Aufeinander gestapelte Haushalts- und Küchengeräte wie Kühlschrank, Waschmaschine, Fernseher, Herd. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)

Wenn Sparsamkeit zu Mehrverbrauch führt Der Rebound-Effekt

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SWR2 Wissen. Von Dirk Asendorpf

Mehrverbrauch durch energiesparende Autos, Fernseher oder Glühlampen: Effizientere Technik spart zwar Energie, macht aber auch die Nutzung von Maschinen und Endprodukten billiger und beflügelt damit wiederum den Konsum. Und wenn man sich für die eingesparten Heizkosten eine Flugreise leistet, ist der Engergiespareffekt schnell wieder dahin. Fachleute sprechen hier vom "Rebound-Effekt" - einer der größten Gefahren für die Energiewende.

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Ein Schwerlaster aus Berlin entlädt 25 Tonnen Glasscherben. Es ist kein gewöhnliches Altglas aus dem Sammelcontainer. Hier handelt es sich um die letzten Überreste einer ganzen Technikgeneration, die bis vor 15 Jahren in praktisch jedem deutschen Wohnzimmer zu finden war, inzwischen aber fast vollständig verschwunden ist: Fernseher mit Röhrenbildschirm. Ihr Material- und Energieverbrauch war hoch, die Umstellung auf moderne Flachbildschirme hatte großes Sparpotenzial.

Tatsächlich sind Flachbildschirme viel leichter und benötigen im Betrieb weniger als halb so viel Strom wie gleich große Röhrengeräte. Trotzdem verbrauchen die deutschen Haushalte inzwischen mehr als doppelt so viel Strom für den Betrieb von Bildschirmen wie noch vor 20 Jahren.

Entsorgte Computermonitore (Foto: picture alliance / dpa -)
Flachbildschirme sind viel leichter und benötigen weniger als halb so viel Strom wie gleich große Röhrengeräte, trotzdem verbrauchen die deutschen Haushalte inzwischen mehr als doppelt so viel Strom für den Betrieb von Bildschirmen picture alliance / dpa -

Das hat drei Gründe. Erstens: Die Geräte sind länger in Betrieb, der Fernsehkonsum stieg von durchschnittlich 183 auf 223 Minuten pro Tag, ein Wachstum von 22 Prozent. Zweitens: Die Bildschirme wurden größer, im Durchschnitt sind sie heute rund doppelt so groß wie vor 20 Jahren. Und Drittens: Bildschirme sind heute so billig, dass wir nicht nur einen oder zwei davon im Haushalt haben, sondern im Durchschnitt 4,5. Neben dem Fernseher in Wohn-, Schlaf- oder Kinderzimmer gibt es Bildschirme am PC, in Laptops, Tablets und E-Book-Readern.

Gefahr für die Energiewende

Dass die Umstellung auf eine effizientere Technik am Ende zu einem insgesamt höheren Verbrauch führt, ist nicht nur bei Bildschirmen so. Das gleiche passiert im Verkehr: moderne Motoren verbrauchen bei gleicher Leistung wesentlich weniger Sprit, doch parallel zu diesem Fortschritt wurden die Autos immer schwerer und der Autoverkehr nahm insgesamt stark zu.

Die Folge: Der Gesamtverbrauch von Benzin und Diesel steigt an – weltweit und auch in Deutschland. Wissenschaftler sprechen von einem Rebound-Effekt. Dieser Rebound-Effekt ist eine der größten Gefahren für die Energiewende – und spielt auch in anderen gesellschaftlichen Entwicklungen eine wichtige Rolle. Seine ökonomischen und psychologischen Ursachen werden schon seit 150 Jahren erforscht, trotzdem sind noch viele Fragen offen. Die wichtigste: Wie lassen sich Rebound-Effekte künftig vermeiden?

