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Schlangen, Nerze, Spinnen – Problematische Haustierhaltung

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Der Trend bei Haustieren geht hin zu Vielfalt und Exotik. Amphibien, Echsen, Spinnen und Schlangen erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Ist eine artgerechte Haltung von Exoten in Gefangenschaft überhaupt möglich?

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Wie man die Exoten zu Hause richtig hält, kann man bei der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT) lernen. Sie ist die weltweit größte Vereinigung ihrer Art. Der Verband ist offen sowohl für Fachleute als auch für Hobby-Terrarianer. Die DGHT bietet zudem regelmäßige Fortbildungen zur Biologie, zum Verhalten und zum Umgang mit Amphibien und Reptilien zu Hause an.

Für die Vizepräsidentin der DGHT, Claudia Koch, hilft die Haltung von Reptilien und Amphibien, bedrohte Tierarten zu schützen. Die Biologin und Herpetologin forscht selbst, und zwar am Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig (ZFMK) in Bonn. Im Fachverband ist sie zuständig für den internationalen Artenschutz.

Was nützt die Erhaltung von Tierarten, wenn diese nicht mehr in der Natur leben?

Claudia Koch nennt als Beispiel eine besondere Krötenart, die Kihansi-Gischtkröte aus Tansania. Fachleute brachten die letzten etwa 500 Gischtkröten zur Vermehrung und für das Überleben ihrer Art in amerikanische Zoos, als in ihrem Lebensraum ein Staudamm errichtet werden sollte. Nachdem der Bestand in den Zoos auf rund 3.000 Tiere angewachsen war, wurde der größte Teil im angestammten Lebensraum in der Kihansi-Schlucht wieder ausgesetzt. Der Rest verblieb für Nachzuchten in den Zoos.

Eyelash Viper (Bothriechis Schlegelii) zusammengerollt auf einem Ast: Nachdem eine Giftschlange aus Privathaltung entwich, erließ Nordrhein-Westfalen ein Verbot für Gifttiere (Foto: imago images, IMAGO / agefotostock)
Eyelash Viper (Bothriechis Schlegelii) zusammengerollt auf einem Ast: Nachdem eine Giftschlange aus Privathaltung entwich, erließ Nordrhein-Westfalen ein Verbot für Gifttiere IMAGO / agefotostock

Die Haltung von exotischen Wildtieren in privater Hand sei aus Tierschutzsicht jedoch abzulehnen, so die Pressesprecherin Laura Schmitz des Deutschen Tierschutzbundes. Dabei haben die Tierschutzverbände nichts dagegen, für den Artenschutz bestimmte Tiere in Gefangenschaft nachzuziehen, um sie vor dem Aussterben zu bewahren. Allerdings unter möglichst tiergerechten Bedingungen und überpüfbarem, fachkundigem Umgang – also nicht unkontrolliert in irgendwelchen Wohnzimmern.

Verbot für die Privathaltung von Gifttieren in Nordrhein-Westfalen

Auch dass die Tiere sehr genügsam seien und Spinnen nur wenig Lebensraum benötigen, wollen Tierschutzverbände wie PETA oder Vier Pfoten nicht gelten lassen. Sie stellen grundsätzlich infrage, ob der Mensch überhaupt das Recht habe, Tiere einzusperren und ihren Lebensraum einzuengen. Es ergeben sich auch ganz praktische Gefahren für Mensch und Umwelt, die von der Anschaffung und der Haltung von Exoten im eigenen Heim ausgehen können.

Im nordrhein-westfälischen Herne konnte eine Giftschlange in die Freiheit entweichen, was zu tagelangen Polizei- und Feuerwehreinsätzen führte. Der Besitzer hielt mehrere Giftschlangen und Spinnen in seiner Wohnung. Weder hatte er die entsprechende Sachkunde für die Haltung der Tiere, noch wurde er von den zuständigen Behörden jemals kontrolliert. Mittlerweile hat die nordrhein-westfälische Landesregierung ein Verbot für die Privathaltung von Gifttieren erlassen. Die Neuanschaffung von Gifttieren wie Schlangen, Skorpione oder Spinnen ist nun nicht mehr erlaubt. Nur wer bisher schon Tiere hatte, darf diese behalten – wenn er sie den Behörden anzeigt.

Eingeschleppter Pilz bedroht heimische Amphibien

Importe von exotischen Tieren bergen zudem das Risiko, dass unbekannte Krankheiten mit eingeschleppt und auf heimische Tiere übertragen werden. Nämlich dann, wenn Käufer vorgeschriebene Quarantänemaßnahmen nicht einhalten. Oder Verkäufer Tiere illegal über die Grenzen schmuggeln.

Auch der ursprünglich aus Asien stammende Chytridpilz wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit, so Biologen, durch den internationalen Tierhandel eingeschleppt. Seit den 1980er-Jahren wütet dieser für Tiere tödliche Krankheitserreger unter den heimischen Amphibien.

Exotische Tiere enden häufig im Tierheim: Bindenwaran hinter einem Ast im Tierheim Berlin (Foto: imago images, IMAGO / Lars Reimann)
Exotische Tiere enden häufig im Tierheim: Bindenwaran hinter einem Ast im Tierheim Berlin IMAGO / Lars Reimann

Dass der unkontrollierte oder illegale Tierhandel eine lange unterschätzte Gefahr für viele Reptilien und Amphibien birgt, bestätigt auch die Herpetologin Claudia Koch. Gerade seltene, optisch auffällige Arten oder solche mit besonderen biologischen Eigenschaften wie lebendgebärende Reptilien sind unter Sammlern in Europa, Asien und den USA sehr begehrt. Normalerweise unterliegen dabei alle Tiere, die nach Europa gebracht werden, strengen Artenschutzauflagen. Das hält Schmuggler aber nicht davon ab, Tiere in Pappröhren zu zwängen, in Kleidern, Stoffballen oder Puppen einzunähen oder auch in Lebensmitteln zu verstecken.

Verbindliche gesetzliche Haltungsregeln gibt es derzeit nur für Hunde

Die Herpetologin Claudia Koch rät deshalb allen Hobby-Terrarianern, exotische Tiere gleich welcher Art, aus Nachzuchten zu kaufen – und von verantwortungsbewussten, sprich sachkundigen Züchtern. Doch eine Studie der Universitäten Leipzig und München im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums kam – wenig überraschend – zu dem Ergebnis, dass sich Halter vor dem Tierkauf häufig nicht genügend informieren oder völlig falsch beraten werden. Insbesondere exotische Tiere enden dann häufig im Tierheim, kritisiert Laura Schmitz vom Deutschen Tierschutzbund.

Verbindliche gesetzliche Haltungsregeln gibt es derzeit nur für Hunde im Rahmen der sogenannten Tierschutz-Hundeverordnung. Für alle anderen Tierarten existieren bislang nur unverbindliche Leitlinien mit Mindestanforderungen an die Haltung, aber ohne jede Rechtskraft. Ein Heimtierschutzgesetz könnte in einem ersten Schritt für die gängigen Heimtiere wie Hunde, Katzen, Hamster und Meerschweinchen die Haltungsbedingungen formulieren. In einem zweiten Schritt könnten weitere Tierarten ergänzt werden, für welche eine Eignung als Heimtier wissenschaftlich nachgewiesen wurde – aus Tierschutzsicht, aber auch aus Sicht des Arten- und des Naturschutzes.

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