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Ein schwerer Smog-Schleier umgibt  die Innenstadt von Katowice (Polen)

Smogalarm in Polen Riechdrohnen entlarven Umweltsünder

Smog, schlimmer als in Peking? Das ist keine Seltenheit im südlichen Polen, wo häufig Steinkohle minderer Qualität oder einfach Hausmüll verheizt wird. Ein Jahr vor der nächsten Klimakonferenz in Polen sagt die Gastgeberstadt Katowice dem Smog den Kampf an. Mit Riechdrohnen wollen Forscher jetzt den größten Umweltsündern auf die Schliche kommen.

33 der 50 Städte mit der dreckigsten Luft Europas liegen in Polen. 45.000 vorzeitige Todesfälle, rechnet die Europäische Umweltagentur vor, lassen sich dort jedes Jahr auf Feinstaub und schwarzen Ruß zurückführen. Das wurde viele Jahrzehnte einfach so hingenommen, als Preis für Industrialisierung und wachsenden Wohlstand. Doch seit einiger Zeit formiert sich Widerstand.

Riechdrohne erforscht Luftqualität

Forscher der Bergbau-Universität Katowice haben eine Riechdrohne entwickelt, die mit Sensoren, Kameras und allerlei Messgeräten bestückt ist. Über den Dächern und Schornsteine der südpolnischen Stadt Katowice misst die Drohne den Gehalt an Feinstaub, Kohlendioxid, Stickoxid, ebenso wie Chloridsäuredämpfe und Formaldehyd. Diese Daten werden über Funk an die Umweltingenieure der Bergbau-Universität Katowice übermittelt.

Heizsünder sollen entlarvt werden

In Echtzeit wird so ein Bild der Luftqualität erstellt, entlang der Flugroute der Drohne. Grüne und rote Punkte ploppen auf dem Laptop-Bildschirm auf. Also, Punkte mit guter und mit miserabler Luftqualität. Das Ziel: Es gilt, Heizsünder zu entlarven.

Forscher der Bergbau-Universität Katowice

Die Forscher der Bergbau-Universität Katowice eine Riechdrohne entwickelt, die Umweltsünder aufspüren soll.

Luftverschmutzer-Karte

Während die Drohne schwebt, strömt die Luft durch die Öffnung einer Schuhschachtel-großen, schwarzen Box, die am Gehäuse der Drohne angeschraubt ist. Hier sitzt die Nase der Riechdrohne: optische und lasergestützte Sensoren, die die Luft auf sechs Schadstoff-Parameter hin analysieren.

Marcin-Głodniok, Datenanalyst von der Bergbau-Universität Katowice: “Wir wollen aufzeigen, an welchen Ecken in der Stadt es die meisten Luftverpester gibt. Das visualisieren wir auf Karten, um den Leuten zu zeigen, wie stark die Unterschiede zwischen einzelnen Orten sind und wie es jetzt in diesem Moment um die Qualität der Luft steht. Damit wollen wir ein Bewusstsein schaffen, dass man sich genau überlegt, was zuhause verbrannt wird, und was eben nicht, um Smog zu verhindern und die Gesundheit zu schützen.“

Schlechte Luft durch Kohle-Heizungen

Patyrik Białas vom Aktionsbündnis Katowice Smog Alarm ist dankbar für diese neue und unabhängige Informationsquelle. Denn seine Heimatstadt Katowice mit ihren 300.000 Einwohnern, aber auch die Metropolregion Oberschlesien, leidet jedes Jahr zum Beginn der Heizperiode unter extremem Smog. Nur im südpolnischen Krakau ist die Luft im Winter schlechter.

Kohleofen in Polen

Viele Öfen in Polen sind veraltet, die Heizmittel von schlechter Qualität. Die Emissionen der Privathaushalte sind die Hauptursache für die schlechte Luftqualität.



Der Grund: Über 80 Prozent der Privathaushalte heizt weiterhin mit kleinen Kohle-Öfen. Feinstaub und schwarzer Ruß gehen ungefiltert in die Luft. Und um Geld zu sparen werden oft minderwertige Kohle-Qualitäten verheizt, die noch immer frei verkäuflich sind. Das befeuert die Luftverschmutzung noch. Aus Gewohnheit, oder auch aus blanker Not, wird zudem häufig auch Hausmüll verbrannt. Und das spüre man, sagt der Umweltaktivist Białas.

