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Mann isst Pizza, während ihm seine Freundin mit Apfel in der Hand neidisch über die Schulter schaut.

Reizthema Ernährung Normal Essen - was ist das?

Steinzeitdiät, Trennkost, Rohkost oder Veganismus - noch nie wurde über Ernährung so gestritten wie heute. "Normales" Essen zu definieren wird immer schwieriger.

In Berlin verklagt ein Vater die Verwaltung. Er will, dass seine achtjährige Tochter im Schulhort veganes Essen bekommt. In der Brick Lane in London ziehen Gentrifizierungsgegner mit Fackeln vor ein Café, weil dort ausschließlich Müsli serviert wird und 30 Sorten Milch. Die Demonstranten sehen das als Symbol für die Vertreibung der alteingesessenen Bevölkerung. Nur zwei Vorfälle aus den letzten Wochen, die zwar extrem sein mögen, die aber auch zeigen: Was wir essen, ist längst keine Privatsache mehr. Noch nie wurde über Ernährung in der Gesellschaft so viel berichtet, diskutiert und gestritten wie heute.


Ernährung als Lebensstil

Essen ist nicht mehr einfach eine Frage von gesunder Ernährung oder schlicht von Genuss. Es ist zunehmend eine Frage der Lebenseinstellung, wie die Kulturwissenschaftlerin Barbara Wittman von der Universität Regensburg erläutert:

Es ist ein Reizthema in unserer Gesellschaft. Es ist auch eine Spaltung, die sich zeigt. Wenn man einen ganz strengen Vegetarier, einen Öko-Veganer vergleicht mit jemandem, der dreimal in der Woche Stammkunde bei McDonalds ist – das sind völlig verschiedene Lebenswelten. Das ist nicht nur eine unterschiedliche Ernährungsform, sondern das sind komplett unterschiedliche Lebensstile.


Eine Frau steht vor der Gemüseabteilung im Supermarkt

Die Qual der Wahl vor dem Supermarktregal

Auffällig ist, dass die Ernährungsstile innerhalb der Gesellschaft immer weiter auseinanderdriften. Es gibt Vegetarier, Ovo-Lacto-Vegetarier, Veganer und Anti-Veganer, Rohköstler, Anhänger von Low Carb oder Clean Food, Leute, die sich "Paleo", also nach Art der Steinzeitmenschen ernähren, und solche, die auf Fruchtzucker verzichten.

Gut informiert und desorientiert

In Büchern wird mal die "Weizenwampe" angeprangert, dann wieder erläutert, warum Milch angeblich für den Menschen ungesund sein soll. Gesa Schönberger, Geschäftsführerin der Rainer Wild-Stiftung, findet diese Entwicklung bedenklich:

Im Grunde wäre es mit unserer großen Vielfalt des Lebensmittelangebotes und mit dem vielen Wissen, das wir haben über gesunde Ernährung, relativ einfach – aber nur in Anführungsstrichen einfach – sich gesund zu ernähren. Und jetzt kommen sozusagen lauter neue Ernährungsbotschaften dazu, die in ganz unterschiedliche Richtungen ziehen und wenn man sie alle zusammennimmt, können Sie gar nichts mehr essen.

Ernährung als Selbstoptimierung

Statt also aus der Vielfalt des Angebots zu schöpfen – wie es die meisten Ernährungsexperten empfehlen –, üben sich immer mehr Menschen im Verzicht. Warum das so ist, darauf findet die Tagung eine ganze Reihe von Antworten: Gesundheitsthemen liegen im Trend, genauso wie der Drang, sich selbst zu optimieren. Immer mehr Menschen verstehen ihr Leben als Projekt, das es ständig zu verbessern gilt. Das "Richtige Essen" wird dabei zum wichtigen Baustein.

Mann sitzt über einen Teller gebeugt und stochert mit seiner Gabel auf einem Teller mit nur einer kleinen Cocktail-Tomate herum.

Der Genuss steckt mitunter im Verzicht. Doch wie viel Verzicht ist noch "normal"?