Ein Elektrostecker liegt auf Euroscheinen (Foto: © Colourbox.com -)
Wissenschaftler sprechen von einem Rebound-Effekt, dieser Effekt ist eine der größten Gefahren für die Energiewende © Colourbox.com -

Das erklärte Ziel der Bundesregierung klingt dagegen fast bescheiden: Bis 2050 will sie die Hälfte des deutschen Energieverbrauchs mit effizienterer Technik einsparen. Neben dem Umstieg von fossilen auf erneuerbare Energien ist dieses Effizienzziel das zweite Standbein der Energiewende. Doch ein Rebound-Effekt wurde in den Plänen bisher nirgendwo berücksichtigt. Das gilt auch für den berühmten Stern-Report zu den ökonomischen Folgen des Klimawandels und alle bisher veröffentlichten Berichte des Weltklimarats IPCC.

Drei Kategorien an Rebound-Effekten

Heute werden drei Kategorien des Rebound-Effekts unterschieden: der direkte, der indirekte und der makroökonomische. Effizientere Technik macht Maschinen und Endprodukte billiger und beflügelt damit den Konsum. Das ist der direkte Rebound-Effekt, er beträgt in der Regel 30 bis 50 Prozent, 50 bis 70 Prozent der Effizienzsteigerung bleiben also als Spareffekt übrig.

In Einzelfällen kann der Energie- und Rohstoffverbrauch am Ende aber auch höher liegen als vorher. Dann spricht man von Backfire. Zu diesem direkten kommt der indirekte Rebound-Effekt hinzu. Er entsteht, wenn die Menschen das Geld, das sie an der einen Stelle mit effizienterer Technik einsparen, an anderer Stelle für zusätzlichen Konsum wieder ausgeben.

Am Ende müssen der direkte, der indirekte und der makroökonomische Rebound-Effekt addiert werden. Und was kommt dann dabei heraus?

Ein Mann legt eine Münze von einem Stapel auf einen anderen Stapel Münzen. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Heute werden drei Kategorien des Rebound-Effekts unterschieden: der direkte, der indirekte und der makroökonomische Thinkstock -

Marktforscher unterscheiden Dutzende Konsumententypen – vom genügsamen Schnäppchenjäger über den statusorientierten Autofreak, den anspruchsvollen Performer oder gepflegten Konservativen bis zum pragmatischen Durchschnittsnutzer. Jeder gibt sein Geld auf andere Weise aus – und erzeugt damit einen großen, mittleren oder – im Fall des Konsummuffels – auch gar keinen Rebound-Effekt.

Rebound-Effekt aus zweiter Hand

Besonders schnell ist in den vergangenen Jahren der Second-Hand-Markt gewachsen. Es klingt wie ein geniales Gegenprogramm zum Rebound-Effekt: Wenn ausgediente Produkte nicht weggeworfen, sondern von anderen Menschen weiter verwendet werden, dann müsste unser Konsum insgesamt doch mit deutlich weniger Energie- und Ressourceneinsatz auskommen.

Doch bei der sogenannten weißen Ware – also Kühlschränke, Geschirrspüler oder Waschmaschinen – überwiegen die negativen Effekte. Denn die aus zweiter Hand erstandenen Altgeräte verbrauchen sehr viel mehr Strom und Wasser als bei Neugeräten heutzutage üblich. Schon nach wenigen Jahren führt eine Neuanschaffung deshalb zu einem Umweltvorteil gegenüber der Weiternutzung eines Altgeräts.

Taste Sparschein auf Computertastatur (Foto: © Colourbox.de -)
Bei online angebotenem Antiquariat spielt vor allem der Transport eine zentrale Rolle und auch der Energieverbrauch durch die Bereitstellung der Waren online, von der nur 20 Prozent tatsächlich verkauft werden © Colourbox.de -

Bei den meisten in der Studie untersuchten Produkten des Second-Hand-Marktes waren die positiven Auswirkungen für die Umwelt durchaus größer als die negativen, zum Beispiel bei Kinderkleidung oder Notebooks. Ein besonders überraschendes Negativbeispiel war das Online-Antiquariat. Denn bei Büchern spielt vor allem der Transport eine zentrale Rolle und auch der Energieverbrauch durch die Bereitstellung der Bücher online, von denen nur 20 Prozent tatsächlich verkauft werden.

