En Mann fasst sich mit schmerzverzerrtem Gesicht mit den Händen an den Kopf. Aus seinem Kopf schießen wirre, gezeichnete Linien, Pfeile und Krakel-Schriften. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)

Ohne Pillen gegen Migräne Weniger Kopfschmerz mit sanften Methoden

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Rund acht Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Migräne. Heftige, pulsierende Kopfschmerzen zwingen die Patienten zur Ruhe, oft ertragen sie nur gedämpftes Licht. Migräne-Medikamente helfen – aber die Nebenwirkungen können beträchtlich sein. Deshalb setzen immer mehr Mediziner ergänzend auf Entspannungsverfahren, Sport und Verhaltenstherapie; dazu gibt es jetzt eine neue Leitlinie für Migränebehandlung ohne Pillen. Ulrike Till hat mit der Präsidentin der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft Dr. Stefanie Förderreuther gesprochen.

Frau Dr. Förderreuther, kann man einen akuten Migräne-Anfall tatsächlich gut auch ohne Medikamente überstehen? 

Medikamente helfen schon am besten. Das werden Ihnen die meisten Patienten auch so schildern. Auch werden sie lieber Nebenwirkungen in Kauf nehmen als eine volle Migräne-Attacke. Aber man kann natürlich zusätzlich noch einiges tun. Man darf nicht denken, Medikamente seien der Alleinläufer und damit wird alles gut, sondern die wirken natürlich auch besser, wenn man sich nach ihrer Einnahme zurückzieht, sich hinlegt, abschaltet.

Der Körper sagt einem eigentlich, was man tun soll. Man will Ruhe, man will die Augen schließen, man will keinen Lärm um sich herum. Das sollten die Patienten mit bedenken. Man kann zusätzlich den Kopf etwas kühlen, man kann eine Art Akupressur machen und die Gefäße an der Schläfe etwas mit den Fingern komprimieren. Das sind alles Dinge, die während einer Attacke ganz gut helfen können.

Eine Frau mit Kopfschmerzen legt ein kühles Tuch auf ihre Stirn (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Es gibt sie: Wirksame Alternativen zu Schmerzmitteln Thinkstock -

 Das sind relativ leichte und naheliegende Maßnahmen. Ich habe gelesen, dass z.B. Biofeedback zu den wenigen Dingen gehört, die man zusätzlich zu den Medikamenten während des Anfalls nutzen kann. Wie sieht es damit aus? 

Das ist richtig. Das ist eine feine Methode. Die Patienten müssen allerdings einen ziemlichen Zeitaufwand betreiben, um die Methode überhaupt erst zu erlernen. Sie brauchen einen entsprechenden Therapeuten, der sie darin schult, der braucht Apparate, die ihm etwas rückmelden. Die Patienten müssen bei dieser Methode erlernen, Körperreaktionen zu steuern, auf die sie normalerweise keinen Einfluss haben. Dazu gehört, wenn sie Biofeedback in der Migräne-Attacke anwenden wollen, zu lernen, wie man die Gefäße am Kopf eng stellt, weil sie in der Migräne-Attacke erweitert sind. Das zu erlernen, erfordert einen Therapeuten, braucht Gerätschaften und einen Zeitaufwand von etwa acht bis 12 Stunden, bis man das wirklich kann.

Aber im Prinzip ist es erlernbar und wäre eine gute Möglichkeit?

Ja, es ist im Prinzip erlernbar. Man muss noch einen Nachteil nennen, der traurig ist, aber wahr: Es gibt leider nicht sehr viele Therapeuten, die diese Methode überhaupt anbieten, so dass es zum Teil einfach schwierig ist, einen Therapieplatz zu bekommen.

Kann man auch lernen, das Schmerzempfinden runter zu regulieren, so dass ich nicht so sehr unter der Migräne-Attacke leide?

