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Eine Lehrerin unterhält sich mit ihren Schülern

Resonanzpädagogik Der Lehrer als Stimmgabel

Hartmut Rosa ist Professor für Soziologie an der Uni Jena, und er ist zugleich Spezialist für Resonanzerfahrungen, das ist eine ganz wichtige Säule seiner Theorie: Solche besonderen Erfahrungen schweißen Ich und Welt zusammen, sie immunisieren gegen Entfremdungserfahrungen, gegen den Verlust an Nähe und Emotionalität. Dieses Projekt versucht Rosa auch für die Schule fruchtbar zu machen, er hat zusammen mit dem Pädagogen Wolfgang Endres ein Buch geschrieben: "Resonanzpädagogik - Wenn es im Klassenzimmer knistert".

Wann knistert es denn im Klassenzimmer?

Harmut Rosa: Das sind die Situationen, bei denen sich keiner mehr anstrengen muss zuzuhören, wo mühelos Aufmerksamkeit hergestellt und fokussiert wird, weil alle das Gefühl haben, das, was gerade verhandelt wird, das geht sie unmittelbar an, hat eine Bedeutung für sie, und man ist dann ganz anwesend.

Aber das sind doch nur kurze Momente?

Ja klar, Resonanzmomente sind nicht die Regel, aber es passiert immer wieder, jeder kann sich an Schulstunden erinnern, die träge und dröge waren, plötzlich wurde etwas gesagt, und alle waren elektrisiert; oder es sind Momente, in denen der Lehrer aus seinem Leben erzählte, da gab es Resonanz, weil da etwas riskiert wurde.

Ich kenne das: mein Sohn hat mir erzählt, die Englischstunden wurden immer dann spannend, wenn der Lehrer seine Motorradfahrt durch die USA schilderte, da hörten alle zu.

Das ist hoch interessant, das ist auch ein Tipp für Lehrer. Schüler wollen die individuelle Stimme des Lehrers hören, Sie wollen, dass der Lehrer persönlich engagiert und involviert ist, dann kommt es zu einer Übertragung auf die Schüler, die fragen sich dann, hat das für mich eine Bedeutung, kann das was mit mir machen. Solche Resonanzerfahrungen können die Menschen verwandeln.

Motorradfahrer fährt mit hoher Geschwindigkeit. Die Umgebung drum herum verschwimmt durch die Bewegungsunschärfe.

Persönliche Geschichten schaffen Resonanz


Inwiefern?
Wir sagen ja zum Beispiel, ich habe dieses Buch gelesen oder das Musikstück gehört, das hat mich total verwandelt, da ist etwas mit mir passiert, und das sind dann die biografisch entscheidenden Momente im Leben. Das heißt auf die Schule übertragen: der Stoff beginnt für die Schüler zu sprechen, er zieht sie in ihren Bann, verändert sie, das ist der Trick von gelingendem Unterricht.

Schwierig, wie kann die binomische Formel mich ansprechen?

Also da nehmen Sie aber eins der härtesten Beispiele. Ich nehme einfachere: Ein Gedicht, das man nicht nur analysieren kann, sondern das einen berühren kann. So etwas gilt auch für die Geschichte, auch da kann man ja Feuer fangen für die Zeit der Römer. Also es geht ums Funkenerzeugen, und da gibt es auch mathematische Begeisterung. Deshalb ist der Lehrer wichtig, er zeigt, wie begeistert er ist.

Eine Lehrerin rechnet etwas an der Tafel vor

In Fächern wie Mathematik sprühen die Funken der Begeisterung viel zu selten

Ist der Unterricht dafür nicht viel zu verkopft?

Also ich sage: Resonanzerfahrungen haben eine große emotionale leibliche Dimension, man bekommt in solchen Momenten Gänsehaut. Ich glaube, der Lehrer kann eine Art Stimmgabel ein, er tönt und klingt selbst und kann seine Schüler zum Tönen bringen, das wird im Moment in der Schule zu sehr vernachlässigt.

Aber wie soll der Lehrer eine Stimmgabel sein, er ist doch zumeist überlastet, vielleicht genervt von 35 Schülern?

Natürlich ist Schule häufig Entfremdungszone, in der Lehrer das Gefühl haben, sie erreichen die Schüler nicht, ihnen sagt der Stoff nichts mehr. Ja, das gibt es, aber auch die umgekehrte Erfahrung: Lehrer lassen sich auf das ein, was die Schüler ihnen erzählen, was sie fragen. Es ist eine große Kunst, auch im Unterricht das Abwegige, Plötzliche zuzulassen, da lässt sich der Lehrer ein auf die Stimmung und die Bedürfnislage des Schülers, er wird zur Stimmgabel, und das ist eine große Kunst. Als Lehrer sollte man nicht immer nur auf die richtige Antwort setzen, sondern man sollte solche Freiräume für Resonanz schaffen.

Sind Sie Idealist?

Ja, aber ich glaube, wir brauchen doch eine Idee, was es heißt, wie gelungene Bildung aussieht. Ohne eine Idee davon zu haben, können wir doch gleich alles vergessen, dann machen wir uns blind und akzeptieren die Realität, so wie sie ist, das wäre furchtbar.

Wie sieht gelingender Unterricht aus?

Schule sollte auf keinen Fall ein Dienstleistungsbetrieb sein, in dem es um Kompetenzen geht, um Leistungen, die erbracht werden, oder um Deputate. Schule muss zu einem Raum werden, der Schüler zum Sprechen bringt, das ist das Geheimnis von Bildung: die Dinge und Menschen werden zum sprechen gebracht, das ermöglicht dann Resonanzerfahrung. Und das betrifft immer die ganze Schule, die Architektur, die Unterrichtskultur, die Lehrer und Schüler; Schule muss ein angstfreier Raum werden, wenn man sich auf Resonanz einlässt, wird man verwundbar, niemand weiß, was dabei wirklich herauskommt, deshalb muss Schule angstfrei sein.

Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa

Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa

Das ist doch utopistisch, Schule hat doch mit Angst zu tun, mit Versagensängsten, Prüfungsgangst, Angst vor Noten?
Nein, das ist nicht utopistisch, man kann doch in der Schule mit Noten leben, ohne daran existentielle Ängste zu knüpfen, das ist doch realistisch.

Was würden sie als Kultusminister tun?
Auf dieser Ebene bewege ich mich nicht, Resonanzbeziehungen haben immer das Moment des Unverfügbaren, man kann sie nicht verordnen, künstlich erzeugen, politisch auf den Weg bringen, das funktioniert nicht.


Das Buch "Resonanzpädagogik: Wenn es im Klassenzimmer knistert" von Harmut Rosa und Wolfgang Endes ist 2016 im Beltz-Verlag erschienen und kostet 16.95 Euro.

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