IT mehr Treibhausgasemission als der Flugverkehr

Inzwischen fließen bereits zehn Prozent der in Deutschland erzeugten Elektrizität in Computer, Smartphones, Mobilfunknetze und die Serverparks des Internets. Damit sorgt die IT inzwischen für höhere Treibhausgasemissionen als der Flugverkehr.

Besonders drastisch macht sich der Rebound-Effekt bemerkbar, wenn Online-Handel und Flugverkehr zusammenkommen. Und das kann durchaus vorkommen. Denn das Geld, das Gebrauchtwarenkäufer einsparen und Gebrauchtwarenverkäufer verdienen, geben sie ja meist auch wieder aus. Die entscheidende Frage für die Höhe des dabei entstehenden indirekten Rebound-Effekts ist: Wofür geben sie es aus?

Autos stehen in einer Reihe (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Wirtschaftswachstum und Rebound-Effekt haben in den vergangenen Jahrzehnten in die gleiche Richtung gewirkt und sich gegenseitig verstärkt: Immer mehr Autos fahren immer mehr Kilometer und verbrauchen dabei immer mehr Benzin und Diesel Thinkstock -

Der Forschungsbedarf ist noch groß. Das hat auch damit zu tun, dass längst nicht alles, was auf den ersten Blick wie ein Rebound-Effekt aussieht, tatsächlich einer ist.

Änderung des Lebensstils sorgt für Rebound-Effekte

Zum Beispiel bei der energetischen Sanierung von Wohngebäuden. Bessere Heizungsanlagen, Fenster, Dach- und Fassadenisolierung haben in den vergangenen 40 Jahren tatsächlich zu einer enormen Einsparung des Wärmebedarfs pro Quadratmeter Wohnfläche geführt. Doch gleichzeitig nutzen wir immer mehr Wohnfläche, pro Kopf ist der Wärmebedarf deswegen nicht gesunken. Die Ursache dafür ist vor allem eine Frage der Veränderung von Lebensstilen. Die gleiche Beobachtung wird auch im Verkehrsbereich gemacht, dort, wo der Treibstoffverbrauch trotz immer effizienterer Motoren permanent ansteigt.

Wirtschaftswachstum und Rebound-Effekt haben in den vergangenen Jahrzehnten in die gleiche Richtung gewirkt und sich gegenseitig verstärkt: Immer mehr Autos fahren immer mehr Kilometer und verbrauchen dabei immer mehr Benzin und Diesel. Auch das Straßennetz wurde immer weiter ausgebaut – allerdings ohne dabei dem wachsenden Verkehr wirklich Herr zu werden. Auch das hat mit einem Rebound-Effekt zu tun.

Die nicht zu übersehende Folge: Parkplätze sind Mangelware und auf den Straßen stehen wir immer häufiger im Stau. Inzwischen dauern innerstädtische Wege im Auto oft länger als mit dem Fahrrad. Der Rebound-Effekt macht im Verkehr zwischen 40 und 70 Prozent des Effizienzfortschritts gleich wieder zunichte.

Im Abschlussbericht der Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität findet sich dieser Gedanke wieder – allerdings erst auf Seite 514 unter der Überschrift „offene Punkte“. Tatsächlich ist die Bekämpfung des Rebound-Effekts bisher weder in Deutschland noch in der Europäischen Union in Gesetze und Verordnungen eingeflossen. Stattdessen geht die Bundesregierung in ihrer Energiewende-Strategie noch immer davon aus, dass sich Effizienzsteigerungen direkt in geringerem Verbrauch niederschlagen.

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