Füße stehen auf einer Waage (Foto: Getty Images, Thinkstock -)

Wie beeinflusst die Darmflora unser Essverhalten? Schlank durch Mikroorganismen

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Ob wir hungrig sind, das entscheidet unser Bauch nicht allein. Billionen von Mikroorganismen in unserem Verdauungstrakt haben dabei ein Wörtchen mitzureden. Diese Darmbevölkerung gezielt zu beeinflussen, könnte ein Heilmittel für jene sein, für die ihr Gewicht ein gesundheitliches Risiko geworden ist. Wissenschaftler versuchen jetzt unter den unzähligen Bakterien die zu finden, die uns beim Abnehmen helfen können. 

Jeder fünfte Deutsche bringt viel zu viel auf die Waage. In den USA ist es schon jeder dritte. Doch warum fällt es vielen Menschen so schwer, mit dem Essen aufzuhören? Antworten auf diese Frage sucht Harriët Schellekens vom University College Cork im Innersten des Menschen: Dem Darm. Ihn bevölkern viele Billionen Mikroorganismen. Sie helfen uns bei der Verdauung, aber sie mischen sich auch in die Kommunikation zwischen Bauch und Kopf ein.

Dass der Einfluss der winzigen Darmbewohner ein nicht unbeträchtliches Gewicht haben kann, zeigen Versuche mit Mäusen: Wird einer schlanken Maus die Darmflora eines dicken Tieres übertragen, nimmt sie schlagartig zu. Dicke Menschen dünn zu machen, indem man eine komplett neue Darmbevölkerung ansiedelt, gilt in der Forschung aber keinesfalls als gangbarer Weg. Zum einen hätte die vorangehende Entvölkerung in Magen und Darm gefährliche Nebenwirkungen. Zum anderen gibt es Hinweise, dass Darmbakterien auch bei anderen Erkrankungen - wie Depressionen - eine Rolle spielen. Für eine bakterielle Schlankheitskur sollten also nur bestimmte Mikroorganismen verwendet werden.

Eine Computeranimation eines menschlichen Darms. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Unser Darm wird von Billionen von Mikroorganismen besiedelt, die Einfluss auf unser Essverhalten nehmen. Thinkstock -

Der Einfluss der Mikroorganismen auf unser Hungergefühl

Die Mikroorganismen in unserem Darm beeinflussen zunächst die Hormonproduktion in unserem Körper, erläutert Schellekens: „Wenn wir essen, werden Hormone in unserem Magen-Darmtrakt ausgeschüttet. Durch sie erfährt das Gehirn, ob wir genug gegessen haben oder noch hungrig sind. Die Darmbakterien beeinflussen, wie viel von welchem Hormon gebildet wird.” Dass wir satt sind, signalisieren viele verschiedene Hormone gemeinsam. Für die Botschaft mehr zu essen gibt es dagegen nur ein einziges Hormon: Ghrelin. Das „Hunger-Hormon“ reichert sich in unserem Körper immer mehr an, je länger wir nichts essen. Ist der Bauch voll, sinkt die Konzentration wieder.

Den Hormonspiegel zu manipulieren ist aber nur eine Möglichkeit, wie die Wissenschaft unseren Appetit bremsen oder ankurbeln könnte. Die Wissenschaftlerin Harriët Schellekens ist hingegen besonders interessiert an dem Einfluss verschiedener Stoffwechselprodukte der Mikroorganismen auf unsere Sättigungs- und Hungerrezeptoren. Diese Stoffwechselprodukte könnten Einfluss auf die Auswahl unserer Nahrung haben – uns zum Beispiel dazu bringen, dass wir vorrangig Nahrung zu uns nehmen, die unser Wachstum unterstützt.

Aktuelle Probanten: Mäuse

Um die Wechselwirkungen zwischen bakteriellen Stoffwechselprodukten und Gehirnrezeptoren gezielt in den Blick zu nehmen, arbeitet das Forscherteam um Schellekens mit isolierten Rezeptoren in einer Petrischale, die mit Stoffwechselprodukten von Mikroorganismen in Kontakt gebracht werden. Ergeben sich Wechselwirkungen, finden anschließend Studien an Mäusen statt, um der Frage nachzugehen, wie spezifisch zugeführte Mikroorganismen ihr Fressverhalten beeinflusst.

Eine dünner und eine dicke Maus sitzen zwischen Lebkuchen und Futter und beschnuppern sich. (Foto: dpa -)
Aktuell testen Forscher die Wechselwirkung zwischen Darmflora und Essverhalten an Mäusen. dpa -

Die bisherigen Studien haben zeigen können, dass spezifische Mikroorganismen in unserem Darm tatsächlich unsere Appetit-Rezeptoren im Gehirn beeinflussen.  So können spezifische, kurzkettige Fettsäuren, zum Beispiel sowohl am Hunger-Knopf, dem Ghrelin-Rezeptor, als auch am Seretonin2D-Rezeptor, der ein Sättigungsgefühl erzeugt, drehen und damit helfen, das Hungergefühl zu reduzieren. 

Zukunftsperspektiven: Mikrobiotische Drinks gegen den Hunger
Zukünftig könnten wir alle von den Forschungsergebnissen profitieren. Es wäre zum Beispiel denkbar, dass  einzelne Bakterienstämme zum Beispiel einem Joghurt-Drink untergemischt werden, um Menschen bei der Gewichtsreduktion zu unterstützen.

Bis dahin ist es jedoch noch ein weiter Weg: Weil die Darmflora von Menschen nicht Laborstandards entspricht, wird jeder einzelne Bakterienstamm nicht so stark zum Tragen kommen, wie bei den speziell gezüchteten, fettleibigen Mäusen im Forschungsprojekt. Es ist also noch weitere Forschung nötig. Was vorerst bleibt, um die Darmflora positiv zu beeinflussen, ist ein altes Hausrezept: Gesunde Ernährung. Schellekens erklärt hierzu: „Generell sollten wir den gesunden Menschenverstand nutzen. Ballaststoffe sind Nahrung für die “guten Bakterien“, die zum Beispiel die kurzkettigen Fettsäuren produzieren. Und ein Frühstück mit dunklem Brot und vollwertigen Lebensmitteln ist natürlich gesünder als stark verarbeitetes und fettiges Essen wie Burger und Pommes.“

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