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In der Bedrohung liegt die Chance Zur Aktualität Riemanns

Seine Erkenntnisse hat Riemann vor über 50 Jahren in seinem Buch Grundformen der Angst beschrieben. Seitdem hat sich die Psychologie weiter entwickelt. Doch auch wenn man mit heutigen Psychologen, Psychotherapeuten oder Psychoanalytikern spricht, hört man die große Hochachtung, die sie Riemann zollen.

Was passiert mit einer frühkindlichen Prägung im Erwachsenenalter?

Was passiert mit einer frühkindlichen Prägung im Erwachsenenalter?

Karl König ist 30 Jahre nach Riemann geboren und würde sich wohl selbst als einen dieser Nachfolger bezeichnen. Denn er hat das Riemannsche Modell der vier Charakter-Typen nicht verändert, sondern um zwei erweitert: den phobischen und den narzisstischen Charakter. Kurz gesagt handelt es sich bei einem stark narzisstisch ausgeprägten Charakter um einen Menschen, der andere nur braucht, damit sie ihm ständig bestätigen, wie großartig und einmalig er ist.
Der phobische Charakter hingegen hat schon als Kind verinnerlicht, dass die Eltern ihn nichts selbständig machen ließen aus der Besorgnis heraus: dem Kind könnte ja was passieren. Erst in Gegenwart einer Person, die auf ihn „aufpasst“, fühlt der Phobiker sich sicher. Klassisch ist die Angst vor Plätzen, Spinnen oder der Dunkelheit. Angst, die objektiv nicht gerechtfertigt ist, weil auf dem Platz keine Gefahr droht, weit und breit keine Spinne zu sehen ist und in der Dunkelheit nichts lauert.

Als Riemann sich vor über 50 Jahren daran machte, seine Erfahrungen und Erkenntnisse aus der analytischen Arbeit im Buch Grundformen der Angst zusammen zu fassen, fragten die Hirnforscher noch nicht danach, wie Emotionen, Gefühle, Bewusstsein im menschlichen Gehirn entstehen. Insofern konnte Riemann von dieser Seite auch keine Ergänzung erfahren. Heute ist das anders. Psychologie und Hirnforschung vernetzen sich immer stärker.

Angst kann Bedrohung und Chance zugleich bedeuten

Angst kann Bedrohung und Chance zugleich bedeuten

Einer, der dabei eine führende Rolle spielt, ist Gerald Hüther, Professor an der Uni in Göttingen und Leiter der neurobiologischen Präventionsforschung dort. Er untersucht, wie sich Verschaltungen im Gehirn bilden, die dann von uns als Enttäuschung, Trauer und Wut aber auch als Freude, Zufriedenheit und innere Stärke erlebt werden.

Erfahrungen, die ein Mensch macht, bilden in seinem Gehirn neuronale Muster. Je früher und je häufiger ein Mensch sie macht, umso tiefer prägen sich diese Muster ein. Gerald Hüther benutzt gerne das Bild von den neuronalen Wegen, Landstraßen und Autobahnen. Die bilden sich bereits im Gehirn des Ungeborenen im Mutterleib. Und so geht es auch weiter im späteren Leben, vor allem mit schlechten Erfahrungen: sie prägen das Gehirn des Menschen.

Jeder hat alle Ängste und ist trotzdem immer anders

Jeder Mensch trägt alle Charaktereigenschaften der verschiedenen Angstarten in sich. Das ist nichts Schlimmes oder krankhaftes. Solche Bezeichnungen wie: depressiv, schizoid, zwanghaft, etc. sind lediglich aus klinischen Beobachtungen entstanden. Nähe-, Distanz-, Dauer- oder Wechsel-Typ klingt schon wesentlich neutraler. Gemeint ist aber genau das gleiche.

Unsere differenzierte, moderne Industriegesellschaft mit ihren verschiedenen Berufen könnte vermutlich überhaupt nicht funktionieren, wenn es nicht Menschen mit verschiedenen Charakterstrukturen gäbe und damit auch mit verschiedenen Interessen. Jemand, dessen Charakter sich eignet für die Tätigkeit eines Buchhalters, eines Mathematikers oder Philosophen, würde vermutlich als Animateur in einem Ferienclub nicht sehr gut funktionieren können.

Riemann hilft, die Andersartigkeit von anderen Menschen zu verstehen, zu akzeptieren und zu erklären, was für eine mögliche Lebensgeschichte dahinter stehen könnte. Und darum auch, warum die Welt für jeden Menschen anders aussieht.

Gruppengespräch während einer Konfliktberatung

Gruppengespräch während einer Konfliktberatung

Diagramme des Konflikts

In einem Dorf bei Bern in der Schweiz lebt der Psychotherapeut, Christoph Thomann. Er ist 50 Jahre nach Fritz Riemann geboren, ging in die Grundschule, als Riemann sein Buch Grundformen der Angst schrieb.

