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Sturz mit Folgen Schenkelhalsfrakturen im Alter

Etwa 160.000 Menschen erleiden hierzulande jährlich eine Schenkelhalsfraktur. Diese Zahl wird sich mit der zunehmenden Lebenserwartung in den kommenden Jahren verdoppeln. Denn ab dem 65. Lebensjahr stürzen Menschen immer häufiger. Viele Patienten sind nach der Fraktur pflegebedürftig, leiden unter psychischen Erkrankungen oder versterben. Auf dem Deutschen Kongresses für Orthopädie und Unfallchirurgie wird darüber diskutiert. SWR 2 Impuls spricht mit dem Kongresspräsidenten, dem Orthopäden Prof. Christoph Josten.

Oberschenkelhalsbruch nahe dem Hüftgelenk

Oberschenkelhalsbruch nahe dem Hüftgelenk


Warum sind besonders ältere Menschen betroffen?

Prof. Christoph Josten

Prof. Christoph Josten

Das hat mehrere Gründe. Der erste Grund ist, dass natürlich die Knochenelastizität und die Knochenfestigkeit mit jedem Jahr sinkt, wir nennen das die Osteoporose. Und damit wird der Knochen als solches brüchiger. Der zweite Grund ist, dass die älteren Menschen, was ihre Kognition und ihre Wahrnehmungsfähigkeit betrifft, ebenfalls Verluste haben, das heißt: sie sehen schlechter, sie hören schlechter, sie merken weniger, was im sozialen Umfeld um sie herum passiert.

Vorsicht Stolperfalle

Vorsicht Stolperfalle

Sie merken zum Beispiel nicht mehr, dass ein Teppich auf dem Boden liegt, über den man stolpern könnte, so dass sie einfach aus dem Grunde sturzgefährdeter sind als jüngere Menschen. Das dritte ist, die älteren Patienten haben nicht mehr die Reflexe, die ein junger Mensch hat, sie haben verlernt, quasi geschickt zu fallen. Und ihre Muskelkraft hat nachgelassen, sodass die Schutzmechanismen bei einem Sturz ebenfalls reduziert sind.


Warum bricht man sich, wenn man fällt, besonders leicht den Oberschenkelhals?

Der Oberschenkelhals ist, was den Durchmesser anbetrifft, relativ klein, im Vergleich zu den Kräften, die er aufnehmen muss. Es kommt bei einem Sturz zu einer sehr, sehr hohen Kraftkonzentration. Dort werden die gesamten Kräfte des Körpers auf den Oberschenkel geleitet. weiterhin ist der Oberschenkelhals von der Ernährungssituation her eine
kritische Region ist, die deshalb eine sogenannte Sollbruchstelle ist.

Welche Region ist genau gemeint?

Bevor der Knochen zum Hüftkopf wird. Wir alle wissen, dass der Hüftkopf rund ist, und der Kopf sitzt auf dem Oberschenkelschaft. Und das Zwischenstück, die zweieinhalb Zentimeter zwischen dem Kopf und dem Schaft, der eben den Kopf mit dem Schaft verbindet, das ist der Schenkelhals.

Und warum ist dieser Bruch besonders gefährlich?

Arzt betrachtet Röntgenbild einer Hüfte

Arzt betrachtet Röntgenbild einer Hüfte

Der Bruch ist gefährlich, weil das sehr häufig passiert, unverhältnismäßig häufiger als viele andere Brüche. Er ist deshalb auch gefährlich, weil er selten, beim alten Menschen, wieder so heilt, dass alles ist wie vorher. Der Schenkelhalsbruch führt fast immer –vor allem beim alten Menschen- zum Verlust der Durchblutung des Hüftkopfes. Das heißt, durch den Bruch ist die Ernährung, die Durchblutung zum Kopf hin gestört. Und der Kopf stirbt dann meistens ab.

Sie meinen den Oberschenkelkopf?

Ja.

