Frau vor einem Teilstück der Berliner Mauer (Foto: SWR, picture-alliance / dpa - Alina Novopashina)

SWR2 Wissen: Radio Akademie Berlin – Von der geteilten zur teilenden Stadt

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Aus der 12-teiligen Reihe: "Die teilende Gesellschaft" (1)
Von Dirk Asendorpf

Sie heißen Leila, Wimdu, Drivy oder Sinnwerkstatt - über 200 Berliner Unternehmen und Initiativen fühlen sich der Sharing-Idee verbunden, Zehntausende nutzen ihre Dienste. Sie teilen Werkzeug, Autos oder Gärten, bauen gemeinsam Lastenräder, organisieren den Tausch von Kleidern und Büchern, besorgen Schlaf- und Arbeitsplätze und kümmern sich um die Finanzierung all dieser Ideen. Sie vernetzen sich per Internet und wollen mit dem eigenen Beispiel die Welt verändern. Das einst geteilte Berlin ist zur Hauptstadt des Teilens geworden. Nirgendwo in Deutschland ist der Sharing-Gedanke stärker verankert.

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Teilen statt Besitzen und dabei Spaß haben – das ist die Grundidee der sogenannten Sharing Economy. Über 200 Berliner Unternehmen und Initiativen fühlen sich diesem Gedanken verbunden, Zehntausende nutzen ihre Dienste.

Kommerz und Ehrenamt

Nirgendwo zeigt sich besser, dass es sich dabei keineswegs um eine einheitliche Ideologie handelt. Kommerzielle Startups mit Millionenumsatz zählen sich ebenso zur Sharing-Szene wie rein ehrenamtliche Nachbarschaftsinitiativen.
Ein Hinterhof im Ostberliner Bezirk Pankow. 30 junge Leute arbeiten dicht an dicht im ersten Stock eines ehemaligen Fabrikgebäudes. Schon im Treppenhaus stapeln sich die Kartons. MeineSpielzeugkiste.de heißt die Firma. Ihr Geschäftsmodell: Das Verleihen von Kinderspielen.
Alle Bestellungen laufen übers Internet, der Versand ist Handarbeit. Bezahlt wird je nach Leihdauer. Wird dem Kind das ausgeliehene Spielzeug langweilig, können es die Eltern einfach wieder einpacken und zurückschicken.

Das Geschäft boomt

Um auch noch die letzten Krümel aus den Gelenken eines großen gelben Schaufelbaggers zu pulen, kommen Pinzetten und alkoholgetränkte Wattestäbchen zum Einsatz. Parallel wird jeder Arbeitsschritt in einem Computerprogramm penibel dokumentiert. Und alle Bestellungen laufen ausschließlich über das Internet. Persönlichen Kontakt mit ihren Kunden haben die Spielzeugverleiher – selbst dann, wenn etwas schiefgeht – nicht. Spiele, die früher nach einigen Wochen nutzlos im Kinderzimmer herumlagen, können durch das organisierte Verleihen bis zu zehn weitere Kinder erfreuen. Und das Geschäft boomt. 150 bis 200 Spielzeugpakete werden täglich verschickt.

Vom nutzlosen Besitzen

Menschen brauchen keine Bohrmaschine, sondern ab und zu ein Loch in der Wand, sie brauchen vielleicht Kopien, aber keinen Kopierer. Und sie wollen reisen, brauchen dafür aber kein eigenes Auto. "Vom nutzlosen Besitzen zum besitzlosen Nutzen" – so das Motto.
Es stammt von Nikolai Wolfert, Mechthild Wolferts Sohn, dem Gründer des Leila – einem Leihladen in Berlin. Als studierter Soziologe hat er einen äußerst kritischen Blick auf die gesellschaftliche Rolle der Sharing Economy und den Beitrag, den der Leila darin liefert.
Und statt Dienstleistungen bei Handwerkern zu bestellen, hilft man sich gegenseitig; statt teure Werkzeuge und Lizenzen zu kaufen, nutzt man sie gemeinsam. In der Sharing-Szene wird so etwas FabLab, kollaborative Produktion oder Peer-Production genannt.

Frau mit Bohrer (Foto: SWR, SWR - Stephanie Uhlig)
Ansetzen, drücken und los bohren ! SWR - Stephanie Uhlig

Zum besitzlosen Nutzen

Der einfache Zugang zu derartigen Produktionsmitteln erlaubt immer mehr Menschen, sowohl Produzent als auch Konsument, ein sogenannter Prosument oder Prosumer zu sein. Besitzer von Solaranlagen verbrauchen den auf ihrem Hausdach erzeugten Strom selber, Programmierer vernetzen sich über das Internet, um kostenlose Open Source-Software zu erstellen, gleichgesinnte Jungunternehmen schließen sich zu Bürogemeinschaften zusammen.
Netzwerke treten an die Stelle von Märkten, aus dem Homo Oeconomicus wird ein Homo Colaborans, kapitalistisches Geschacher verwandelt sich in eine freundliche Deins-ist-meins-Ökonomie. So jedenfalls lauten die Visionen der Sharing Economy.