Als junger Psychologe hatte Thomann viel mit Paaren zu tun. Diesen stellte er die verschiedenen Ängste von Riemann vor. Beide Partner fanden sich in den Gegensatzpaaren wieder, wie: Ich bin Nähe und Du bist Distanz, oder umgekehrt. So fand Thomann lehrend heraus, dass Riemann eigentlich keine feste Typologie von Charakteren beschrieben hat, sondern wie Menschen sich im Laufe des Zusammenseins, im Laufe von Konflikten polarisieren, extremisieren und verdeutlichen.

Daraufhin hat Thomann ein Koordinatenkreuz in die Fachwelt eingeführt. Am oberen Balkenende steht der Dauer-Typ, am unteren Balkenende der Wechsel-Typ. Links steht der Nähe-Typ, rechts der Distanz-Typ. Es wird das Riemann-Thomann-Kreuz genannt. Man kann es mit einer Landkarte vergleichen, die man für den Augenblick einer Kommunikation ausbreitet und worauf jede Partei sich positioniert. Dieser Moment aber verändert sich sofort, wenn wir mit anderen Menschen zu tun haben, wieder. Jedes Mal müssen die Positionen also neu in dieser Landkarte gefunden und darin eingezeichnet werden.

Graben im Schützengraben

Christoph Thomanns Spezialität ist die Klärung von Konflikten: unter Ehepartnern, in Teams, in Betrieben. Und jeder Konflikt, egal wo er auftritt, folgt einem Muster, dem man sich – wie auf einer Leiter – nähern kann. Oft findet man nicht zusammen auf vielen der einzelnen Stufen. Man muss dann noch eine Ebene tiefer gehen. Man kann dies die Angstebene oder die Ebene der inneren Not nennen. Dort sind die Gefühle oft völlig anders als an der Oberfläche des Streits. Abgewiesen, ausgeliefert und betrogen, enttäuscht, einsam, hilflos, zu kurz gekommen – hier kommen tiefe Bedürfnisse zum Tragen.
Und dies erinnert wieder genau an die Typologie der Ängste nach Riemann.

Computertomographische Darstellung eines Gehirns

Querschnitt des Gehirns mit Hilfe eines Computertomographen

Belohnung mit Botenstoffen

Im Gehirn hinterlässt eine schlechte Erfahrung einerseits ein emotionales und andererseits ein kognitives Netzwerk. Dies erlaubt die genaue Erinnerung an die Einzelheiten und das eigene Befinden in der ausschlaggebenden Situation. Beide Netzwerke sind in der Erfahrung und der Erinnerung aneinander gekoppelt. Kognitiv kann man zwar im Nachhinein verstehen, dass man keine Angst mehr haben braucht, dennoch bleibt die Verbindung über das emotionale Netzwerk im Zusammenhang mit der Erinnerung bestehen.

Aber das Gehirn kann dennoch umlernen. Neue Erfahrungen können das Gehirn im wahrsten Sinn des Wortes neu formen. Gerald Hüther nennt das die Gießkanne der Begeisterung.

Unter den Bedingungen einer neuen und guten Erfahrung werden im Hirn an den Enden genau der Nervenzellfortsätze, die aus den emotionalen Bereichen der alten Erfahrung kommen, neuroplastische Botenstoffe ausgeschüttet. Die dazu führen, dass man die Lösung, die gerade gefunden wurde, um aus der Angst heraus zu kommen, besonders gefördert und aktiviert wird. Es werden neue Eiweiße produziert, welche benötigt werden, um neue Fortsätze zu bilden und neue Kontakte herzustellen. Diese neuen Netzwerke legen sich über andere, ältere und durch ungünstige Erfahrungen entstandene hinüber.

Angst gehört unvermeidlich zu unserem Leben. Sie tritt immer dann auf, wenn wir uns in einer Situation befinden, der wir nicht oder noch nicht gewachsen sind. Sie ist einmal Signal und Warnung bei Gefahren und sie enthält gleichzeitig einen Aufforderungscharakter, nämlich den Antrieb, die Angst zu überwinden. So liegt in jeder Angstsituation immer zugleich eine Bedrohung, aber auch eine Chance. Die Chance einen neuen Entwicklungsschritt zu wagen, indem wir die durch die Angst gesetzte Grenze überschreiten und damit in unserer Weltbewältigung einen neuen Schritt vollziehen.


Literatur zur Erweiterung und Vertiefung des Themas der Sendung

  • Fritz Riemann – Grundformen der Angst – Reinhardt Verlag, München
  • Karl König – Kleine psychoanalytische Charakterkunde – Vandenhoek & Ruprecht , Göttingen
  • Karl König – Arbeit und Persönlichkeit – Brandes & Apsel, Frankfurt a.M.
  • Christoph Thomann / Friedemann Schulz von Thun – Klärungshilfe – rororo Sachbuch 1690
  • Christoph Thomann – Klärungshilfe: Konflikte im Büruf – rororo Sachbuch 60462
  • Gerald Hüther – Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn – Vandenhoek & Ruprecht
  • Gerald Hüther – Biologie der Angst – Vandenhoek & Ruprecht
  • Hans-Joachim Maaz – Die narzisstische Gesellschaft – C.H.Beck, München

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