SWR2 Wissen: Radio Akademie Kulturen des Teilens

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Aus der 12-teiligen Reihe: "Die teilende Gesellschaft" (10)

Koreas Metropole Seoul hat sich ganz offiziell an die Spitze einer weltweiten Bewegung gesetzt, die das Teilen gegenüber dem Besitzen propagiert. In San Francisco, Berlin, Amsterdam oder Wien ist die Sharing-Szene zwar größer, doch die politische Anerkennung lässt noch auf sich warten. Dabei ist die Idee keineswegs neu.

Dauer

Schon 2012 hat Bürgermeister Park seine Stadt Seoul zur weltweit ersten "Sharing City" erklärt. Alle 25 Distrikte beraten seitdem regelmäßig über konkrete Projekte und verteilen Fördergelder. Leihläden für Werkzeug, Kinderkleidung und Bücher sind so entstanden, per App geteilte Anwohnerparkplätze, Carsharing-Stationen, Übernachtungsvermittlungen und ein Internet-Portal, das über alle Sharing-Angebote informiert.

Car-Sharing in Korea (Foto: picture-alliance/dpa - EPA/YONHAP SOUTH KOREA OUT)
Car-Sharing in Korea picture-alliance/dpa - EPA/YONHAP SOUTH KOREA OUT

Schon vor Jahrhunderten halfen sich Großfamilien und Dörfer untereinander, nutzten Geräte und Ressourcen gemeinsam. Heute können auch Menschen etwas teilen, die sich noch nie begegnet sind, das Internet macht es möglich. Persönliches Vertrauen wird dabei durch technische Bewertungssysteme ergänzt. Es ist eine globale Erscheinung, doch ihre Wurzeln und Ausprägungen unterscheiden sich von Kultur zu Kultur.

Im kalifornischen Silicon Valley dominieren weltweit operierende Internetunternehmen wie die Unterkunftsvermittlung Airbnb oder der Taxivermittler Uber, sie erwirtschaften Milliardenumsätze mit der Organisation des Teilens. Im alten Europa propagiert eine lebendige Sharing-Szene unkommerzielle Leihläden, Tauschringe und Gemeinschaftsunternehmen.

Alle glücklich in einer Stadt

Und Koreas Hauptstadt versucht mit Sharing-Projekten vor allem, dem Leben in der anonymen Megastadt etwas menschliche Nähe zu bescheren. Wiedergewinnung von lokalen Bindungen, Vertrauen und Gemeinschaftsgefühl – das sind die Oberziele der Sharing City Seoul.

Ein zentrales Projekt ist die Vermittlung von Wohngemeinschaften zwischen vereinsamten Alten mit leeren Zimmern und mittellosen Studenten auf Wohnungssuche. Erst als zweitrangige Ziele werden genannt: das Schaffen neuer Arbeitsplätze, die Förderung eines nachhaltigen Konsums, Abfallvermeidung, Umweltschutz. Der Anspruch ist alles andere als bescheiden: Eine Stadt, in der jeder glücklich wird.

Süßliches Geklimper gehört meist dazu, wenn in Korea positive Botschaften verbreitet werden sollen. Und die gibt es in diesem Werbefilm für die Sharing City Seoul gleich im Dutzend. Um die internationale Aufmerksamkeit zu erhöhen, hat die Stadtverwaltung ihn auch auf Englisch veröffentlicht.

Bürgermeister ordnet das Teilen an

Darin wird davon gesprochen, dass von jedem beliebigen Punkt der Stadt aus die nächste Bibliothek nicht weiter als zehn Minuten entfernt sein wird. Alle Bibliotheken werden vernetzt, alle Bücher sind dann überall zugänglich und ganz Seoul soll eine große Bibliothek werden.

Am offenen Bürgermikrofon soll jeder und jede zu jedem Thema die Meinung aussprechen können. Immaterielle Güter wie Wissen oder Ideen sollen geteilt werden – wie auch materielle: Gärten zum Beispiel. Die Menschen sollen städtische Grundstücke in kleine Farmen verwandeln, für mehr Grün und mehr Gemüse.

