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Reparieren statt Wegwerfen Gegen den geplanten Produkttod

Nachhaltigkeit, Langlebigkeit – würden Firmen tatsächlich ihre Produkte in diesem Sinne produzieren, hätten sie weniger Kunden. Waschmaschinen, Fernseher, Laptops oder Spielekonsolen geben darum oft kurz nach Ablauf der Garantiezeit den Geist auf. Doch reparieren ist viel einfacher, als man denkt.

Die Organisatoren der Berliner Repair-Night und ihre Teilnehmer sind Teil der immer größer werdenden Repair-Bewegung. Die ursprüngliche Idee stammt aus den Niederlanden. Die niederländische Umweltjournalistin Martine Postma hatte es satt, Dinge einfach wegzuwerfen, also veranstaltete sie im Oktober 2009 in Amsterdam das erste Reparaturtreffen: und formulierte das "Repair Manifesto": "Don’t end it, mend it! Wirf es nicht weg, sondern reparier es!" Mittlerweile sind in den Niederlanden über 100 Repair-Cafés entstanden und auch in Deutschland erfreut sich die Bewegung wachsender Beliebtheit.

Geplanter Verschleiß

Jeder hat das schon mal erlebt: Waschmaschinen, Fernseher, Laptops oder Spielekonsolen geben kurz nach Ablauf der Garantiezeit den Geist auf und sind für den Laien nicht mehr zu reparieren. Für Stefan Schridde, Unternehmensberater für Qualitätsmanagement und Initiator der Verbraucherinitiative "Murks, nein danke" ist es klar, woran das liegt: in den Geräten wird ein vorzeitiges Verfallsdatum eingebaut.

Davon leitet sich die Theorie der "geplanten Obsoleszenz" ab, was so viel heißt wie "geplanter Verschleiß". Bei der geplanten Obsoleszenz geht man davon aus, dass die Lebensdauer von Produkten vorsätzlich verkürzt wird, um den Konsumenten so bald wie möglich zu einer neuen Kaufentscheidung zu bewegen.

Produkttod nach Plan

Geräte vorschnell kaputt gehen zu lassen, das ist eigentlich ein Fall für den Verbraucherschutz. Daher hat sich die größte Verbraucherorganisation Deutschlands, die Stiftung Warentest, mit der These des geplanten Produkttodes beschäftigt und untersucht, ob an den Vorwürfen etwas dran ist. Wir treffen den wissenschaftlichen Leiter der Stiftung Warentest Dr. Jürgen Nadler in der Zentrale am Lützowplatz in Berlin. Auf die Frage, ob es die geplante Obsoleszenz gibt, winkt er ab. Jürgen Nadler hält alles für eine Verschwörungstheorie. Die Stiftung Warentest hat bei ihren Dauerprüfungen keine Strategie gezielter Sollbruchstellen feststellen können.

Geräte mit eingebauten Schwächen -  Absichtlicher Murks

Elektrogeräte - produziert, um schnell kaputtzugehen?

Glühbirnen-Komplott

Doch die These vom geplanten Verschleiß hält sich hartnäckig. Denn scheinbar wird sie durch die eigene Alltagserfahrung belegt. Außerdem hat es bereits einen belegten Fall von geplanter Obsoleszenz gegeben. In den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts haben sich die großen Glühbirnen-Hersteller Osram, Philips und General Electric in einer geheimen Absprache darauf geeinigt, Glühdrähte in schlechterer Qualität zu produzieren. Weil die Glühbirnen sonst einfach ewig gehalten hätten. Ein Gerichtsurteil hierzu hatte keine Konsequenzen. Begründet wird das mit einem Kompromiss zwischen Lebensdauer und Lichtausbeute. Doch es gibt noch eine Glühbirne, die 1901 vor der Entstehung des Kartells produziert worden ist, und deren Glühen man über eine Webcam im Internet verfolgen kann.

Schnelllebige Produkte

Einig hingegen ist sich die Wissenschaft über eine andere Theorie: die der sogenannten "psychischen Obsoleszenz". Der Konsument kommt der Entwicklung und den Neuerungen kaum mehr hinterher. Damit befriedigt der Konsum heute ganz andere Funktionen als reine Langlebigkeit der Produkte.
Ein Umdenken findet jedoch statt, quer durch die Gesellschaft. Ressourcensparend leben, umweltbewusst essen, sich Fair Trade kleiden ist nicht mehr Subkultur, sondern vor allem für viele jüngere Menschen kultureller Bestandteil ihres Lebens. Was die Menschen eint, ist ihre Besorgnis über die Zukunft und die gleichzeitige Bereitschaft, anders zu handeln. Auch oder gerade weil es noch kein internationales Klimaabkommen oder den Beschluss zu einem fairen Weltvertrag gibt, fangen sie schon mal an, selbst nachhaltig zu leben.

Glühbirne

Glühbirnen könnten eigentlich länger leuchten

Raus aus dem Kaufkreislauf

Das Motto der alternativen Strömung lautet: Selbermachen!
Unabhängig sein. Nimm den Mächtigen das Geheimwissen und mach es selbst. Die neueste Generation dieser Bewegung trifft sich in sogenannten FabLabs, die in allen Großstädten der Welt wie Pilze aus dem Boden sprießen. FabLabs sind High-Tech-Werkstätten, wo man "fast alles" herstellen kann. Beziehungsweise wo man lernen kann, wie man fast alles herstellt. Das ist auch die Idee des Berliner FabLab. Ausgerüstet mit modernsten technischen Geräten, befindet sich die Werkstatt auf einem verwinkelten Gewerbehof im Prenzlauer Berg.

