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Jeder dritte Leichenschauschein weist gravierende Fehler auf, mahnen Rechtsmediziner. Morde würden vermutlich selten übersehen, Suizide von älteren Menschen schon eher.

Ärztliche Leichenschau: bei jedem Sterbefall Pflicht

Bei jedem Sterbefall ist zuerst die ärztliche Leichenschau Pflicht. Doch Ärzte würden die Leichen zu oberflächlich untersuchen und begnügten sich mit Verlegenheitsdiagnosen, kritisieren Rechtsmedizinerinnen und Rechtsmediziner. Und wer sich nicht für die wahre Todesursache interessiere, der brauche auch keine Sektion. So können aber Suizide, Gewaltverbrechen, ja sogar Morde unentdeckt bleiben. Ideale Voraussetzungen für das perfekte Verbrechen?

Leichenschauscheine weisen sehr häufig Fehler auf

Tatsächlich sind die meisten Leichenschauen in Deutschland sogar fehlerhaft. Der Rostocker Rechtsmediziner Professor Fred Zack ist Autor einer Studie, die diese Problematik aufgreift, 10.000 Fälle überprüft und im Jahr 2017 veröffentlicht hat. Das Resultat ist ernüchternd: Über 97 Prozent der Leichenschauscheine weisen Fehler auf. Meist Flüchtigkeitsfehler wie unvollständige Adressangaben. Doch es fanden sich auch schwerwiegende Patzer. Zum Beispiel übersehene Zeichen einer Gewalteinwirkung.

Alterssuizide bleiben meist unentdeckt

Wenn man diese Fälle hochrechnet auf die Verstorbenen in Deutschland, sind das im Jahr etwas über 4.000 Fälle, die nicht gemeldet werden, obwohl sie gemeldet werden müssten. Doch es sind nicht immer Morde, die hinter Blutergüssen, Abschürfungen oder Knochenbrüchen stecken müssen. Meist ist es der Sturz im Badezimmer oder ein anderer Unfall, der bei der Leiche Spuren hinterlassen hat. Hinter "Intoxikationen" steckt typischerweise auch nicht der Giftmörder, sondern ein Suizid. Gerade bei älteren Menschen kann die absichtliche Medikamentenüberdosierung fehlinterpretiert werden – als natürliches Ende einer schweren Krankheit.

Bestatter mit Leichenwagen und Leiche (Foto: dpa Bildfunk, Armin Weigel (Symbolbild))
Bei der Leichenschau bleibt der Alterssuizid meist unentdeckt Armin Weigel (Symbolbild)

Scheu vor Mehraufwand oder Angst vor der Entdeckung von Fehlern?

Wie häufig das vorkommt? Niemand weiß es. Verlässliche Zahlen hierzu gibt es nicht. Bei der Leichenschau bleibt der Alterssuizid meist unentdeckt. Denn Hausärzte und Hausärztinnen zögern, "ungewisse" oder "unnatürliche Todesursache" auf dem Leichenschauschein zu attestieren. Denn dann muss die Leiche beschlagnahmt und in die Gerichtsmedizin gebracht werden, der Tatort untersucht und mögliche Spuren gesichert werden. Das bedeutet auch, dass bis zum Abschluss der Untersuchungen kein Bestatter beauftragt werden kann.

Nicht nur Hausärzte stellen Leichenschauscheine aus. Leichenschau findet auch in den Krankenhäusern statt, denn fehlerhafte Behandlungen oder missglückte Operationen können tödlich sein. Wie ehrlich sind Medizinerinnen und Mediziner mit sich selbst? Eine heikle Frage, der das rechtsmedizinische Institut der Universitätsklinik Hamburg Eppendorf auf den Grund gegangen ist.

Korrekte Leichenschau: Qualitätssicherung und Patientenschutz

511 Leichenschauen an der Uniklinik Hamburg hat das rechtsmedizinische Institut im Rahmen einer Studie nachgeprüft. Das Resultat ist wenig vertrauenserweckend. Nur bei zwei Dritteln der Leichenschauen stimmten Grunderkrankung und Todesursache mit der Realität überein. Bei jeder zehnten Leichenschau wurde die eigentliche Todesursache nicht erkannt. Vielfach wurden Operationen oder Eingriffe in der Gesamtbetrachtung einfach ignoriert.

Professor Klaus Püschel war bis zu seiner Emeritierung Anfang Oktober 2020 Leiter der Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Hier hat er auch den Zusammenhang zwischen Corona und Thrombosen entdeckt – die Erkrankung mit Covid-19 erhöht das Risiko einer Thrombose nämlich erheblich. Püschel wirft der Politik vor, das Problem der mangelhaften Leichenschau bewusst zu ignorieren. Ohne konsequente Leichenschau geht den Kliniken in Deutschland aber ein wichtiges Instrument der Qualitätssicherung verloren. Gleichzeitig entsteht ein Freiraum für Verbrechen innerhalb der Klinken selbst.

