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Brasilianische Armenviertel vor der Fußball-WM 2014 Frieden für die Slums in Rio?

In Brasilien gibt es zwei Arten von Polizei: Die Zivilpolizei und die Militärpolizei. Beide haben kein hohes Ansehen. Mit der anders geschulten Militärpolizei in den Befriedungseinheiten soll in den Favelas neues Vertrauen geschaffen werden. Denn Rio de Janeiro will bis zum Beginn der Fußballweltmeisterschaft 2014 die Gewalt in der Stadt drosseln. (Beitrag vom Mai 2013)

Im Oktober 2009 versucht die Militärpolizei von Rio de Janeiro, den Bandenkrieg in der Favela “Morro dos Macacos” zu beenden. Dabei schießen die Drogenhändler einen Polizeihubschrauber ab. Es sterben darin zwei Militärpolizisten. Insgesamt kommen bei dem Polizeieinsatz zwölf Menschen ums Leben. Ein Jahr später soll alles anders werden. Eine “UPP”, eine “polizeiliche Befriedungseinheit”, wird in der Favela Macacos eingerichtet. Favela ist der brasilianische Ausdruck für Armensiedlung.

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Die Favela "Morro dos Macacos" liegt in der nördlichen Zone von Rio de Janeiro. Eine Stunde Busfahrt ist sie vom berühmten Strand Copacabana entfernt.

Blick auf die Favela Cantagalo in Rio de Janeiro

Blick auf die Favela Cantagalo in Rio de Janeiro

Vor vielen Jahrzehnten kamen die Menschen aus dem Landesinneren des Bundesstaats Rio de Janeiro und aus dem armen Nordosten Brasiliens in die Millionenstadt, um sich hier ein besseres Leben aufzubauen.
Das schwierige Leben in einer Favela in selbst errichteten Hütten ohne Trinkwasser, Strom, Müllabfuhr oder Schulen verbesserte sich nur langsam. Gefährlich wurde es in den 1980er-Jahren, als Drogenbanden die Siedlungen zunehmend als Rückzugsorte nutzten und die Polizei versuchte, dagegen vorzugehen. In dieser Zeit entstand mit dem „Favela-Funk“ eine eigene Rapmusik. Einige Funk-Stücke erzählen vom Alltag in den Favelas, von Rassismus und Ausgrenzung. Doch die meisten Texte verherrlichen Waffen und verhöhnen die Polizei.

Rio de Janeiro, Copacabana

Rio de Janeiro, Copacabana

Außerdem sind die Texte oft frauenfeindlich. Im Rap, der hier zu hören ist, wird die Abschaffung der Befriedungseinheiten gefordert.

Fort mit der Befriedung

Der „Morro dos Macacos“ besteht aus drei Hügeln. Sie sind dicht mit zwei- bis vierstöckigen Backsteinhäuschen bebaut. Eine einzige Straße schlängelt sich zwischen den Häusern entlang. Der Name „Morro dos Macacos” bedeutet „Hügel der Affen“. Das Wort Hügel ist in Rio de Janeiro schon immer Synonym für „Armenviertel“, genauso wie das Wort „Favela“. So heißt eine brasilianische Kletterpflanze. Ähnlich wie die Kletterpflanze siedelten sich die Zugewanderten in Rio de Janeiro an den Bergen an und „kletterten diese hoch“.

Eine Zeichnung für einen Rosenmontagswagen in Köln

Eine Zeichnung für einen Rosenmontagswagen in Köln

Favela klingt in brasilianischen Ohren meist negativ. Allerdings kehren seit ein paar Jahren Favela-Bewohner das Bild um. Sie nennen sich offensiv „Favelados“ und zeigen damit ihren Stolz auf ihre Herkunft.
Im Jahr 2008 gab die Regierung des Bundesstaates Rio de Janeiro die alte Strategie zur Bekämpfung der Drogenmafia in den Favelas auf. Üblicherweise griffen die Sicherheitsbehörden die Banden in den Favelas überraschend an, immer gefolgt von Schießereien. Nun aber entschied sich Rio für die sogenannte „Befriedung“.

Totenkopf kommt zum Einsatz

Sie beginnt mit einer militärischen Besetzung durch die Sondereinheit Bope, dem „Bataillon für Spezialoperationen“. Das Bope benutzt Maschinengewehre und einen wendigen Panzer mit Namen „Carveirão“, was übersetzt „großer Totenkopf“ heißt. Nach ein paar Wochen militärischer Besetzung der jeweiligen Favela folgt die Deeskalation. Das Militär zieht ab, eine Befriedungseinheit – eine Polizeistation mit extra ausgebildeter Militärpolizei – hält Einzug.

