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Rudolf Diesel Ein Porträt zu seinem 100. Todestag

Im deutschsprachigen Raum ist er wohl einer der bekanntesten Erfinder. Sein Name prangt an fast jeder Tankstelle. Zu verdanken hat der Ingenieur Rudolf Diesel diesen Ruhm dem nach ihm benannten Dieselmotor, den er in den 1890er Jahren erfand und zur Serienreife entwickelte. Dank seiner Erfindungen war Diesel zeitweise Multimillionär, verlor sein Vermögen aber durch Fehlinvestitionen wieder. Vor 100 Jahren, in der Nacht vom 29. zum 30. September 1913, ertrank er bei einer Überfahrt nach England in der Nordsee. Warum, wurde nie geklärt. Frank Eckhardt berichtet über Triumph und Tragik im Leben des genialen Erfinders.

Am frühen Morgen des 30. September 1913 steuert das Dampfschiff SS Dresden den englischen Hafen Harwich an. An Bord herrscht helle Aufregung. Ein Passagier ist spurlos verschwunden: Rudolf Diesel, der berühmte Erfinder aus München.

Zufällig hat einige Tage später ein Lotsenschiff eine Leiche gefunden und hat dann einige Utensilien aus dem Anzug entnommen; ein Portmonee, ein Brillenetui und ein Pillendöschen. Und der Diesel-Sohn Eugen hat dann diese Sachen als die seines Vaters identifiziert. Sagt Horst Köhler, Ingenieur und Autor einer Diesel-Biographie. Der Erfinder war offenbar in der Nordsee ertrunken. Aber warum?

Zum Fleiß motiviert

jung

Rudolf Diesel, 1883

Rückblende. 55 Jahre zuvor, am 18. März 1858, war Rudolf Diesel in Paris als Sohn deutscher Eltern geboren worden. Seine Familie lebte in ärmlichen Verhältnissen. 1870 schickten die Diesels ihren zwölfjährigen Sohn nach Augsburg in eine Pflegefamilie. In der Schule entwickelte Rudolf großes Interesse für Technik und Naturwissenschaften. Im Unterricht lernte er ein Kompressionsfeuerzeug kennen, das ihn später zur Erfindung des Dieselmotors inspirierte.

pumpe

Luftpumpe

Wie Köhler erklärt, war das Feuerzeug ein Glasrohr mit einem Kolben, welcher beim Herunterdrücken die Luft soweit komprimierte und erhitze, dass der darin enthaltene Zunder sich entflammte. Das gleiche passiert auch im Dieselmotor. Dort wird reine Luft von außen, die Verbrennungsluft, so hoch komprimiert, dass der Kraftstoff sich bei der Einspritzung von selbst entzündet.

Dank hervorragender Schulleistungen erhielt Diesel ein Stipendium und begann im Herbst 1875 in München Maschinenbau zu studieren. Wie schon in der Schule lernte er mit viel Fleiß und Ehrgeiz, denn er wollte nie so arm leben wie seine Eltern.

Eis statt Feuer

dampfmaschine

Historische Dampfmaschine

Im Studium erfuhr er, dass selbst die besten Dampfmaschinen seiner Zeit nur etwa 10 Prozent der hineingesteckten Energie in Bewegung umwandeln konnten. Fortan faszinierte ihn das Problem, einen Verbrennungsmotor mit besserem Wirkungsgrad zu entwickeln. Doch in seiner ersten beruflichen Position befasste sich Diesel nicht mit Verbrennung, sondern mit Eisherstellung. Als Leiter einer Eismaschinenfabrik in Frankreich verbesserte er die Technologie und reichte mehrere Patente ein. Finanziell profitierte davon jedoch nur sein Arbeitgeber Linde – womit der junge Erfinder sehr unzufrieden war.

linde

Diesels erster Arbeitgeber

Rudolf Diesel: Da mir mein Kontrakt mit Linde vollständig die Hände bindet, indem ich für Lebzeiten verpflichtet bin, keine eigene Erfindung an Eismaschinen ausbeuten zu dürfen, so habe ich natürlich die Eismaschine und was damit zusammenhängt, in meinen Privatstudien vollständig über Bord geworfen und mich nach anderer Richtung gewendet.

