Mann am Strand von Sylt (Foto: picture alliance / dpa - Kay Nietfeld)

Knapper Rohstoff Warum der Sand verschwindet

Endlose Strände, Sonne, Palmen, Wasser. Das verbinden die meisten Menschen damit, wenn sie an Sand- oder an Strand denken. Damit könnte allerdings bald Schluss sein. Sand ist ein wertvoller Rohstoff und das Vorkommen ist begrenzt. Schon jetzt verschwinden ganze Strände.

Auf den Malediven sind ein Dutzend Inseln gänzlich verschwunden. Leider ist das die bittere Realität. Für viele Touristengebiete an der Küste ist der weltweite Strandschwund eine Katastrophe.

Wer mag sich schon Cancun, Mexiko oder Miami Beach, Florida, ohne seine berühmten Strände vorstellen? Hawaii oder Sylt - ganz ohne Sand? Und was ist mit all jenen, die ihre Häuser am Meer gebaut haben, wo der Strand vor der Haustüre Monat für Monat schmaler wird?

Betonbrücke über den Rhein (Foto: SWR, SWR -)
Ohne Sand gäbe es keinen Stahlbeton, denn dieser besteht zu einem Drittel aus Zement und zu zwei Dritteln aus Sand SWR -

Hauptursache für den Strandschwund ist der Abbau von riesigen Mengen an Sand - hauptsächlich für die Bauindustrie. Rund 15 Milliarden Tonnen Sand pro Jahr gehen unserem Ökosystem dadurch verloren. Die Auswirkungen erleben wir bereits jetzt.

Die Hälfte der Menschheit

Doch die Strände erfreuen nicht nur Urlauber. Sandstrände haben auch eine wichtige Funktion. Sie schützen das Hinterland vor der Kraft des Meeres, vor Stürmen, vor Erosion. Rund die Hälfte der Menschheit lebt inzwischen an Küsten oder zumindest in Küstennähe.

Aus Sicht der Geologin Prof. Maria Mutti von der Universität Potsdam ist das eher ungünstig. In der Vergangenheit haben nicht viele Menschen am Strand gelebt, denn in Stränden- oder in Küstennähe zu sein war kein Privileg. Sondern im Gegenteil, dies war eine sehr gefährliche Konfiguration.

Pflanzen am Ufer des Flusses (Foto: SWR, SWR -)
In der Vergangenheit haben nicht viele Menschen am Strand gelebt, denn in Stränden- oder in Küstennähe zu sein war kein Privileg, sondern gefährlich SWR -

Und der Hunger nach dem Rohstoff Sand ist nach wie vor ungebrochen. Stefan Bringezu, Professor für Nachhaltiges Ressourcenmanagement der Universität Kassel, erklärt, dass Sand und Kies vorwiegend für Bauzwecke eingesetzt werden und als Beimischung für Beton.

Ein Hochhaus aus Sand

Ohne Sand gäbe es keinen Stahlbeton. Der besteht zu einem Drittel aus Zement und zu zwei Dritteln aus Sand. In einer Autobahn stecken rund 30.000 Tonnen Sand pro Kilometer. Beim Bau eines Einfamilienhauses werden rund 200 Tonnen benötigt.

Azra Korjenic, Professorin an der Fakultät für Bauingenieurwesen an der TU Wien, plädiert für einen Bewusstseinswandel. Sie untersucht ökologisch nachwachsende, erneuerbare Materialien, die man als Alternative verwenden kann: Lehm, Stroh, Holz, aber auch andere Baumaterialien wie Schafwolle, Hanffaser und Schilf.

Smartphone am Strand (Foto: © Colourbox.com -)
Auch in vielen anderen Produkten, die uns im Alltag umgeben, ist Sand ein wichtiger Bestandteil, zum Beispiel in Handys © Colourbox.com -

Ein viel versprechender Ansatz. Doch lassen sich damit auch Hochhäuser bauen? Die Hauptträger der Hochhäuser müssten nach dem aktuellen Forschungsstand weiterhin aus Stahlbeton gebaut sein, aber der Rest könnte bereits ganz aus ökologischen Fertigteilen bestehen.

