Die Probanden einer Heidelberger Studie haben im Vergleich durchschnittlich vier Erkrankungen. 88 Prozent sehen oder hören schlecht. 67 Prozent sind schon mal gestürzt. Zu den gesundheitlichen Problemen kommen Verluste an Ressourcen, wie die Wissenschaftler sagen. Sie meinen damit all das, was man braucht, um gut zu leben.

Was braucht man zum leben?

Mit dem Alter leben lernen

Mit dem Alter leben lernen

Wie schaffen es die Ältesten, mit den Einschränkungen fertig zu werden? Welche psychologischen Stärken helfen ihnen? Diese Fragen standen für die Heidelberger Forscher um Daniela Jopp im Mittelpunkt. Man sollte annehmen, dass eine von Einbußen geprägte Lebenssituation sich stark auf das Wohlbefinden der Hochbetagten auswirkt, dass sie depressiv, mutlos oder sogar lebensmüde werden, doch das Gegenteil ist der Fall. Jopp spricht vom sogenannten Wohlbefindens-Paradox, sie sagt, ihre Probanden verfügen über Selbstwirksamkeit, sie haben das Gefühl, dass sie in der Lage sind, ihr Leben zu kontrollieren. 59 Prozent der 100-Jährigen der Studie leben in Privathaushalten und der Anteil derer, die ganz alleine im Haushalt leben, hat sich sogar verdoppelt auf 30 Prozent.

Das Gen der Jugend

Alter - nur eine Frage der Gene?

Hohes Alter - nur eine Frage der Gene?

In den USA startete 2006 ein spektakuläres Projekt. Initiator: die gemeinnützige X-Prize-Foundation, die durch hochdotierte Preise technische Durchbrüche befördern will. Zuletzt wurden 2011 beispielsweise drei Teams ausgezeichnet, die Lösungen fanden, um ölverschmutztes Meerwasser zu reinigen. Für den sogenannten Genomics X-Prize rekrutierten Altersforscher aus aller Welt 100 gesunde über 100-Jährige als Probanden. Das Projekt hat eine eigene Webseite – genomics.xprize.org.

Der Archon Genomics X-Prize ist ein Wettbewerb, der zehn Millionen Dollar an das erste Team vergibt, das 100 menschliche Genome in 30 Tagen sequenzieren kann – und nicht irgendwelche Genome, sondern solche von Menschen, die 100 Jahre oder länger leben. Das Konzept des Wettbewerbs stammt von Craig Venter, jenem Wissenschaftler, der vor mehr als zehn Jahren den Wettlauf um die Entzifferung des ersten menschlichen Genoms gewann. Doch die Sequenzierung ist nur ein erster Schritt. Was die Basenpaare bedeuten, ist damit längst nicht geklärt.

Genetische Geheimnisse

Misha Angrist lehrt an der Duke University und ist unverdächtig, die Bedeutung der Genomforschung zu unterschätzen. Schließlich hat er seine eigenen Erbanlagen sequenzieren lassen und darüber ein Buch veröffentlicht. Medizinische Durchbrüche auf der Basis von nur 100 Genomanalysen zu planen scheint ihm aber doch kühn. Angrist ist nicht der einzige Skeptiker. Hilger Ropers ist Facharzt für Humangenetik und seit 1984 Direktor des Max-Planck-Instituts für molekulare Genetik in Berlin. Im Jahr 2000 wurde das erste menschliche Genom entschlüsselt. Ropers weiß um die Tücken der Interpretation.

Großmutter, Mutter und Tochter

Gute Gene in der Familie?

Es gibt verschiedene Methoden, um wirklich relevante Veränderungen herausfinden. Eine ist die Familienforschung. Wenn 100-Jährige Brüder, Schwestern und Kinder haben, so leben die ebenfalls eher länger. Das könnte also an den Genen liegen. Eine andere Methode sind epidemiologische Untersuchungen an Kranken und Gesunden, bei denen man im statistischen Vergleich nach Unterschieden in Basenpaaren sucht – besonders häufige Unterschiede könnten mit der Krankheit in Verbindung stehen. Aber selbst wenn man ein Risiko-Gen herausgefiltert hat, können zig andere Genvarianten ihm entgegenwirken. Die erblichen Ursachen von alterstypischen Krankheiten sind weit komplexer, als man lange Zeit annahm.

Der Fadenwurm wird doppelt alt

Oma und Mädchen

Wir werden immer älter

Schon so ein scheinbar simples Merkmal wie die Körpergröße wird mit mehr als 180 verschiedenen Genen in Verbindung gebracht. Für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen hat man 71 Risiko-Gene identifiziert. Und Langlebigkeit? Ist ein äußerst komplexes Phänomen, bei dem viele Faktoren eine Rolle spielen. Nur im Tierversuch, beim Fadenwurm, ist es bislang gelungen, durch eine einzige Genveränderung die Lebenszeit zu verdoppeln.

Jahre dauerten die Vorbereitungen des Genomics X-Prize. Im Oktober 2013 wollte man den Gewinner küren. Das Team, das schnell, korrekt und vor allem preisgünstig das Genom von 100 über 100-Jährigen sequenziert hätte, sollte zehn Millionen Dollar Preisgeld erhalten. Stattdessen wendet sich Peter Diamandis, der Gründer der X-Prize-Stiftung, mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit. Sie hatten festgestellt, dass die Kosten der Genom-Sequenzierung zunehmend rascher sinken, unabhängig von dem Verlauf des Wettbewerbs. Heute können Firmen die Prozedur für weniger als 5.000 Dollar pro Genom machen, in wenigen Tagen – und sie bewegen sich schnell in Richtung der für den Preis gesetzten Ziele. Aus diesem Grund hatten sie entschieden, den X-Prize erstmals abzusagen.

Das Projekt geht dennoch weiter

Was aber geschieht mit den Proben der 100 über Hundertjährigen? Auf Anfrage teilt die X-Prize Foundation mit, die Proben würden vermutlich in eine Biobank überführt, die vom National Institute of General Medical Sciences gesponsert wird. Die DNA-Proben und Daten könnten dann Wissenschaftlern zur Verfügung gestellt werden, welche die Kriterien der Biobank erfüllen.

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