Pfleger konnte mindestens 85 Patient*innen töten, bevor er entdeckt wurde

Am Klinikum Oldenburg hat der Krankenpfleger Niels Högel in einem Zeitraum von 1999 bis 2005 mindestens 85 Patientinnen und Patienten umgebracht. Keiner der verantwortlichen Ärzte und Ärztinnen hat auf den Leichenschauscheinen zumindest "ungewisse Todesursache" angekreuzt, keiner hat die Polizei verständigt. Und das, obwohl die Ärzte Verdacht geschöpft haben mussten. Mit großer Wahrscheinlichkeit hätte die Todesserie so gestoppt werden können. Denn das tödliche Medikament lässt sich durch eine Sektion problemlos nachweisen.

Niedersachsen erhöht Pflichten für Kriminalbeamt*innen

Ab sofort muss in Niedersachsen jeder Todesfall nach einem medizinischen Eingriff der Polizei gemeldet werden. Die prüft, ob ein tödlicher Behandlungsfehler vorliegt oder gar ein Nachfolger von Högel am Werk war. Aber sind Kriminalbeamte dieser Aufgabe überhaupt gewachsen? Ins Krankenhaus werden nämlich ganz normale Kriminalpolizistinnen und Kriminalpolizisten ohne jegliche medizinische Zusatzqualifikation geschickt. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter fordert deshalb schon seit Jahrzehnten, für solche Krankenhaus-Fälle Spezialisten bereitzustellen. Die neue Regelung in Niedersachsen verbessere demnach nicht die Sicherheit der Patienten, sondern sie erhöhe nur das Arbeitspensum der sowieso schon strapazierten Kriminalpolizei.

Die Morde des Niels Högel (Foto: picture-alliance / dpa)
Die Mordserie des Niels Högel hätte durch korrekt durchgeführte Leichenschauen gestoppt werden können

Bundesweites Computerprogramm erfasst Todesursachen

Fast eine Million Menschen sterben jährlich in Deutschland. Das sind: fast eine Million Leichenschauscheine mit Angaben zu Krankheiten und Todesursachen. Ein bundesweit eingesetztes Computerprogramm rekonstruiert die individuelle Grunderkrankung anhand der medizinischen Angaben auf dem Leichenschauschein. Dank dieser zentralen Erfassung ist bekannt, woran die Deutschen sterben:

  • 37 Prozent werden Opfer einer Herz-Kreislauf-Erkrankung
  • 25 Prozent erliegen einem Krebsleiden
  • 7 Prozent sterben an einer Lungenkrankheit

Auf das Konto von Mord und Totschlag gehen nur rund 700 der jährlich knapp eine Million Todesfälle in Deutschland.

Statistik: Hinweise auf Erfolg oder Misserfolg medizinischer Maßnahmen

Solche Statistiken sind natürlich kein Selbstzweck. Darin wird beispielsweise ersichtlich, dass seit Einsatz der HPV-Impfungen bei Mädchen und Jungen die Sterbefälle durch Gebärmutterhalskrebs langsam zurückgehen. Weltweit suchen Forscherinnen und Forscher nach diesen Zusammenhängen, um – ganz nüchtern – herauszufinden, welche gesundheitspolitischen Anstrengungen sich am meisten lohnen. Große Erfolge gibt es bei der Behandlung von Diabetikern. Der Verlust an Lebenszeit konnte bei ihnen um etwa ein Drittel reduziert werden.

Seit 2017 in Bremen: speziell ausgebildete Leichenschauärzt*innen

Das Niveau der Leichenschau in Deutschland muss auch für diese Datensammlungen verbessert werden. Gerade die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig verlässliche Obduktionen sind. Denn die Frage, woran genau die Patienten verstorben sind, ob die Todesursache korrekt zugeordnet werden kann, ist für die weitere Forschung bedeutsam. Doch die gesundheitspolitische Bedeutung der Leichenschau ist weder im Medizinstudium noch in der beruflichen Fortbildung ein Thema.

Verbesserungen haben Kosten zur Folge. Bislang ist beispielsweise noch kein Bundesland dem Vorbild von Bremen gefolgt: Das kleinste deutsche Bundesland hat zum 1. August 2017 die "qualifizierte Leichenschau" eingeführt. Seither begutachtet nach der ärztlichen Leichenschau ein speziell ausgebildeter "Leichenschauarzt" oder eine ausgebildete "Leichenschauärztin" sämtliche Verstorbenen in Bremen und Bremerhaven noch einmal. In der zweijährigen Erprobungsphase der neuen Regelung ist auf diese Weise aber noch kein versteckter Mord aufgedeckt worden.

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