Sand im Geldautomaten

Auch in vielen anderen Produkten, die uns im Alltag umgeben, ist Sand ein wichtiger Bestandteil: Glas, Solarzellen, Wasserfilter. Zahnpasta oder Kosmetika, Poliermittel, Papier, Anstriche, Arzneimittel. Bodenfließen.

Ohne Sand wäre das alles gar nicht denkbar. Ohne Quarzsand, also Silicium, gäbe es auch keine Mikrochips. Computer, Geldautomaten oder Handys.

Containerschiff durchquert Meer (Foto: SWR, Heiner Mueller-Elsner/Agentur-Focus.de - Heiner Mueller-Elsner)
Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler warnen bereits vor den langfristigen Folgen des Abbaus von Sand Heiner Mueller-Elsner/Agentur-Focus.de - Heiner Mueller-Elsner

Ein Leben ohne Sand, wäre das heute überhaupt noch möglich? Sand und Kies sind - nach Luft und Wasser- die am meisten genutzten natürlichen Ressourcen unserer Erde. Sie machen rund 85% aller abgebauten Rohstoffe aus.

Aufgeben von Gebieten

Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler warnen bereits vor den langfristigen Folgen des Abbaus. Auf natürlichem Wege könnten sich die Sandvorräte ganz langsam wieder auffüllen. Doch zunehmend treffen die Sandkörner und Kiesel auf ihrem Weg von den Bergen über die Flüsse in die Meere, auf unüberwindbare Hindernisse: auf Staudämme, Stufen, Begrenzungen oder Mauern.

Studien zufolge findet deshalb nur noch jedes 2. Sandkorn seinen Weg ins Meer. Laut Schätzungen des UN-Umweltprogramms UNEP sind weltweit zwischen 75 und 95% aller Sandstrände vom Verschwinden betroffen. Verstärkt wird das Problem durch den Klimawandel.

Luftaufnahme: Ein Autozug fährt auf dem Hindenburgdamm (Foto: SWR, Vidicom - Vidicom)
Auch die Nordseeinsel Sylt verliert von Jahr zu Jahr an Fläche Vidicom - Vidicom

Der Meeresspiegel steigt um etwa 3 Millimeter pro Jahr an. Zunehmend sichern Sandsäcke und Betonmauern unsere Strände. Andernorts werden bereits besiedelte Gebiete, die am Strand liegen, ganz aufgegeben.

Sinnloses Rumgebaggere

Viele Strände wären schon ganz verschwunden, wenn der Mensch nicht künstlich - durch kostspielige Aufschüttungen - nachhelfen würde. Mit Hilfe von gigantischen Saugbaggern wird Sand vom Meeresgrund aufgesaugt und mit Hochdruck ans Land geschüttet.

Für die Geologin Maria Mutti sind derartige Bemühungen vergeblich, denn diese Sandkörner werden direkt wieder ins tiefe Meer weiter gespült. Die Kosten für die wieder hergestellten Strände sind zudem enorm. Allein die Aufschüttungen in Kalifornien werden auf rund 17,5 Millionen Dollar pro Jahr geschätzt.

Auch die Nordseeinsel Sylt verliert von Jahr zu Jahr an Fläche. Dabei gibt es hoffnungsvolle Ansätze. Sand und Kies könnten - zumindest teilweise- ersetzt werden: durch Material, dass aus dem Abbruch des Baubestandes kommt. Straßen und Gebäude aus recyceltem Beton - kombiniert mit dem Einsatz von nachwachsenden und lokalen Ressourcen also.

Der Berufsverband Deutscher Geowissenschaftler hat Sand übrigens zum Gestein des Jahres 2016 gewählt.

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