Das kann man schon, ja. Wenn Leute sehr in Panik geraten, wenn sie das Gefühl haben, "das hört ja nie auf, ich kann es nicht mehr aushalten" und sich da richtig reinsteigern, dann werden sie den Schmerz auch intensiver erleben. Sie können aber versuchen, sich vom Schmerz abzulenken, die Gedanken woanders hinzuschieben, was zugegebenermaßen nicht unbedingt leicht ist, aber das kann man tatsächlich erlernen und dann viel besser mit dem Schmerz in der Attacke umgehen.

Wenn wir vom akuten Anfall zur Vorbeugung gehen: Es gibt eine Vielzahl von Studien zu Entspannungstherapien. Welche davon funktioniert am besten?

Am besten in die Muskelrelaxation nach Jacobsen. Das ist ein altes Verfahren, das wir in der Migräne-Therapie auch schon ganz lange anwenden. In Sinne der Leitlinie ist das also nichts Neues. Aber wir wollen wirklich nochmal den Schwerpunkt darauf legen, weil man es sehr sehr leicht erlernen kann und weil man die Übungen schon nach wenigen Therapiestunden allein zuhause machen kann, und weil man mit viel Übung schon mit einem Kurzprogramm sehr rasch Entspannung erfahren. D.h. man kann es im Alltag einsetzen. Gerade Patienten, bei denen Stress ein Auslöser für Migräne ist, können im Berufsalltag zwischendurch mal eine Übung einschieben, vielleicht nur für eine Minute, vielleicht sogar kürzer, und wieder entspannt sein. Das hört sich vielleicht abenteuerlich an, aber wenn jemand die Methode sehr gut beherrscht, dazu muss er sie geübt haben, dann kann er das tatsächlich erreichen.

Frau liegt mit geschlossenen Augen im Gras (Foto: Thinkstock.com -)
Entspannung kann Schmerzen lindern Thinkstock.com -

Was sind das für Übungen?

Letztendlich lernen die Patienten, gezielt Muskelgruppen zunächst anzuspannen, zu fühlen, wie sich die Spannung im Muskel anfühlt, und dann locker zu lassen, so dass sie auch lernen, wie es sich anfühlt, wenn der Muskel wirklich entspannt ist. Sie sind, wenn sie das willentlich machen, entspannter, als wenn sie sagen "ach, ich bin doch eigentlich ganz locker und gar nicht verspannt". 

Und wieso kann diese Technik, wohl auch tatsächlich nachweisbar, zu weniger Migräne-Attacken führen? 

Wir denken, dass sie Einfluss nimmt auf die neuronale Erregbarkeit und die Schmerzverarbeitung im Gehirn. Wir haben damit ein Instrument, mit dem wir vor allem die Auslöser von vorneherein behandeln können. Sie hat, denke ich, zwei Mechanismen: zum einen auf den Auslöser eingehend, nämlich schmerzreduzierend zu wirken; auf der anderen Seite aber auch auf die Erregbarkeit der Nervenzellen im Gehirn Einfluss zu nehmen und auf diese Weise die Schmerzverarbeitung zu modulieren.

Heißt das, die Methode nutzt Patienten sowohl in der Akut-Situation als auch langfristig zur Vorbeugung?

In der Akut-Situation würde ich sie nicht unbedingt empfehlen, ganz einfach deshalb, weil sie in einer entspannten Situation die Gefäße erweitert. Und das ist in der Migräne das Problem. Diese Übungen sind also tatsächlich zur Vorbeugung gedacht.

Ein anderer vorbeugender Ansatz ist die sogenannte kognitive Verhaltenstherapie. Die wird für sehr gestresste Migräne-Patienten empfohlen. Was verbirgt sich dahinter?

Das ist eine Verhaltenstherapie, bei denen wir Patienten, die sehr unter Stress stehen, die einen sehr hohen Eigenanspruch haben, Leute, die klassischerweise nicht nein sagen können, beibringen, wie sie ihr Leben besser regulieren, wie sie sich besser takten und auf diese Art und Weise nicht mehr so in Stress geraten. Sie sollen auch lernen, nicht zu hohe Ansprüche an sich selbst zu haben. Das ist letztendlich ein Stress-Bewältigungstraining und, wenn Sie so wollen, ein persönliches Coaching bei vielen Patienten.

