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Wenn die Kleinsten chronisch leiden Schmerz-ABC für Kinder

Zwei Millionen Kinder und Jugendliche hierzulande leiden unter chronischen Schmerzen, 350.000 von ihnen werden so stark beeinträchtigt, dass ihr Alltag weitgehend davon bestimmt wird. Trotzdem werden sie mit ihren Beschwerden oft nicht ernst genommen. Dabei ist eine konsequente Behandlung wichtig, denn traumatische Schmerzerlebnisse in der Kindheit setzen sich im Schmerzgedächtnis fest und können das gesamte spätere Leben beeinträchtigen.

Chronische Schmerzen - das heißt, der Schmerz dauert schon mindestens drei Monate, ist ständig da oder tritt in sehr kurzen Abständen auf. Am häufigsten sind Kopf- und Bauchschmerzen, gefolgt von Muskel- und Gelenkschmerzen. Ihr Alltag wird von ihren Schmerzen bestimmt, mit erheblichen Folgen für ihr soziales Leben und die Schullaufbahn. Das Olga-Hospital in Stuttgart ist die zweite Klinik in Deutschland, die eine multimodale, stationäre Schmerztherapie für Kinder und Jugendliche anbietet. Täglich bespricht das Stationsteam jeden einzelnen Fall. In der Regel bleiben die Kinder drei Wochen, die Eltern werden in die Therapie eingebunden. Denn das Umfeld wirkt auf die Schmerzen und die Schmerzen wirken auf das Umfeld, erklärt Professor Markus Blankenburg, der ärztliche Leiter der neuen Station.

Kind hält sich Hände vors Gesicht

Über 350-tausend Kinder und Jugendliche in Deutschland leiden unter chronischen Schmerzen

Entwickelt wurde diese spezielle Kinderschmerz-Therapie im ersten Deutschen Kinder- und Jugendschmerzzentrum in Datteln in Nordrhein-Westfalen. Professor Boris Zernikow hat das Zentrum 2012 gegründet, er ist einer der renommiertesten Ärzte auf dem Gebiet chronischer Schmerzen bei Kindern. Multimodal bedeutet, dass verschiedene Professionen: Ärzte, Psychologen, Pädagogen, Musiktherapeuten, Biofeedbacktrainer und weitere sich gemeinsam für einen Patienten verantwortlich fühlen.

Bei einem akuten Schmerz gibt es eine Ursache - einen kaputten Daumen, eine verbrannte Hand, eine Entzündung. Auf diesen Reiz hin leiten schmerzempfindliche Nervenzellen ihre Signale ans Gehirn und das Gehirn bewertet diese als Schmerz. Bei chronischen Schmerzen meldet das Gehirn einen Schmerz, obwohl es keinen erkennbaren Auslöser dafür gibt. Der Schmerz hat sich verselbständigt, er hat sich im Schmerzgedächtnis festgesetzt, erklärt Boris Zernikow.

Das Schmerzgedächtnis

Kopf mit Schmerzpunkt

Der Schmerz kann sich im Gehirn verselbstständigen

Der Kopf, der Bauch oder die Gelenke tun weh – in medizinischen Untersuchungen ist aber kein Gewebsschaden erkennbar, die Verletzung ist längst ausgeheilt, in seltenen Fällen gab es nie eine. Viele Ärzte, die sich mit dem Krankheitsbild nicht auskennen, halten die Kinder deshalb für Simulanten, berichtet die Psychologin Anna-Katharina Humberg.

Es ist ein Teufelskreis. Weil der Schmerz nicht nachlässt, fragen sich die Kinder, was los ist, warum die Schmerzen nicht weggehen. Die Psychologen sagen, sie entwickeln „schwarze Gedanken“. Die Kinder fühlen sich hilflos, sie entwickeln Ängste, auf die der Körper dann wieder mit Anspannung und Stress reagiert. Diese Reaktionen gehen als neues Schmerzsignal ans Gehirn, das durch die ständigen Signale immer empfindlicher wird. Die Schmerzschwelle sinkt. Warum das eine Kind aus einer Verletzung einen chronischen Schmerz entwickelt und das andere nicht, wissen die Ärzte nicht.

Die jungen Patienten im Kinderschmerzzentrum bekommen Hilfen an die Hand, mit denen sie die Schmerzen selbst regulieren können, sie sollen wieder einen Alltag leben können, zur Schule gehen, Sport machen, Freunde treffen.

Zwei Kinder im Kindergarten bei der Polonaise

Wegen seiner Schmerzen geschont wird im Schmerzzentrum keiner

Dafür ist es wichtig, dass auch auf der Station ein Alltag gelebt wird.

Tischdienst, Pünktlichkeitsdienst, Weckdienst

An der Wand im Essensraum hängen Einsatzpläne. Wegen seiner Schmerzen geschont wird hier keiner. Im Gegenteil: der Tag ist voll mit Therapiestunden und Aktivitäten. Aufstehen, Betten machen, zur Morgenrunde, in der jeder kurz erzählt, wie es ihm geht. Frühstück, Klinikschule, Ergotherapie, Mittagessen, Gruppentherapie, Schwimmstunde, Biofeedback, Einzeltherapie bei den Psychologen, Ablenkungstechniken üben, Spielenachmittag, Abendessen.

