Bitte warten...

Das Kreuz mit dem Kreuz Sinnlose Rückentherapien

Wenn es um Operationen an der Wirbelsäule geht, hört man immer wieder schlimme Geschichten. Missglückte Eingriffe. Nach der OP wurde alles nur noch schlimmer. Überflüssige Operationen. Wir sind an eine Klinik gegangen, die sich auf Eingriffe an der Wirbelsäule spezialisiert hat, die SRH-Klinik in Karlsbad-Langensteinbach. Dort haben wir einem renommierten Wirbelsäulen-Chirurg über die Schulter geschaut und überraschende Antworten auf unsere Fragen bekommen.

Rückenoperation

Rückenoperation

Heute liegt bei Jürgen Harms ein Landwirt auf dem Tisch, der sich bei einem Sturz einen Rückenwirbel gebrochen hat. Keine Frage: Hier muss er operieren. Das OP-Team hat den Patienten vorbereitet, jetzt kann Jürgen Harms loslegen. Keine einfache OP. Doch die Klinik hat sich auf solche Operationen spezialisiert, und der renommierte Chirurg ist in Sachen Wirbelsäule extrem erfahren. Was man nicht von allen Kollegen behaupten kann. Mehr als die Hälfte der Operationen von Jürgen Harms sind sogenannte Revisionen: Reparaturen missglückter Eingriffe anderer Chirurgen. Dass bei Rücken-OPs so viel schief läuft, hat seiner Meinung nach verschiedene Ursachen.

Der renommierte Chirurg Jürgen Harms

Jürgen Harms

Jürgen Harms: Wirbelsäulenchirurgie ist ein sehr schwieriges Fach, weil es eine große Anzahl von Krankheiten umfasst, die wir jetzt erst beginnen zu verstehen. Wir haben neben der Bandscheibenoperation heute die Tumorchirurgie an der Wirbelsäule, wir haben die Deformitätenchirurgie. Und es ist ein sehr langer Weg, bis man diese einzelnen Fächer innerhalb der Wirbelsäulenchirurgie versteht und sie eben auch technisch, wenn man operiert, beherrscht.

Leider ist das oft genug nicht der Fall. Röntgenbilder von mehrfach operierten Patienten offenbaren, was anderthalb Jahre nach der OP nicht mehr da sitzt, wo es sitzen sollte.


Jürgen Harms beurteilt misslungene Rücken-OP

Jürgen Harms beurteilt misslungene Rücken-OP

Jürgen Harms: Ich glaube da sieht auch ein Laie, dass hier sehr viel passiert ist: Die Schrauben sind jetzt im Wirbelkörper nach oben gewandert im Vergleich zu hier. Hier sind die Schrauben im obersten Wirbelkörper quasi in die nächste Bandscheibe hineingetreten. Und was problematisch ist und eben auch die Operation erschwert, also auch die Nachoperation erschwert, ist, dass auch dieses Segment, das hier noch gesund war, jetzt zerstört ist.

In der Wirbelsäulenchirurgie fehlen Qualitätsstandards

Pfusch-OP

Pfusch-OP

Lockere Schrauben, schlecht versteifte Wirbelkörper. Dass solche OPs äußerst kompliziert sind, steht außer Frage. Eine bessere Qualität ließe sich trotzdem gezielt fördern, meint der Chirurg Jürgen Harms. Doch dafür fehlt im Gesundheitssystem ein wesentlicher Punkt, nämlich dass es im Rahmen der Wirbelsäulenchirurgie keinen Qualitätsstandard gibt, meint Jürgen Harms: Sie können heute mit einer Fehlerquote von 30 bis 40 Prozent durchaus sagen: Ich bin ein guter Wirbelsäulenchirurg. Wenn Sie gleiche Ergebnisse in der Hüftchirurgie oder Kniechirurgie leisten würden, die ja einen klar ausgewiesenen Qualitätsstandard erfüllen müssen, würden Sie Probleme haben, Patienten zu akquirieren.

Bandscheibenvorfall - es geht auch ohne OP

Trotz hoher Fehlerquote werden mehr Rücken-OPs durchgeführt als nötig. Operationen an der Bandscheibe nach einem Vorfall sind besonders umstritten. Jürgen Harms ist sich sicher: Das hängt auch damit zusammen, dass bildgebende Verfahren wie Kernspintomographie heute fast schon "zu gut" funktionieren: So ein Vorfall lässt sich wunderbar im Kernspin darstellen. Dann sieht es der Patient, dann sieht es der Arzt. Und da ist die Gefahr sehr groß zu sagen: Das operieren wir jetzt schnell weg, dann bist Du in acht Tagen wieder gesund.

Modell eines Bandscheibenvorfalls

Modell eines Bandscheibenvorfalls

Um zu verstehen, warum eine OP bei Bandscheibenvorfällen nicht nötig ist, muss man verstehen, was bei einem Bandscheibenvorfall passiert: Normalerweise wird der gallerthaltige Kern der Bandscheibe von einem Faserring zusammengehalten. Bei einem Vorfall reißt dieser Ring, der Gallertkern breitet sich aus und drückt auf den Nerv. Und das tut weh! Doch um den Patienten von seinem Leiden zu befreien, braucht es einfach Zeit. Auch ohne Operation kann so ein Vorfall heilen, sagt Jürgen Harms, denn dieser ausgetretene Teil ist stark wasserhaltig. Und der kann eben über die Länge der Zeit dehydrieren, schrumpft dann und geht von dem Nerv weg und dann wird der Nerv nicht mehr komprimiert.

Frau mit Rückenschmerzen

Volkskrankheit Rückenschmerzen

Trotzdem greifen Ärzte bei einem Bandscheibenvorfall zu schnell zum Messer, glaubt der Wirbelsäulenchirurg Jürgen Harms. Er ist überzeugt davon, dass 40 bis 50 Prozent der Operationen durch eine konsequente konservative Therapie vermieden werden könnten. Warum dies nicht getan wird, erklärt Jürgen Harms mit Zeitnot: Dies erfordert Geduld beim Patienten und beim Arzt. Unter dem heutigen teilweise Arbeitsdruck ist der Patient gewillt, sich schnell operieren zu lassen, damit er schnell wieder zur Arbeit zurückgehen kann, anstatt vielleicht eine dreimonatige Krankheitsdauer in Kauf zu nehmen, bis ein solcher Bandscheibenvorfall konservativ – also ohne Operation – zur Ausheilung gekommen ist.

Das Ergebnis einer OP muss natürlich nicht schlechter sein als konservative Methoden wie Wärmebehandlung, muskelentspannende Medikamente und Bettruhe – und mit einer OP kann die Besserung vor allen Dingen schneller eintreten. Und bei schweren Vorfällen mit starken Lähmungserscheinungen sei eine OP auch notwendig, betont Jürgen Harms. Doch die Ärzte müssten den Patienten im Beratungsgespräch klarmachen: Immerhin 5 bis 10 Prozent der Bandscheiben-OPs führen zu langwierigen, negativen Folgen, die ohne OP in vielen Fällen zu vermeiden gewesen wären. 

Weitere Themen in SWR2