Kulturen des Teilens (Foto: picture-alliance/dpa -)
Seouls Bürgermeister Park Won-soon setzt sich für eine Kultur des Teilens ein picture-alliance/dpa -

Bislang ist all das mehr Wunsch als Wirklichkeit. Anders als in den USA oder in Europa ist die Sharing-Idee in Korea nicht in kleinen Startup-Unternehmen oder sozial engagierten Projekten an der Basis entstanden. Ein besonders motivierter Bürgermeister hat sie von oben verordnet – und setzt jetzt darauf, dass ihm die Bewohner seiner Stadt folgen.

Glück für Einzelne oder Alle?

Womöglich entspricht ein solches Vorgehen der stark konfuzianisch geprägten südkoreanischen Kultur am besten. In westlichen Gesellschaften ist Glück eng mit Selbstbestimmung verknüpft. Es wird vor allem als individueller Zustand verstanden; in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ist das Streben nach Glück, "the pursuit of happiness", sogar ein Grundrecht. Ganz anders in Ostasien: Dort kann der einzelne nur glücklich sein, wenn alle glücklich sind.

Teilen macht tatsächlich glücklich. Doch in der Vergangenheit war das selten der Grund dafür, dass sich Menschen zusammenschlossen, um Ressourcen und Geräte gemeinsam zu nutzen. Heute ist das Sharing in der Regel eher Luxus – früher war es meist bittere Notwendigkeit.

Zum Beispiel auf der portugiesischen Atlantikinsel Madeira. Vor über 500 Jahren haben sich dort Europas erste Genossenschaften gebildet – rund um den wichtigsten Rohstoff der Menschheit: Wasser. Über die Jahrhunderte ist das Netz der Levadas, der Wasserkanäle, immer engmaschiger geworden. Heute überziehen 800 Kilometer Haupt- und über 3.000 Kilometer Nebenkanäle die kleine Insel.

Wasser - ein kostbares Gut auf der Atlantikinsel Madeira (Foto: picture-alliance/dpa -)
Wasser - ein kostbares Gut auf der Atlantikinsel Madeira picture-alliance/dpa -

Glückszahl 150?

Das genossenschaftlich organisierte Wasserverteil-System funktioniert so gut, dass es alle Wirren der portugiesischen Geschichte überdauert hat. Über 250.000 Menschen leben heute auf der kleinen Atlantikinsel, mehr als drei Mal so viele wie auf der etwa gleichgroßen Ostseeinsel Rügen. Dazu kommen auf Madeira weit über eine Million Touristen im Jahr. Ohne intelligentes Wassermanagement wäre das unmöglich.

Und das basiert auf der Sharing-Idee: Niemand besitzt das System, alle können es nutzen. Besonders gut funktioniert so etwas, wenn die Zahl der Beteiligten überschaubar bleibt. Der britische Evolutionspsychologe Robin Dunbar hat dafür eine optimale Größe von 150 Individuen ausgemacht, die sogenannte Dunbar-Zahl. Und die gelte universell, erklärt der Forscher im Interview mit dem Guardian. Bereits Aufzeichnungen aus dem 11. Jahrhundert nennen sie als durchschnittliche Dorfgröße.

In der Sharing-Szene ist die Dunbar-Zahl ein gängiger Orientierungsrahmen. Und auch die Wasserverbände auf Madeira haben eine derart überschaubare Größe. Man kennt sich persönlich, und das schafft Vertrauen. Bis heute haben die Schotten, mit denen Wasser aus den Levadas stundenweise auf einzelne Felder geleitet wird, keine Schlösser. Ein Glücksversprechen ist mit dem ausgeklügelten Wasser-Sharing auf Madeira nicht verbunden, wohl aber eine über die Jahrhunderte gewachsene Volkskultur. Jetzt sollen die Levadas zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt werden.

