Letzte Chance für das nördliche Breitmaulnashorn Wie Forscher das Aussterben verhindern wollen

AUTOR/IN

Forscher am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin haben eine Möglichkeit gefunden, das nördliche Breitmaulnashorn mittels Biotechnologie vor dem Aussterben zu retten. Dazu sollen Eizellen der letzten Weibchen im Labor mit Sperma von bereits gestorbenen Männchen befruchtet. Leihmütter einer verwandter Nashornart könnten die Embryos dann austragen.

Der letzte männliche Vertreter der nördlichen Breitmaulnashörner starb letztes Jahr an Altersschwäche. Zwei Breitmaulnashornkühe dieser Art leben noch, sind aber recht alt und krank. Früher zogen Nördliche Breitmaulnashörner in großer Zahl durch Ost- und Zentralafrika, doch Wilderer rotteten sie fast aus. In seinem Ökosystem ist das nördliche Breitmaulnashorn eine sogenannte Schlüsseltierart. Dort verteilt es unter anderem die Samen von Hunderten Pflanzenarten. Vögel ernähren sich von Parasiten, die in seiner Haut sitzen und Antilopen benutzen Wege, die das Nashorn in den Dschungel gebrochen hat.

Die zwei letzten nördlichen Breitmaulnashornfrauen (Foto: IZW Berlin - IZW Berlin)
Die zwei letzten Vertreterinnen der Art nördliches Breitmaulnashorn. Ihnen sollen Eizellen entnommen werden, um die Art zu erhalten. IZW Berlin - IZW Berlin

Durch künstliche Befruchtung soll Nachwuchs gezeugt werden

Mit Hilfe von Gentechnik wollen Forscher am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin nun die vom Aussterben bedrohte Tierart retten. Dabei nutzen sie die Technik der assistierten Reproduktion. So wurden in der Vergangenheit mehreren Tieren Eizellen und Spermien entnommen und bei -196°C in flüssigem Stickstoff eingefroren, wodurch die Zellen haltbar gemacht werden können.

Für die Eizellentnahme bei den Riesenkolossen wurde spezielles Gerät entwickelt

Schließlich liegen die Eierstöcke bei den zwei Tonnen schweren Breitmaulnashörnern anderthalb bis zwei Meter tief in der Bauchhöhle. Forscher am Leibniz-Institut haben deshalb ein ultraschallgeführtes Spezialgerät entwickelt: Es wird dem betäubten Nashorn rektal eingeführt. Ist auf dem Bildschirm dann ein Follikel zu sehen, sticht eine Nadel durch die Darmwand und entnimmt die Eizelle aus dem Follikel.

Eizellentnahme südliches Breitmaulnashorn (Foto: IZW Berlin - IZW Berlin)
Die Eizell-Entnahme mit dem speziell dafür entwickelten Gerät wird zunächst an weiblichen Vertretern des südlichen Breitmaulnashorns erprobt. Diese Population ist noch nicht vom Aussterben bedroht. IZW Berlin - IZW Berlin

Der Genpool wird mittels Biotechnologie erweitert

Doch die vorhandenen Spermien und Eizellen weisen einen zu geringen genetischen Pool auf. Deshalb musste der erst aufpoliert werden. Schließlich soll eine sich selbst erhaltende, genetisch gesunde Population des Nördlichen Breitmaulnashorns entstehen, die in der Wildnis überleben kann.

nashornmann (Foto: IZW Berlin - IZW Berlin)
Das bereits gestorbene letzte männliche nördliche Breitmaulnashorn IZW Berlin - IZW Berlin

Dafür greifen die Forscher auf Gewebeproben weiterer nördlicher Breitmaulnashornindividuen zurück. Mit diesen Gewebeproben sollen sogenannte embryonale Stammzellen generiert werden. Professor Thomas Hildebrandt, der die Arbeitsgruppe in Berlin leitet, erklärt:

Bei diesem Prozess kommt es zu einer Rückprogrammierung der Hautzellen in embryonale Stammzellen und diese embryonalen Stammzellen werden dann in diese Sperma - produzierenden oder Eizell - produzierenden Zellen umgewandelt.

Leihmütter tragen dann die Breitmaulnashorn-Babies aus

Zunächst werden die so enstandenen Eizellen mit den Spermien befruchtet. Hildebrandt setzt darauf, dass sich Tiere, die aus dieser Technologie entstehen, normal verhalten und über mehrere Generationen normal fortpflanzen können. Im Versuch mit Labormäusen hat das schon funktioniert.

Eizellen des südlichen Breitmaulnashorns (Foto: IZW Berlin - IZW Berlin)
Eizellen des südlichen Breitmaulnashorns IZW Berlin - IZW Berlin

Die Embryonen sollen schließlich in die Gebärmutter südlicher Breitmaulnashornkühen eingesetzt werden. Das ist nötig, da die letzten zwei nördlichen Breitmaulnashornkühe aufgrund von Alter und Krankheit nicht in der Lage zu einer Schwangerschaft sind.

Ziel des Projektes ist, das nördliche Breitmaulnashorn vor dem Aussterben zu bewahren

Die Hoffnung der Forscher ist groß, mit diesen Methoden das nördliche Breitmaulnashorn als Art retten zu können. Sie grenzen sich dabei klar von den Versuchen an der Harvard University ab, das Wollhaar- Mammut wiederzubeleben. Diese Versuche hätten mit Artenschutz nichts zu tun, sagt Hildebrandt.

Forscher Hildebrandt fordert, dass die Wissenschaft sich vorrangig um Projekte wie die Rettung des nördlichen Breitmaulnashorns oder als nächstes des Sumatra - Nashorns kümmert. Eben um Tiere, die aktuell vom Aussterben bedroht und Schlüsseltierarten in ihrem Ökosystem sind. Das Zurückholen von zehntausend Jahre alten, ausgestorbenen Tieren erachten die Forscher vom Leibniz - Institut für Zoo - und Wildtierforschung für nicht sinnvoll.

AUTOR/IN
STAND