Angesichts des Überflusses, aus dem wir uns heutzutage bedienen können, gehört die Wahl des Essens außerdem zu unserer Selbstinszenierung – sei es als vernünftige Salatverzehrerin oder als zupackender Fleischgriller. Die Wahl des Essens wird zunehmend zu einem politischen Statement, stellt Barbara Wittmann fest:

Man versucht, Einfluss auf Landwirtschaft, auf Wirtschaft zu gewinnen durch das eigene Essverhalten, und dieses Thema Richtige Ernährung oder Veganismus/Nicht-Veganismus, das ist eigentlich zu einer Chiffre geworden, um für etwas einzutreten oder nicht einzutreten – sei es Bevormundung, sei es eine andere Art der Landwirtschaft, sei es eine andere Art der Verteilung, Klimawandel und so weiter und so fort.

Die neue Freiheit

Doch wie soll man gemeinsam essen, wenn einer am Tisch auf Weizen, Kartoffeln und Reis verzichtet, der andere sämtliche Tierprodukte vermeidet und sich der dritte nur nach Art der Steinzeitmenschen ernährt? Ist das alles noch normal? Andererseits: Wer entscheidet eigentlich darüber, welches Essen normal und gesund ist und welches von der Norm abweicht?

Dicksein macht nicht glücklich

Gesundes Essen macht nicht immer glücklich. Ungesundes allerdings auch nicht.

Die Soziologin Paula-Irene Villa von der Ludwig Maximilian Universität in München sieht in all den Ernährungsströmungen und Diskussionen ums Essen den Beginn einer neuen Freiheit:

Das ist immer was mit Individualisierung passiert über kurz oder lang: Dass das, was als normal, selbstverständlich, das mehr als Normale gilt, das wird infrage gestellt, und das ist für die meisten Leute ganz, ganz schwierig auszuhalten. Mensen, Senatsverwaltungen, politische Akteure, Experten müssen sich nun überlegen und eingestehen: dass vielleicht das Rindfleisch und die Kuhmilch und die Nudeln und das Brot nicht mehr das für alle geltende Normale sind, über das kein Mensch mehr nachdenkt, sondern jegliche Lebensmittel werden begründungspflichtig.

Wachsende Skepsis gegenüber Experten

Zugleich verlieren Experten an Glaubwürdigkeit - so ein Resumee der Tagung. Allgemeingültige Richtlinien für gesundes Essen, wie sie zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Ernährung herausgibt, werden von vielen Menschen nicht mehr einfach angenommen. Einerseits weil zum Thema Ernährung zu viele Studien im Umlauf sind, die sich widersprechen. Andererseits habe die Skepsis generell zugenommen, so Gesa Schönberger:

Jeder Experte muss sich immer wieder anhören: Na ja, gut, du bist zwar Experte aber ich glaub dir trotzdem nicht. Diese Deutungshoheit, die Experten lange hatten, die Politik hat sich auf Experten verlassen, die Industrie hat sich auf Experten verlassen, und der Verbraucher auch. Das ist heute nicht mehr so einfach möglich. Also einen Experten hinzustellen und der erzählt was und das akzeptieren alle so – die Zeiten sind vorbei.


Lebensmittel werden mit einer Lupe untersucht

Was da wohl alles drinsteckt? Die Zahl der "verbotenen" Lebensmittel steigt ...

Die Verunsicherung der Verbraucher ist einer der Gründe, warum Essen immer mehr zum Reizthema wird, meint die Kulturwissenschaftlerin Barbara Wittmann. Zum anderen werde immer deutlicher, welche globalen Auswirkungen unsere Ernährung hat. Barbara Wittmann:

Was bewirkt es, wenn ich ein Schwein esse, das mit Soja aus Südamerika gefüttert wurde? Was bewirkt es, wenn wir in Deutschland nur die Brust essen und das restliche Hähnchen wird dann nach Afrika transportiert? Wie können wir da in Zukunft unsere Welt nachhaltiger und verantwortungsvoller gestalten? Und das ist etwas, was sich ganz stark über die Ernährung verändern lässt oder auch zu katastrophalen Auswirkungen führen wird, und das ist der Grund, warum das Thema Ernährung so ein Reizthema ist. Dass also jemand, der das nicht tut, sich nicht damit beschäftigt, automatisch unterstellt wird: Dir ist die Zukunft der Welt egal oder mir ist die eben nicht egal.