STAND
INTERVIEW
ONLINEFASSUNG

Der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer untersucht seit Jahren die politischen Einstellungen und den Wertewandel in Deutschland Ost und West. Im Gespräch mit Ralf Caspary erläutert er beunruhigende Ergebnisse.

Audio herunterladen (26,3 MB | MP3)

Was bedeutet "autoritärer Nationalradikalismus"?

"Das Autoritäre zielt auf ein Gesellschaftsmodell mit einem Kontroll-Paradigma, man wünscht sich eine rigide Führung, eine hierarchische soziale Ordnung und klare Freund-Feind-Schemata. Das ist das erste Element.

Das zweite ist das Nationale bzw. Nationalistische. Da geht es um einen Überlegenheitsanspruch des deutschen Volkes, das Deutschsein wird zum zentralen Identitätsanker gemacht.

Das dritte Element ist der Radikalismus: Grenzüberschreitung, Ausgrenzung von Andersdenkenden, Mobilisierung gegen Schwache und dergleichen mehr bis hin zum Systemwechsel. Es geht um eine Umstellung des politischen Systems auf eine autoritäre und geschlossene Gesellschaft.

Wann spitzte sich dieser Nationalradikalismus in Ostdeutschland zu?

Insbesondere nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 ist das Einstellungsmuster deutlich angestiegen, verbunden mit einem Anstieg individueller Gewaltbereitschaft und erhöhter Demonstrationsbereitschaft. Es ging den Menschen um das Einklagen und Beklagen von Einflusslosigkeit, sie fühlten sich nicht wahrgenommen von den etablierten Parteien.

Wahlpolitisch gesehen ist das autoritäre Einstellungspotential vagabundierend zwischen unterschiedlichen Parteien hin- und hergewandert, mal war es bei der SPD, mal bei der CDU, in manchen Ländern, auch damals in Sachsen beispielsweise, bei der NPD.

Dann hat sich 2015 die AfD sehr stark verändert und ist nach rechts gerückt. Plötzlich hatte dieses Einstellungspotential einen politischen Ort, an dem es andocken konnte.

Was sind die Ursachen dieses Einstellungsmusters?

Es geht um das Gefühl der Ohnmacht, das Gefühl, nicht mehr ernst genommen zu werden, man fühlt sich als Bürger zweiter Klasse. Und es ist geradezu logisch, wenn man diese Ohnmachtserfahrungen kompensiert mit Hassgefühlen gegenüber Minderheiten und Machtfantasien, die wiederum aus dem Ideal eines starken Deutsch-Seins resultieren.

Für die Ohnmachtserfahrungen ist ein globalisierter Kapitalismus mit verantwortlich, der an sozialer Integration und Gerechtigkeit nicht interessiert ist, der dazu geführt hat, dass sich viele Ostdeutsche abgehängt fühlen, dass sie nicht am Wohlstand partizipieren dürfen.

Schätzen die etablierten Parteien diesen Radikalismus richtig ein?

"Nein, inzwischen bekommen sie natürlich das Flattern, das ist ja keine Frage. Sie haben es ganz lange unterschätzt. Ich und meine Kollegen haben immer versucht, darauf aufmerksam zu machen, dass es gefährliche Mentalitätsverschiebungen in der Bevölkerung gibt.

Besonders für die konservativen Parteien waren unsere Untersuchungsergebnisse, die man ja überall nachlesen konnte, immer nur Bielefelder Alarmismus, da sei nichts dran, wir haben das alles im Griff. Das Problem wird immer noch unterschätzt." (Wilhelm Heitmeyer)

Produktion 2019

Aula Die Krise der Demokratie

In vielen demokratischen Staaten ist eine Krise, ja vielleicht sogar eine Erosion der Demokratie zu beobachten. Was sind die sozialen Gründe für diese Entwicklung, was kann man gegen die Krise tun? Antworten gibt der Politikwissenschaftler Dr. Felix Heidenreich.  mehr...

SWR2 Wissen: Aula SWR2

Aula Braunes Erbe der DDR?

Warum fallen gerade in Ostdeutschland rechtsextreme Positionen auf fruchtbaren Boden? Klaus Schroeder von der Arbeitsstelle Politik und Technik an der FU Berlin, zeigt die Ursachen.  mehr...

SWR2 Wissen: Aula SWR2

Rottenburg

Rechtspopulismus Hetze, Angst, Verschwörungsmythen – Der Kopp Verlag in Rottenburg

Der schwäbische Verlag bietet Rechtspopulisten eine Plattform und sät Zweifel an Demokratie und Aufklärung. Ein rentables Geschäftsmodell.  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Identitätspolitik Solidarität statt Genderklo – Braucht linke Politik eine neue Ausrichtung?

Die SPD hat den Fokus verschoben auf Identitätspolitik: Stolz verbuchte sie die Einführung der „Ehe für alle“ als ihre Leistung. Den gesetzlichen Mindestlohn winkte sie nur durch. Von Ingeborg Breuer  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Zeitgeschichte Die Treuhand – Albtraum der deutschen Einheit?

Nach der Wende kümmerte sich die Treuhand um die Privatisierung oder Abwicklung von DDR-Unternehmen. Viele Menschen verloren damals ihren Arbeitsplatz. Welche Folgen hat dies bis heute?  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

SWR2 Wissen: Archivradio Der Fall der Mauer und das Ende der DDR

Der Mauerfall 1989 leitete das Ende der DDR ein. Tondokumente aus Ost- und Westdeutschland zeigen, wie sich die Wende anbahnte.  mehr...

SWR2 Wissen: Archivradio SWR2

STAND
INTERVIEW
ONLINEFASSUNG