Fünf bis acht Therapiestunden kommen am Tag zusammen. Die Kinder und Jugendlichen sollen dadurch auch lernen, dass sie trotz der Schmerzen etwas leisten können. Zuhause werden sie oft geschont, es wird Rücksicht genommen auf ihre Erkrankung. Bei chronischen Schmerzen sind aber Stressvermeidung und Schonung der falsche Weg, erklärt Anna-Katharina Humberg.

Sondern Ablenkung ist wichtig. Zum Beispiel mit der 54321-Technik: sich ganz auf die Sinne konzentrieren. Jeweils fünf Dinge aufzählen, die man gerade sieht, hört und fühlt. Dann die Anzahl reduzieren. Oder in Gedanken einen sicheren Ort aufsuchen, das eigene Zimmer, einen schönen Strand, einen Garten. Oder das Ablenkungs-ABC: Zu jedem Buchstaben im Alphabet Tiere, Namen oder Reimworte suchen. So wird das Gehirn mit anderen Dingen beschäftigt, so dass es keine Kapazität mehr hat, den Schmerz zu spüren.

Wer zieht sich zurück?

Schmerzen

Zur Ablenkung hilft die 54321-Technik

Am Olga-Kinderkrankenhaus in Stuttgart beginnt Radoslav Pallarz, Stationsleiter und Musiktherapeut, mit der Musiktherapie. Auch sie ist fester Bestandteil der Schmerztherapie. Pallarz und fünf Mädchen sitzen mit verschiedenen Instrumenten im Kreis. Der Therapeut schlägt eine Übung vor, trommelt mit und beobachtet die Gruppe. Wer führt, wer hält den Rhythmus und wer widersteht dem Takt der anderen? Wer zieht sich zurück und gibt dem Druck der Gruppe nach?

In der Musiktherapie werden Verhaltensmuster deutlich, die den Psychologen wichtige Hinweise auf die Persönlichkeitsstruktur der jungen Patienten geben. Die Kinder sollen aber auch Spaß haben und sich entspannen.

Die gelernten Techniken und Strategien müssen zuhause weitergeübt werden. Die Familie muss die Übungen kennen und wissen, wie sie das Kind dabei unterstützen kann. Einmal pro Woche gibt es deshalb ein Gespräch, an dem Eltern und Geschwister teilnehmen sollen. Denn jedes Familienmitglied reagiert anders auf die Schmerzerkrankung des Patienten, erklärt Erika Raab-Schneider, klinische Psychologin der Stuttgarter Schmerzstation.

Falsche Rücksichtnahme

Kind beim Arzt

Außerhalb der Therapiestunden sind die Schmerzen kein Thema


Die Verhaltensmuster in der Familie werden besprochen. Denn das tückische Schonverhalten wird dort meist unterstützt. Die Eltern reagieren mit falscher Rücksichtnahme, sorgen sich um ihr Kind, nehmen es aus der Schule, packen es mit einer Wärmflasche ins Bett, sagen Familienausflüge ab. Sie meinen zu wissen, was gut ist für das Kind. Doch Eltern sollen nicht mehr ständig nach den Schmerzen fragen. Das ist eine Grundregel auf der Station: Außerhalb der Therapiestunden und Gesprächskreise sind die Schmerzen kein Thema.

Das Schonverhalten und die Fragen lenken die Aufmerksamkeit immer wieder auf den Schmerz – und halten ihn dadurch aufrecht. Können aber auch bestimmte Erziehungsmuster die Entstehung von chronischen Schmerzen begünstigen? Ist es ein Risikofaktor, wenn Eltern bei jeder Schürfwunde ins nächste Krankenhaus rennen und das Schlimmste befürchten? Die Psychologin Anna-Katharina Humberg hält die Frage nach Risiko- und Schutzfaktoren für eine der spannendsten der zukünftigen Forschung.

Der Schmerzkreislauf muss demnach unterbrochen werden, sonst sinkt die Schmerzschwelle der Kinder immer weiter ab, das Gehirn wird für Schmerzen immer sensibler.

trost

Schonverhalten kann zu sehr auf den Schmerz lenken

Werden chronische Schmerzen nicht frühzeitig behandelt, kann sich das Gehirn nur sehr schwer davon erholen. Untersuchungen haben gezeigt, dass das Gehirn von Patienten mit chronischen Kopfschmerzen nach 15 Jahren verändert ist.

Im Kinder- und Jugendschmerzentrum Datteln können 60 bis 65 Prozent der Kinder und Jugendlichen geheilt werden. Studien haben nachgewiesen, dass die Therapie langfristig wirkt, der Effekt der Behandlung hielt mindestens zwei Jahre. Diese Therapieerfolge will Markus Blankenburg mit seinem Team auch in Stuttgart erzielen. Boris Zernikow fragt sich vor allem, warum immer mehr Patienten auf seiner Warteliste stehen.

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