Schenken als Pflicht

In vielen Teilen Afrikas ist es das Schenken, das die Großfamilie zusammenhält. Wer Erfolg hat, teilt seinen Gewinn mit denen, die weniger Glück hatten – oder sich weniger angestrengt haben. Es ist wie in einem Chor: Harmonie entsteht erst im Zusammenspiel einzelner Stimmen. Ubuntu heißt das im südlichen Afrika. Niemand kann das Konzept so schön erklären wie der südafrikanische Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu.

Desmond Tutu (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - EPA/NIC BOTHMA)
Desmond Tutu picture-alliance / dpa - EPA/NIC BOTHMA

Man kann nicht für sich alleine Mensch sein. Zum Menschen werden wir erst durch Beziehungen. Ubuntu heißt: Der Mensch ist Mensch durch andere Menschen.

Aber Ubuntu ist nicht nur Freude, es ist auch Verpflichtung. Johanna Mair lehrt und erforscht Management-Strategien in verschiedenen Kulturen, ihr Schwerpunkt ist die Sharing Economy. Wenn es um das traditionelle Schenken geht, warnt sie vor einem Missverständnis. Schenken ist Pflicht und das beruht auf Gegenseitigkeit: Heute schenke ich dir, morgen schenkst du mir. Die spannende Frage, so Mair, sei nun, ob dieses traditionelle Prinzip des Teilens mit den Sharing-Ideen des Internetzeitalters zusammenfindet.

Vertrauen zwischen Fremden

Computerprogramme und Apps sind die Mittler zwischen Anbieter und Nutzer. Einer der Vorreiter war Couchsurfing, die Plattform zur Vermittlung von Übernachtungsplätzen zwischen Privatleuten. Weit über zehn Millionen Nutzer haben sich inzwischen bei Couchsurfing registriert, zahlen müssen sie dafür nicht.

Auch die Übernachtungen selber sind umsonst. Es gilt das Reziprozitätsprinzip: Wer bei anderen kostenlos übernachten will, sollte ab und zu auch selber eine Übernachtungsmöglichkeit anbieten. Kontrolliert wird das nicht. Und doch ist diese Form des Sharing mit einem hohen Maß an Kontrolle verbunden. Denn die Nutzerinnen und Nutzer bewerten Ihre Aufenthalte untereinander.

Couchsurfing ist vor allem in der jüngeren Generation sehr beliebt (Foto: picture-alliance/dpa - Foto: Robert Schlesinger/dpa)
Couchsurfing ist vor allem in der jüngeren Generation sehr beliebt picture-alliance/dpa - Foto: Robert Schlesinger/dpa


Hohe soziale Kontrolle durch technische Bewertungssysteme – das ist die Grundlage der meisten internetbasierten Sharing-Angebote. Das bedeutet aber auch: Gesellschaftliche Teilhabe gegen Aufgabe der Anonymität – offenbar akzeptieren viele Menschen diesen Tausch – und zwar weltweit.

Der Grad des Vertrauens gegenüber Fremden sei besonders stark kulturell geprägt, sagt die Forschung. Es gibt zu dieser Frage ein einfaches Experiment, das weltweit schon seit Jahrzehnten immer wieder durchgeführt wird: Testpersonen verlieren an öffentlichen Orten absichtlich 20 Portemonnaies. Sie enthalten eine Karte mit der Adresse des Besitzers sowie 20 Dollar, umgerechnet in die jeweilige Landeswährung.

Wie viele von den Portemonnaies werden zurückgeschickt? In Südeuropa sind es eher wenige, in den skandinavischen Ländern bis zu 100 Prozent. In Dänemark konnte die Studie nur unter Problemen durchgeführt werden, denn wenn die Testperson dort auf einem öffentlichen Platz so tat, als würde sie das Portemonnaie verlieren, so kam meistens sofort jemand hinter ihr her gerannt mit dem Hinweis, dass sie gerade Ihr Portemonnaie liegen gelassen hätten.

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