Bunte, schwere Luft kann man zwischen den Zähnen fühlen

Patryk Białas, Sprecher des Aktionsbündnisses "Katowice Smog Alarm":„Die Luft ist sehr stark, auch schwer. Sehr oft, nicht nur graue Luft kommt aus unseren Kaminen, aber auch gelb, auch schwarz, und so weiter. Die Luft hat konkrete Farben und man fühlt ganz oft die Luft zwischen ihre Zähne.“

Wie schlecht es um die Luft im südlichen Teil Polens steht, das machen die Aktivisten mit einem Zigaretten-Index deutlich. So atmet jeder Bürger in Katowice pro Jahr 1.711 Zigaretten zusätzlich ein. Etwas südlicher an der polnisch-tschechischen Grenze sind es im Jahresschnitt gar 3.400 Zigaretten. Deshalb würden, so Patryk Białas, in der Zeit sehr hoher Luftverschmutzung die Krankheiten von Lunge und Herz um 6 bis 18 Prozent zunehmen.

Patryk Białas, Sprecher des Aktionsbündnisses "Katowice Smog Alarm"

Patryk Białas, Sprecher des Aktionsbündnisses "Katowice Smog Alarm", demonstriert, wie viele Zigaretten die Bürger in Katovice über die verschmutzte Luft unfreiwillig einatmen.



Ein Umstand, dem der Bürgermeister von Katowice, Marcin Krupa, ein Jahr vor der nächsten Weltklimakonferenz COP24 in seiner Stadt den Kampf angesagt hat: „Das Bewusstsein der Bewohner wächst, und das ist gut, weil sie wollen, dass sich was ändert. Und wenn wir jetzt in saubere Energie investieren, dann zahlt sich das später aus. Es ist besser, das Geld jetzt für den Austausch von Heizkessel auszugeben, als es später in die medizinische Behandlung der Leute zu stecken.“

Elektroauto mit Riecher als Unterstützung

Die Riechdrohnen-Forscher vom Umweltcampus der Bergbau-Universität nehmen ihren Bürgermeister beim Wort. Neben der Drohne fährt jetzt auch noch ein Elektroauto durch die Stadt. Also ein Art Riechdrohnen-Auto, dass im Stil eines Google-Wagens, das Luftprofil auf Passanten-Höhe misst.

Riech-Auto und Riechdrohne kamen im vergangenen Winter erstmals zum Einsatz. Derzeit wird an einem Start-Up gebastelt, dass die fliegende Umweltpolizei-Patrouille marktreif macht, sagt Jan Bondaruk, stellvertretender Institutsleiter. Derzeit werden die Daten an die Stadtverwaltung geliefert. Es wird aber auch einen Internetportal gearbeitet, das die Daten dann für jedermann zugänglich machen soll.

Gut für die Bürger, schlecht fürs Image

Und wie immer: die Riechdrohnen-Luftpatrouille weckt Fantasien, ebenso wie Widerstände bei Offiziellen in Oberschlesien. Während einige Bürgermeister das Datenmaterial nutzen wollen, um gezielt Heizsünder zu bestrafen, zeigen sich andere zugeknöpft. Nicht wenige befürchten, dass zu transparente Smog-Daten das Image ihrer Stadt ganz ruinieren könnten.

Bürgermeister von Katowice, Marcin Krupa

Der Bürgermeister von Katowice, Marcin Krupa, setzt sich für bessere Luft ein

Die Regionalverwaltung in Oberschlesien gehört nicht zu den Zauderern. Seit 1.September hat die Polizei das Recht, die Heizkessel in den Haushalten auf Verdacht zu überprüfen. Strafen von bis zu 1.250 Euro sind möglich. Und binnen zehn Jahren müssen in der Region alle alten gegen neue Heizkessel ausgetauscht sein. In den allermeisten Fällen werden dabei die Luftqualität verbessernde, aber wenig-klimafreundliche neue Kohle-Heizungen zum Einsatz kommen, sagt das Umweltberatungsunternehmen ATMOTERM aus Opole voraus.

Tanzen gegen den Smog

Die rund 100 Aktiven beim Katowice Smog Alarm wollen sich damit nicht abfinden, dass in ihrer Region Klima und Gesundheit gegeneinander ausgespielt werden sollen. Und so organisieren sie öffentlichkeitswirksame Tanz -und Musik-Flashmobs. Im Einkaufszentrum, auf öffentlichen Plätzen, auf Festen.
Bis zu 150 Kinder kommen dann schon einmal zusammen, und tanzen gemeinsam für klare Luft – und gegen Smog: auf die Hymne „They don’t care about us” von Michael Jackson.

Die bürgerschaftliche Lobbyarbeit trägt bereits erste Früchte, sagt Umweltaktivist Patryk Białas. Zuletzt forderten 97 Prozent der Befragten kostenlose ÖPNV-Tickets an Smog-Tagen.

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Der Autor Richard Fuchs wurde bei der Recherche durch ein Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung gefördert.

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