Ersatzteile drucken

Produkt eines 3-D-Druckers

Ersatzteil, mit 3D-Drucker gedruckt

Den Raum beherrscht der 3-D-Drucker, ein Gerät, ungefähr so groß wie ein Kasten Cola, mit dem man alles drucken kann, was man möchte, z.B. Gegenstände aus Kunststoff oder Metall, die bisher nur industriell in Guss- oder Stanzverfahren gefertigt werden konnten. Der 3-D-Drucker baut das gewünschte Werkstück aus hunderten oder tausenden hauchdünner Schichten auf, die übereinander "gedruckt" werden, sodass sich schließlich die Gesamtform ergibt.

Damit wird es nicht nur möglich, gebrochene Gehäuseteile oder abgenutzte Zahnräder, die man nicht mehr reparieren kann, einfach neu herzustellen, sondern beliebige Bestandteile von ganz neuen Geräten, die man selber entwickelt hat, zu erzeugen. In den USA ist bereits eine ganze Bewegung der sogenannten "Makers" entstanden, wo jedermann sich seine Brillengestelle oder Kaffeetassen selber herstellt. So wird jeder sein eigener Produzent und die Alleinherrschaft der Großkonzerne wird ausgehebelt. Die 3-D-Drucker werden immer leistungsfähiger und immer preisgünstiger und entwickeln sich zu Maschinen, die irgendwann fast "alles" herstellen können.

Teilen des Wissens

Alte Mobil-Telefone in einer Mülltonne

Handys sollen künftig in einer Tonne gesammelt werden

Und das ohne teure Produktions- und Transportkosten. Entweder gibt es die Anleitung für das Modell im Internet oder man entwirft das Objekt der Begierde selbst und kann es dann per 3-D-Drucker ausdrucken. Dass es fürs FabLab keine Zugangsbeschränkung gibt, jedermann kommen und mitmachen kann, ist Wolf Jeschonnek, dem Initiator des Berliner Fab Labs besonders wichtig.
Der Wunsch zu Reparieren, statt wegzuwerfen, selber zu handeln und zu produzieren und nach Alternativen zum naturbelastenden allein konsumorientierten Lebensstil zu suchen, hat es zu einer gewissen "Marktmacht" gebracht. Diesen Trend bestätigt die Studie "Deutschland teilt" der Leuphana Universität Lüneburg. Nachhaltigkeitsaspekte wie Umweltverträglichkeit (89 Prozent) oder soziale Verantwortung eines Unternehmens (84 Prozent) nehmen vermehrt Einfluss auf die Kaufentscheidung. Der Preis eines Produktes (90 Prozent) bekommt als bislang wichtigstes Konsumkriterium Konkurrenz.

Die Marktmacht gehört den Ohnmächtigen

verschiedene Elektrokleingeräte

Produziert für die Tonne?

Zwei gesellschaftliche Entwicklungen stehen sich also diametral entgegen: zum einen gesellschaftliche Akzeptanz durch immer schnelleren Konsum immer modernerer Geräte – zum anderen gesellschaftliche Anerkennung durch Konsumverweigerung, Nachhaltigkeit und gemeinsames Reparieren, also Erhalten.
Michael Braungart von der Beratungsagentur EPEA internationale Umweltforschung in Hamburg hat eine Synthese aus beiden Einstellungen entwickelt. Denn trotz aller Nachhaltigkeit ist es nicht von der Hand zu weisen, dass Geräte, die ständig repariert und deshalb seit 30 Jahren genutzt werden, technisch einfach nicht auf dem neuesten Stand sind. Deshalb hat Michael Braungart die Idee "cradle-to-cradle" entwickelt: ein nachhaltiges Wirtschaften in Kreisläufen. In so einer Volkswirtschaft werden nicht mehr Geräte verkauft, sondern nur deren Leistung gemietet.
Das Ziel: Produkte sollen so konzipiert sein, das sie niemals zu Müll werden. Sie sind entweder vollständig biologisch abbaubar oder komplett wiederverwertbar. Fernseher und andere technische Geräte würde man nicht mehr besitzen, sondern sie nur ausleihen, damit die Rohstoffe nach Gebrauch zum Hersteller zurückkehren und wieder zu neuen Produkten verarbeitet werden können.

Eine Welt ohne Müll

Reparatur-Café

Reparatur-Café

Das Bundesumweltamt hat vor kurzem auf der Basis der Ergebnisse der Studie "geplante Obsoleszenz" eine neue, noch umfassendere Studie dazu in Auftrag gegeben. Ergebnisse werden 2015 erwartet.
Die Repair-Night geht zu Ende. 3 Laptops, 4 Handys und ein Fotoapparat wurden wieder funktionstüchtig gemacht. Ihre Anleitungen für Elektroreparaturen teilen die Bastler auf der Webseite mit: ifixit.com. Damit das neu gewonnene Wissen über die Reparierbarkeit der Geräte nicht verlorengeht und noch mehr Menschen eine Alternative zum Konsum haben.


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