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ReMoD-Weste

Hilfe für halbseitig Gelähmte Mobil dank Weste

Hoffnungen haben die Ärzte der damals kleinen Dindia Gutmann nicht, ihr Leben lang würde sie im Rollstuhl sitzen, ihre angeborene halbseitige Lähmung, im Fachjargon Hemiparese genannt, sei unheilbar. Doch damit wollte sich Dindias Mutter, Anna Vonnemann, nicht zufrieden geben.

Obwohl technischer Laie entwickelte sie in mühevoller Kleinarbeit eine Weste, die nicht nur ihrer Tochter zu einem weitgehend normalen Leben verhilft, sondern abertausenden Schlaganfall-Patienten, die mit halbseitigen Lähmungen zu kämpfen haben, einen Weg zurück ins Leben ermöglicht. 

Die Geschichte

Als Anna Vonnemann sah, dass ihr Baby kaum krabbelte, und daraufhin eine "Hemiparese" diagnostiziert wurde  - eine halbseitige Lähmung aufgrund geschädigter Hirnareale - war das der erste Schicksalsschlag. Denn die Ärzte sagten voraus, dass Dindia nicht nur lebenslang im Rollstuhl sitzen, sondern bald dazu auch eine Depression entwickelt würde.

Und tatsächlich, trotz aller Gehübungen, die Anna Vonnemann dann jahrelang mit ihrer Tochter machte, verschlechterte sich Dindias Zustand so sehr, dass sie im Jahr 2001 in die Wiener Psychiatrie eingewiesen werden sollte. Doch da rebellierte die Mutter:

Diese Situation, wo der Rollstuhl vor uns stand, war eine ziemlich kritische Situation, die auch sehr negativ von allen Seiten erlebt wurde. Und um den Kopf frei zu kriegen, bin ich über Nacht aus Wien weggezogen. Ich habe nicht einmal gepackt, ich bin einfach nur weg.

ReMoD-Weste

Dindia und ihre Mutter auf ihrem üblichen 14 km Spaziergang von Hohwacht nach Behrensdorf und zurück


Angekommen in Berlin geht die Nicht-Technikerin fast täglich in einen Elektronikfachmarkt.  

Ich hatte mir einen Signalgeber geholt, eine Art Sensor, der ein Schalter war, der aber auf Quecksilber reagierte, also ein Neigungsschalter war, und eine Stromquelle. Das hatte ich dann meiner Tochter umgehängt, die Taschenlampe musste sie in der Hand halten und die Apparatur, die ich da noch ran gelötet hatte, die habe ich ihr mit Paketklebeband an den Mantel geklebt. Damit sind wir üben gegangen.

Der Erfolg war durchschlagend

Nach vier Tagen ging Dindia mit Hilfe der Apparatur nahezu flüssig, denn an der Taschenlampe sah sie zum ersten Mal, dass sie einen Fehler machte. Und konnte zum ersten Mal erleben, dass sie zur Seite fiel. Und damit konnte sie plötzlich lernen, gerade zu gehen.

ReMoD-Weste

Von der Taschenlampe zum Minicomputer

Doch trotz des Erfolgs ist die Apparatur noch unvollkommen. Eines Tages steht Anna dann im Büro von Wolfram Rossdeutscher vom Fachbereich Medizintechnik der Technischen Universität Berlin. Die Weste, die dann auf der Grundlage des Gutmann-Prototyps an der TU Berlin entwickelt wird, trägt den Projektnamen "ReMoD". "Remember Motion Device" – Gerät zur Bewegungskorrektur.

An den Schultern wird die Lage der Schultern durch 3D-Beschleunigungsgeber detektiert. Und je nachdem, wie stark dann die Abweichung von der Horizontalen ist, gibt es eine kleine Stimulation an der entsprechenden Stelle, der zum Heben oder Senken der Schulter notwendig ist, und da kriegt man eine Information wie stark man sie anziehen oder herunterfallen lassen muss.

ReMoD-Weste

Der allererste Test mit dem marktreifen Gerät

Auch bei Schlaganfall, Locked-in und ALS

Nicht nur Dindia Gutmann profitiert von der ReMoD-Weste. Für viele der 350 000 Menschen, die jährlich allein in Deutschland einen Schlaganfall erleiden, wäre die Weste eine Möglichkeit, wieder ins Leben zurückzukehren. Auch für Betroffene mit einen Locked-in-Syndrom oder ALS ist die Weste hilfreich.

Auf die Frage, was die Ärzte, die Dindia Gutmann einst in die Psychiatrie einweisen wollten, heute zu allem sagen, lächelt ihre Mutter, denn einer der Ärzte entschuldigte sich später bei ihrer Tochter.

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