Bitte warten...

Schleimpilze Einzeller mit Persönlichkeit?

Ob bei Ameisen, Spinnen oder Hunden – so etwas wie Persönlichkeit bei Tieren zu entdecken, ist bei vielen Verhaltensforschern gerade groß in Mode. Während bei Säugetieren jeder so etwas kennt, haben viele Leute ihre Zweifel, wenn es um vermeintlich einfachere Wesen geht. Jetzt haben französische Biologen Anzeichen für so etwas wie Persönlichkeit bei einem Lebewesen gefunden, bei dem man es wirklich nicht vermuten würde: bei Schleimpilzen.

Audrey Dussutour untersucht das Verhalten von Schleimpilzen

Audrey Dussutour untersucht das Verhalten von Schleimpilzen

Es ist eine Szene wie aus dem amerikanischen Science-Fiction-Film "The Blob": Ein schwefelgelber Fleck schiebt sich auf ein paar Champignons zu, er verdeckt sie unter sich, und gleich darauf scheinen die Pilze zu schmelzen – bis nichts mehr von ihnen übrig ist. Anders als im Kino aber ist dieser gelbe Blob echt. Audrey Dussutour hat seine Bewegungen in Zeitraffer wiedergegeben. Auch wenn der Fleck Schleimpilz heißt, tatsächlich ist er ein Myxomyzet, ein einzelliges Lebewesen.

Riesiger gefräßiger Einzeller

Ausbreitung eines Physarum Polycephalum im Reagenzglas

Ausbreitung eines Schleimpilzes

Das größte Exemplar dieser Art, das sie bisher gesehen hat, hatte eine Fläche von zehn Quadratmetern, sagt die Biologin von der Université Paul Sabatier im französischen Toulouse: So ein Blob besteht aus einer einzigen Zelle mit vielen Zellkernen, er hat also weder Nase noch Augen. Pilze zum Beispiel findet er, weil sie Stoffe abgeben, die sich sehr schnell im Boden verteilen. Der Blob spürt Pilze auf, indem er diesen Stoffen in die Richtung folgt, in der ihre Konzentration zunimmt. Dafür streckt der Blob feine Ausläufer nach allen Seiten aus und spürt die chemischen Signale auf.

Kommunikation mit den Artgenossen

Über ähnliche Botenstoffe tauschen die Schleimpilze Informationen aus, sehr einfache Arten von Kommunikation. Zwei davon haben die Wissenschaftler bisher identifiziert: Erstens hinterlassen die Lebewesen unterwegs eine Schleimspur – wie Schnecken, sagt Audrey Dussutour:

Schleimpilz mit Ausläufern

Schleimpilz mit Ausläufern

Dieser Schleim wirkt abstoßend auf andere Schleimpilze. Die sagen sich: Aha, diese Gegend hat schon ein anderer erkundet. Die zweite Substanz, die wir gefunden haben, bewirkt das Gegenteil: Die Schleimpilze scheiden sie beim Essen aus. Wenn ein Blob eine reichhaltige Nahrungsquelle gefunden hat, setzt er diese Stoffe frei, sie verteilen sich über den Boden und locken Artgenossen an.

Zusammen ist man weniger allein

Audrey Dussutour und ihre Kollegen haben dieses Phänomen als Erste beobachtet:

Der Schleimpilz orientiert sich mit Hilfe von Botenstoffen.

Der Schleimpilz orientiert sich mit Hilfe von Botenstoffen.

Unsere Studie zeigt, dass ein Schleimpilz Artgenossen in seiner Umgebung aufspüren kann. Wenn sich zwei genetisch identische Schleimpilze begegnen, verschmelzen sie miteinander zu einem einzigen Organismus. Verschmelzen bringt Vorteile, denn dadurch entsteht ein größerer Blob und dieser kann sich schneller bewegen und Nahrung finden. Auf der Suche nach Futter streckt er Ausläufer aus, wie Arme. Je größer er ist, desto mehr Arme kann er ausstrecken und desto schneller kann er seine Umgebung absuchen. Daher kommt das Interesse, mit anderen zu verschmelzen.

Nicht jeder Blob verfolgt die gleichen Interessen

Doch offenbar verhalten sich die Schleimpilze Artgenossen gegenüber unterschiedlich, je nach ihrer Herkunft. In Audrey Dussutours Labor gibt es drei Stämme dieser Lebewesen: einen australischen, einen japanischen und einen amerikanischen.

Gelber Schleimpilz

Schleimpilze gehören trotz ihres Namens nicht zur Gruppe der Pilze.

Den australischen Stamm nenne ich den »Kuschelbärenstamm«, weil er sehr sozial ist. Steht er vor der Wahl, sich zu einem Artgenossen oder zu Nahrung zu bewegen, wählt er immer den Artgenossen. Beim japanischen Stamm ist es ähnlich. Nur der amerikanische Stamm ist anders, wir nennen ihn den asozialen Stamm. Der weicht Artgenossen grundsätzlich aus und wählt die Nahrung. Mit einer Ausnahme: Zu einem Blob des japanischen Stamms fühlt er sich hingezogen. Er frisst ihn auf.

Haben Schleimpilze Persönlichkeit?

Es gibt soziale und asoziale Schleimpilze.

Es gibt soziale und asoziale Schleimpilze.

Die Blobs der verschiedenen Stämme verhalten sich jeder auf seine Weise. Deswegen habe sie sich gefragt, ob es nicht Persönlichkeitsunterschiede bei den Schleimpilzen gebe, sagt Audrey Dussutour: Ich werde jetzt nicht vorschnell von Persönlichkeit sprechen, sonst raunzen mich alle Spezialisten auf diesem Gebiet an. Aber Persönlichkeit ist definiert als Verhaltensunterschiede, die über die Zeit stabil sind und sich unter verschiedenen Bedingungen reproduzieren lassen.

Und dieser Definition werden die Beobachtungen gerecht, sagt die Biologin.

Gelber Schleimpilz

Es müssen noch neue Arten entdeckt werden.

Unser einziges Problem: Wir haben lediglich diese drei Stämme im Labor. Um wissenschaftlich sauber unterschiedliche Persönlichkeiten bei den Schleimpilzen nachzuweisen, bräuchten wir aber mindestens 20 Stämme. Dummerweise arbeiten aber alle Gruppen auf der Welt mit denselben drei Stämmen. Wir müssen uns also neue Stämme in der Natur suchen. Und das ist schwierig, denn sie bewegen sich nur im Dunkeln und ihre Sporen sind winzig. Auch wenn wir es erst noch beweisen müssen, glaube ich: Es gibt verschiedene Persönlichkeiten bei diesen Lebewesen.

Weitere Themen in SWR2