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Überlebenskampf im Wald Rehkitze leiden unter Klimawandel

Der Frühling beginnt, biologisch gesehen, jedes Jahr ein bisschen früher. Viele Pflanzen lassen das erste Grün von Jahr zu Jahr ein bisschen eher sprießen als im Vorjahr. Das erfreut das Auge des Betrachters nach langen grauen Wintermonaten. Aber manche Tiere kommen damit nicht klar. Welche Folgen das vorgezogene Frühjahr für Rehkitze hat, haben französische Forscher untersucht.

Rehkitze kommen jedes Frühjahr in einer genau umrissenen Zeitspanne zu Welt. Diese ist zwischen Ende April und Mitte Juni. Das ist heutzutage ein bisschen spät, denn das biologische Frühjahr setzt jedes Jahr ein wenig früher ein. Rehe aber sind nicht in der Lage, den Geburtstermin der Rehkitze an den vorgezogenen Beginn der Frühlingsvegetation anzupassen. Das hat der Evolutionsbiologe Dr. Jean-Michel Gaillard von der Universität Lyon zusammen mit britischen und französischen Forschern festgestellt.

Rehkitze bedroht

Junges Rehkitz

Junge Rehkitze sind wählerisch bei der Nahrung

Die mangelnde Flexibilität habe ihren Preis: Die Rehkitze haben deutlich rückläufige Chancen, das erste Jahr zu überleben. Das liegt daran, dass die Mütter im Wald nicht mehr genug frische Frühlingssprossen zu fressen bekommen. Dabei ist die Frühlingsvegetation für säugende Rehmütter und ihre Kitze besonders wichtig. Rehmütter bräuchten diese aber, um Fettreserven aufzubauen. Sie müssen viel Energie mit der Nahrung aufnehmen um Milch zu produzieren. Dabei darf es nicht irgendein Futter sein. Es muss gut verdaulich sein und zugleich viel Energie liefern. Das beste Futter für Rehmütter liefert die frühe Vegetation im Frühling. Und die sprießt heute im Wald gut zwei Wochen früher als noch in den achtziger Jahren.

Studie an Rehkitzen seit 27 Jahren

zwei Rehkitze

Zwei Rehkitze bei der Nahrungssuche

Seitdem haben Mitarbeiter der französischen Jagd- und Wildtierbehörde in einem Wald in der Champagne 27 Jahre lang genau verfolgt, welches Reh wann und wo Kitze zur Welt brachte und was aus ihnen wurde. Aber wie bekommt man mit, wann in einem Wald ein Reh geboren wird? Rehe melden sich ja bekanntlich nicht im Krankenhaus oder bei einer Hebamme, wenn eine Geburt ansteht. Aber Rehmütter lassen ihre Kitze allein. Die Neugeborenen folgen ihren Müttern nicht sofort nach der Geburt. Die ersten zwei bis drei Wochen bleiben sie in dichter Vegetation in einem Versteck. Die Mütter kommen nur sechs bis achtmal in 24 Stunden vorbei, um ihre Kitze zu säugen. Am Anfang der Studie sind 20 Helfer vorsichtig durch den Wald gestreift, um die Kitze zu suchen, wenn deren Mütter gerade abwesend waren. Fanden sie eines, konnten sie am Zustand des Nabels und der Hufe ablesen, wie viele Tage die Geburt zurücklag.

Genaue Ortung der Muttertiere

Überlebenskampf im Wald

Überlebenskampf im Wald

Aber die Forscher seien schnell auf genauere Methoden umgestiegen. Dafür haben sie die Mütter mit speziellen Funk- oder Satellitenortungshalsbändern beobachtet. Rehe ändern nämlich schlagartig ihr Bewegungsverhalten, wenn sie Kitze werfen. Kurz vor der Geburt schränken sie ihre Aktivität stark ein und verändern kaum noch die Position. Das fällt den Forscher mit ihren Ortungsgeräten auf. So können sie ziemlich genau eingrenzen, wo die Geburt stattfindet. Am nächsten Tag können die Jungtiere gleich untersucht werden, außerdem werden sie registriert, markiert und gewogen. So konnten die Forscher dezidiert nachvollziehen, was aus einem Kitz in dem Wald in der Champagne wurde. Dass neugeborene Rehe sterben, ist nicht unnormal. Je nach Witterung gibt es Jahrgänge mit guten oder mit schlechten Überlebensraten der Rehkitze. Doch statistisch geht der Trend zu einer Verschlechterung.

Niedrigere Überlebensrate der Rehkitze

Nach der Analyse der Daten gehen die Forscher nun davon aus, dass die guten Jahrgänge mit hohen Überlebensraten weniger werden, und dafür die Jahrgänge, in denen nur wenige Neugeborene überleben, mehr werden. So komme es im Durchschnitt im Lauf der Jahre zu einer Abnahme der Überlebensraten.

Verlagerung des Lebensraums

Rehe - Anpassung notwendig

Haben die Rehe genügend Zeit, sich anzupassen?

Die Rehe würden deshalb noch nicht zu einer bedrohten Art, betont der Evolutionsbiologe Dr. Jean-Michel Gaillard. Immer noch wachsen mehr Jungtiere nach als alte sterben. Aber der Klimawandel hat einen negativen Einfluss. Die einzige Möglichkeit, sich anzupassen, ist eine Verlagerung in neue Lebensräume. Seit einiger Zeit würden mehr und mehr Rehe in Ost- und Westeuropa außerhalb der Wälder beobachtet. Die Forscher gehen davon aus, dass die Rehe zunehmend die Wälder verlassen und offenes Land besiedeln werden, wo sie, unabhängig vom Timing der Waldvegetation, andere energiereiche Nahrungsquellen finden. Dass Rehe tatsächlich auch auf Wiesen satt werden können, fanden deutsche Forscher in Nordrhein-Westfalen heraus. Allerdings kommt es auf die Wiese an. Artenreich muss sie sein. Dann ist auch für die Rehe etwas dabei. Die sind nämlich wählerisch.

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