Was ist mit Sport? Wieviel bringt körperliche Bewegung, um Migräne langfristig zu lindern? 

Sport ist noch nicht so gut untersucht. Aber nach dem, was man empirisch sagen kann, führt Sport zu einer Senkung der Migräne-Frequenz. Wenn Sie einen regelmäßigen Ausdauersport machen – wir empfehlen drei Mal die Woche 30 Minuten joggen, schwimmen, Fahrradfahren, das sind die klassischen Ausdauersportarten – haben Sie natürlich auch gleich eine andere Struktur in Ihr Leben gebracht. Viele Leute können sich anfangs gar nicht vorstellen, das zu realisieren. Durch den Sport entwickeln sie aber nach einer Weile ein ganz anderes Körpergefühl. Das sind sicherlich Faktoren, die mit dazu beitragen, dass Sport so effektiv ist. Meine Erfahrung ist, dass die Patienten, die ich tatsächlich dazu motivieren kann und die dabei bleiben, sich sehr viel wohler fühlen und eine Reduktion der Attacken-Frequenz erfahren.

Sehr spannend, und Sport ist garantiert ohne Nebenwirkungen.

Das schadet auch bei anderen Sachen nicht. 

Arztgespräch (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
Foto: Colourbox.de -

Was mich sehr verblüfft hat: Oft reicht es schon, Migräne-Patienten sehr ausführlich zu beraten, und es geht ihnen deutlich besser. Wie ist das denn zu erklären? 

Das ist eigentlich sehr einfach zu erklären. Zum einen kommt bei Migräne-Patienten manchmal eine gewisse Angst dazu: "Was geht da vor in meinem Kopf? Ist es nicht doch der Hirntumor? Ist es nicht doch eine drohende Blutung, die sich irgendwie im Vorfeld mit Kopfschmerzen bemerkbar macht?" Diese Sorgen, dass in unserer Schaltzentrale irgendetwas nicht in Ordnung sein könnte, ist etwas sehr Belastendes. Wenn sie aber wissen, das ist eine Migräne, eine Krankheit für sich und kein Warnsymptom vor etwas anderem, dann ist das eine enorme Beruhigung.

Zur Beratung gehört aber auch, solche verhaltenstherapeutischen Aspekte mit dem Patienten zu besprechen, z.B. wie kann er den Sport einbauen in den Alltag, also vielleicht mit dem Fahrrad in die Arbeit fahren, nicht immer das Auto nehmen, nicht immer die Rolltreppe oder den Fahrstuhl, ein oder zwei Haltestellen früher aussteigen – lauter solche kleinen Tipps, die man den Leuten geben kann, wie sie sich ein bisschen rausnehmen können, wie sie ein bisschen Zeit für sich bekommen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt der Beratung.

Ich würde mir auf jeden Fall wünschen, dass das auch in der Abrechnung einen Niederschlag findet, dass das Gespräch für die Patienten so wichtig ist. Viele Ärzte verdienen heute nur an den apparativen Verfahren und können das Gespräch nicht wirklich abrechnen. Das ist sehr schade, weil das oft ein wichtiger therapeutischer Aspekt für den Patienten ist, den man wirklich nicht unterschätzen darf. 

Wie ist Ihre Bilanz? Können diese sanften Ansätze, über die wir gesprochen haben, Migräne-Medikamente zumindest bei einigen Patienten komplett ersetzen? Oder brauchen die Patienten doch immer beides? 

Bei Patienten, die nicht so schwer betroffen sind, können diese Methoden Medikamente ein Stück weit ersetzen. Was alle Untersuchungen gezeigt haben – und davon haben wir noch gar nicht gesprochen – ist, dass das Effektivste die Kombination von beidem ist. Man kann sich weder auf das Medikament allein zu 100 % verlassen noch auf die nicht-medikamentöse Therapie. Wenn man beides aber verbindet, hat man die effektivste Migräne-Therapie, die man sich holen kann. 

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