Panzerpatrouille durch die Rocinha Favela

Panzerpatrouille durch die Rocinha Favela

Grund für das Umdenken der Behörden ist nicht nur, dass in Brasilien 2014 die Fußballweltmeisterschaft stattfindet und Rio ein Austragungsort ist. Zwei Jahre später kommen auch noch die Olympischen Sommerspiele nach Rio de Janeiro. Da soll Rio sicher für die Gäste sein. Und so werden nun Monat für Monat 500 frisch ausgebildete Militärpolizistinnen und Polizisten in die neuen Befriedungseinheiten geschickt. Der Gouverneur des Bundesstaates Rio de Janeiro, Sérgio Cabral, möchte spätestens zu den Olympischen Spielen 2016 die Zahl der Militärpolizisten von 39.000 auf 60.000 erhöhen.

Armut im Idyll

Eine ganz andere Favela als „Morro dos Macacos“ ist „Vidigal“. Vidigal gehört zu den malerischsten Orten von Rio de Janeiro. Auf vielen Postkarten ist der Hang mit seinen Favela-Häuschen abgebildet. Der steile Berg von Vidigal fällt direkt in den Atlantik und ist eingeklemmt zwischen zwei prominenten Stränden.

Brasilianische Polizei stürmt Slum in Rio

Brasilianische Polizei stürmt Slum in Rio

Die Menschen in Vidigal leben nah an ihren Arbeitsplätzen in den Stadtteilen Ipanema und Leblon. Viele staatliche Favela-Programme wurden den Menschen hier in den letzten Jahren angeboten. In Rio de Janeiro gibt es schätzungsweise 1.000 weitere Favelas. Insgesamt sollen bis zum Beginn der Fußballweltmeisterschaft im Juni 2014 vierzig Befriedungseinheiten stehen. Jede Einheit deckt zwar mehrere Favelas ab; allerdings reicht das Geld, das die Stadt in die Befriedung steckt, nur für zehn bis zwanzig Prozent aller Favelas. Davon werden ungefähr 300.000 Bewohnerinnen und Bewohner profitieren. Die exakte Bevölkerungszahl von Rio ist nicht genau bekannt. Die Angaben schwanken zwischen acht und elf Millionen. Davon lebt ein Drittel in Favelas. Das sind drei bis vier Millionen Menschen.

Wie überleben?

Wohnhäuser in der Favela Santa Marta

Wohnhäuser in der Favela Santa Marta

Die Soziologin und Geografin Veronika Deffner von der Technischen Hochschule Aachen führte in einigen Favelas im Nordosten Brasiliens qualitative Studien durch. Sogenannte Megacitys, die über 10 Millionen Menschen beherbergen, sind in Brasilien gewissermaßen zweigeteilt. Sie bestehen aus privilegierten und benachteiligten Vierteln. Letztere sind die Favelas, wo der Staat keine Infrastruktur wie Straßen oder Abwasser stellt. Dass die Menschen aus beiden Teilen voneinander abhängig sind, dass sich beide Systeme gegenseitig stützen, sei in Brasilien hinlänglich erforscht, sagt die Soziologin Deffner. Sie fragte in ihrer Arbeit, was das Zusammenleben stabilisiert. Die Studie hat die Alltagsrealität innerhalb der Favela untersucht und hat gezeigt, dass die Favela ein starker, identitätsstiftender Ort und Lebensmittelpunkt für die Bewohner ist. Die Gewalt, so Veronika Deffner, richtete sich eher nach innen.

Silhouette des Militärs in einer Favela von Rio

Silhouette des Militärs in einer Favela von Rio

Egal wie angespannt die Stimmung auf dem Hügel ist, die Menschen gehen tagein, tagaus zur Arbeit hinunter nach Copacabana. In diesem Stadtteil, der früher zu den nobleren von Rio de Janeiro zählte, leben etwa 250.000 Menschen. Fast alle Hausangestellten, Verkäuferinnen, Autowäscher, Näherinnen, Friseurinnen und Handwerker kommen vom Hügel. Unten lebt die – in der Mehrheit weiße – Mittelschicht. Im Jahr 2009 bekamen Babylônia und Chapéu Mangueira die vierte Befriedungseinheit von Rio. Heute gibt es schon über 30 Befriedungseinheiten.

Nur ein kurzzeitiges Versprechen?

Die Bewohner erhalten momentan viel Aufmerksamkeit, die sie vorher nicht hatten, eine Form von Anerkennung. Doch eine wirkliche Aussage kann man erst treffen, wenn die Fußballweltmeisterschaft vorbei ist.

Von der Gewalt zum Tourismus, die Favela Dona Marta als Attraktion

Von der Gewalt zum Tourismus

In den malerischen Favelas mit Blick auf die Stadt eröffneten in den letzten Jahren Jugendherbergen, Pensionen und Restaurants. Es gibt dort ein starkes Interesse an Immobilien dort und es ist abzusehen, dass diese Favelas eines Tages in die reicheren Stadtviertel integriert werden. Ob sich jedoch in den vielen weniger schönen Favelas das Leben verbessert, steht in den Sternen.