Oder sind es nur Illusionen?

Das mit Abstand größte Sharing-Projekt heißt Wimdu und belegt eine riesige Etage der ehemaligen AEG-Fabrik an der Voltastraße im Wedding. Die Kennzahlen für das Jahr 2015: mehr als 200 Mitarbeiter mit 35 verschiedenen Nationalitäten, 300.000 Übernachtungsangebote in 150 Ländern, weit über fünf Millionen gebuchte Nächte, gut 100 Millionen Euro Jahresumsatz.
Das Unternehmen, das der Risikokapitalgesellschaft Rocket Internet gehört, ist global aktiv. Doch die Steuern, darauf legt Peter Vida großen Wert, zahlt der Konkurrent des kalifornischen Marktführers Airbnb in Deutschland. Und das gelte auch für die Gastgeber der vermittelten Ferienunterkünfte.
Vida ist Leiter der Wimdu-Rechtsabteilung. Und auch all das, was die über Wimdu vermittelten Gäste während ihres Aufenthalts bezahlen, käme direkt der Stadt zugute.

Kein Betriebsrat und keine soziale Absicherung

Das große Versprechen der Sharing Economy: Spaß haben, menschliche Wärme finden und dabei auch noch viel Geld verdienen. Bei Wimdu soll das auch für die Beschäftigten gelten. Dicht an dicht sitzen sie an langen Tischen in einem Großraumbüro und klappern eifrig mit ihren Tastaturen. Viele tragen Headsets für die telefonische Beratung.

Einen Betriebsrat gibt es bei Wimdu nicht, bisher habe einfach noch niemand danach gerufen, sagt der Leiter der Rechtsabteilung. Und die Privatvermieter der von Wimdu vermittelten Unterkünfte haben keinerlei soziale Absicherung.
Ähnliches gilt in vielen Bereichen der Sharing Economy. Gewerkschaften kritisieren, dass hier ein neues Prekariat von Selbständigen entstehe, die ohne Anspruch auf Renten- und Arbeitslosenversicherung für geringes Entgelt arbeiteten. So kann man es sehen. Man kann es aber auch als Befreiung von den starren Regeln der traditionellen Arbeitswelt empfinden.

Ist Sharing grün?

Über Wimdu vermieten Privatleute ungenutzte Zimmer, bei Drivy können sie ihr herumstehendes Auto zu Geld machen. Das französische Unternehmen hat 2015 den deutschen Anbieter Autonetzer gekauft und seine Niederlassung in der Rainmaking Loft eröffnet, einem vom Senat geförderten sogenannten Co-Working-Space für Startup-Unternehmen gleich um die Ecke vom Checkpoint Charlie.

Parkende Autos stehen in der Sonne. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Warum ein Auto das man selten braucht nicht einfach teilen? Thinkstock -


Christiane Jakobs ist für die Firmenkommunikation zuständig. In der Zugehörigkeit zur Sharing-Szene sieht sie vor allem ein großes Potenzial für geschäftsfördernde Synergie-Effekte. Der typische Drivy-Kunde sucht ein Auto, um ein verlängertes Wochenende mit Partner oder Freunden außerhalb der Stadt zu verbringen.
Nutzen statt Besitzen – MeineSpielzeugkiste, Wimdu oder Drivy erfüllen dieses Motto der Sharing Economy. Aber werden dabei tatsächlich Ressourcen geschont? Ist Sharing grün? Oder verführen die per Internet und Smartphone-App allzeit verfügbaren günstigen Angebote zu neuem Konsum und wachsendem Ressourcenverbrauch?

Keine Überprüfung der Ansprüche

Eine umfassende Ökobilanz könnte die Antwort geben. Doch bisher hat keines der großen Sharing-Unternehmen einen Auftrag dafür erteilt. Fast scheint es so, als scheue die Szene vor dem Versuch zurück, ihre eigenen Ansprüche konkret überprüfen zu lassen. So fällt es leicht, sich auf der richtigen Seite zu wähnen.
Eine Internet-Umfrage hat gezeigt: Das Durchschnittsalter der Berliner Sharing-Unternehmen und -Projekte beträgt gerade einmal zwei Jahre, fast alle sind auch auf Facebook und anderen sozialen Netzwerken präsent. Die Szene ist jung – und sie wächst schnell, sowohl beim Umsatz als auch bei der Zahl der fest oder frei Beschäftigten.
Seine Industrie hat Berlin mit der Wiedervereinigung fast vollständig verloren, doch der morbide Charme und die niedrigen Mieten der verlassenen Fabriketagen haben die internationale Sharing-Szene magisch angezogen. Viele vor allem kleinere Projekte haben nicht nur den wirtschaftlichen Erfolg im Blick, sie wollen mit dem eigenen Beispiel auch die Welt verändern.

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