Was muss man machen, wenn der Sturz nun mal passiert ist?

Die Patienten, die einen Schenkelhalsbruch erlitten haben, sind praktisch bewegungsunfähig. Sie sind nicht mehr in der Lage, alleine aufzustehen. Deshalb ist der Schenkelhalsbruch ein dramatischer Bruch. Deshalb empfehlen wir auch für ältere Patienten, die alleine Zuhause wohnen, einen entsprechenden Alarmmelder zu haben, so dass sie schnell Hilfe rufen können, denn sie sind aufgrund des Bruchs nicht mehr in der Lage sich irgendwohin zu bewegen.

Und dann ruft man also den Notarzt, kommt ins Krankenhaus. Wie wird das dann behandelt?

Operation an einem Hüftgelenk

Operation an einem Hüftgelenk

Wenn es ein Schenkelhalsbruch bei einem betagten Menschen ist, wir sprechen hier von Patienten, die 70 Jahre und älter sind, dann gibt es die Standardoperation, der Hüftkopf wird entfernt, mit dem gebrochenen Schenkelhals, und ein künstliches Gelenk wird eingesetzt.

Jetzt heißt es ja immer wieder, dass gerade dieser Oberschenkelhalsbruch auch öfter Folgeerkrankungen nach sich zieht, also insbesondere wenn die Menschen eben hochalterig sind?


Der Schenkelhalsbruch bei einem alten Menschen entspricht einer schweren Verletzung, die den gesamten Organismus belastet. Selbst wenn der alte Mensch nur 200, 300 Milliliter Blut verliert, das in das Gewebe läuft, dann ist das etwas, was er kaum mehr kompensieren kann, sodass diese Patienten ihre Ressourcen verlieren, was die Infektabwehr anbetrifft, was ihre Kreislaufsituation anbetrifft. Und das macht den Schenkelhalsbruch, neben der lokalen Problematik, auch von der Gesamtprognose her problematisch.

Kann ein solcher Sturz, mit Fraktur, auch psychische Folgen haben?

Na ja, eine Folge ist, dass die Betroffenen nach der Behandlung, nach der OP große Angst davor haben wieder zu stürzen. Teilweise muss man das sogar psychologisch behandeln. Dieses dramatische Ereignis des Sturzes und seiner Folgen hat sich so stark in das Gedächtnis der Betroffenen eingebrannt, dass sie sogar noch Angst haben zu laufen und Angst haben vor dem weiteren Sturz; sie werden dadurch immer immobiler sich, was nicht gut für sie ist.


Jetzt ist zu vermuten, dass durch die steigende Zahl hochaltriger Menschen die Zahl der Betroffenen auch wachsen wird. Das ist ja mit ein Grund warum Sie sich gezielt mit diesem Thema auf dem Kongress auch beschäftigen. Was kann der oder die Einzelne präventiv tun? Reicht es, wenn man knochenstärkende Substanzen zu sich nimmt?

Frau mit Krücken

Frau mit Krücken

Ich danke für diese Frage. Nicht nur der Einzelne kann etwas tun, erst mal sind wir auch als Gesellschaft gefordert. Wir müssen erstens viel mehr Vorsorge betreiben, Präventivmaßnahmen gegen die Osteoporose. Wir müssen viel großzügiger Knochendichtemessungen durchführen, sei es von Hausärzten, orthopädischen Ärzten oder unfallchirurgischen Ärzten. Alle müssen daran denken. Also es geht um die Prävention vor der Osteoporose.
Wir müssten zweitens auch viel aktiver werden. Die Patienten müssen fit gehalten werden, das heißt wir müssen mehr Physiotherapien in Altenheimen, in Pflegeheimen anzubieten. Die alten Menschen muss man wirklich manchmal dazu zwingen, sich täglich zu bewegen. Und dann muss man darauf achten, dass die Patienten gut sehen, dass sie gute Brillen haben, und das sie gut hören.

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