Tüftelnd zum Erfolg

Jahrelang tüftelte Diesel in seiner Freizeit an einem Ammoniakmotor herum – ohne Erfolg. Eines Tages erinnerte er sich an das Kompressionsfeuerzeug aus seiner Schulzeit. Er kombinierte das Prinzip mit vorhandenen Techniken wie dem Viertaktverfahren des Ottomotors und der Mechanik der Dampfmaschine.

Seine Leistung war eben, die Verdichtung der Luft im Zylinder so weit zu treiben, dass sich der eingespritzte Kraftstoff von selbst entzündet. Das haben alle damals vorhandenen Verbrennungsmotoren nicht gekonnt. …erläutert Horst Köhler.

Bahnbrechende Erfindung

dieselmotor

Der erste Versuchsdieselmotor, gebaut zwischen 1893 und 1895

1890 wurde Diesel Leiter der Linde-Vertretung in Berlin. Nebenbei arbeitete er weiter an seinem Motor, den er 1892 patentieren lassen konnte. Um den Motor bis zur Serienreife weiterzuentwickeln, kündigte er bei Linde und schloss mit der Firma Krupp und der Maschinenfabrik Augsburg einen Vertrag. In Augsburg wurden auch die Testreihen mit dem Dieselmotor durchgeführt.

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Weltweit bekannt

1895 schrieb er stolz an seine Frau: Mein Motor macht immer noch große Fortschritte; ich bin jetzt soweit über allem, was bisher geleistet wurde, dass ich sagen kann, ich bin in diesem ersten und vornehmsten Fache der Technik, dem Motorbau, der Erste auf unserem kleinen Erdbällchen, der Führer der ganzen Truppe diesseits und jenseits des Ozeans.

Erschöpfung und Burnout

rudolf

Erfinder der "idealen Wärmekraftmaschine"

Es dauerte allerdings noch zwei weitere Jahre, bis der Dieselmotor störungsfrei lief. Nun war Diesels Traum Wirklichkeit geworden: Er hatte einen Motor mit dem weltbesten Wirkungsgrad erfunden. Doch die jahrelange Anspannung, Rückschläge und Patentstreitigkeiten hatten seine Gesundheit zerrüttet. Im Herbst 1898 erlitt er einen schweren Nervenzusammenbruch. Nach Köhler hat Diesel, modern gesprochen, Burnout-Probleme gehabt, war überarbeitet und hat sich zu viel zugemutet.

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Sozial engagiert

Wirtschaftlich dagegen ging es ihm so gut wie nie zuvor. Die Lizenzen, die er an ausländische Firmen vergab, machten ihn zu einem schwerreichen Mann. Doch der plötzliche Reichtum schien ihm nicht ganz geheuer zu sein. Er schrieb an seine Frau Martha: Es scheint, ich bin zum Finanzmann nicht geschaffen. Ich träume schon davon, wie ich all den Mammon für einen schönen edlen Zweck wieder hinauswerfe. Mein liebes Weib, lass uns, wenn wir reich werden, Gutes tun und wohltätig sein. Die sozialen Verhältnisse zu verbessern, war ihm ein wichtiges Anliegen. Ideen dazu entwickelte er 1903 seinem Buch “Solidarismus“, das allerdings auf wenig Interesse stieß.

Der gescheiterte Finanzmann

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Jubiläumsmünze des ersten funktionsfähigen Dieselmotors

Und auch wirtschaftlich ging es nun immer mehr bergab. Er übergab einer neu gegründeten Lizenzverwertungsgesellschaft in Augsburg seine ganzen Rechte und Patente. Im Gegenzug erhielt Diesel Aktien, die jedoch unerwartet an Wert verloren. Weitere Verluste machte er mit Investitionen in eine Motorenfabrik, in Ölfelder und Immobilien. Während Diesels Motor weltweit Triumphe feierte, war dessen Erfinder hochverschuldet. In der Nacht vom 29. September 1913 schließlich kam er bei einer Schiffsüberfahrt ums Leben. War es Unfall, Mord oder Selbstmord?

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Gedenktafel in einer Werkshalle von MAN DIESEL in Augsburg

Für Horst Köhler ist klar, dass er Selbstmord verübt hat. Am 1. Oktober hätte er, heute würde man sagen, Insolvenz anmelden müssen. Er wäre nicht mehr in der Lage gewesen, seine Schuldzinsen zu begleichen. Und das wollte er niemandem zumuten.

So starb, im Alter von nur 55 Jahren, Rudolf Diesel – ein genialer Erfinder, der zum Finanzmann nicht geschaffen war.

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