Ein Mann sitzt in einem Rollstuhl (Foto: Getty Images, Thinkstock -)

Hoffnung für Gelähmte Therapien bei Querschnittslähmung

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SWR2 Wissen. Von Margrit Braszus

Querschnittslähmungen galten bisher als unheilbar. Neue Forschungen zeigen jedoch, dass die Schädigung des Rückenmarks nicht immer irreversibel sein muss.

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Bei einem spektakulären Tier-Experiment in Lausanne schien das bislang Unmögliche gelungen. Schweizer Wissenschaftler zeigten im November 2016 ein Video, in dem man sieht, wie ein zuvor hinkender Rhesusaffe mit gelähmtem Hinterbein plötzlich wieder normal läuft. Die Forscher hatten dem Affen einen Mikrochip ins Hirn verpflanzt und Elektroden am Rückenmark angebracht.

Bei gesunden Tieren oder Menschen schickt das Gehirn Befehle über Nervenfasern im Rückenmark an die Muskeln. Ist das Rückenmark verletzt, kommen die Signale nicht mehr im Bein oder im Arm an – sie sind gelähmt. Die Forscher in Lausanne haben die zerstörte Leitungsbahn im Rückenmark überbrückt: Der Chip im Gehirn des Rhesusaffen zeichnet die Befehle für einen Bewegungsablauf auf. Diese Signale werden an einen Empfänger weitergeleitet, der die Muskeln aktiviert - dann bewegt sich das Bein des Tieres.

Darstellung des Zentralen Nervensystems, Sujet Parkinson (Foto: imago/Science Photo Library -)
Bei einer Querschnittslähmung werden Nervenbahnen vom Gehirn zu den Muskeln zerstört imago/Science Photo Library -

Ob ein Chip im Gehirn sich auch bei querschnittsgelähmten Menschen bewährt, muss sich erst noch zeigen. Rund 1.800 sind es pro Jahr, die von einem Tag auf den anderen querschnittsgelähmt werden – überwiegend betrifft es Männer. Bei der Hälfte der Fälle war ein Auto- oder Motorradunfall die Ursache, gefolgt von Stürzen bei risikoreichen Sportarten. Am dritthäufigsten sind es Tumore, die zur Querschnittslähmung führen.

Nerven bleiben intakt

Bei einer Querschnittslähmung werden Nervenbahnen vom Gehirn zu den Muskeln zerstört. Die Nerven jedoch, die die Muskeln mit dem Rückenmark verbinden – also Nerven in Armen und Beinen - bleiben erhalten. Sie sind auch viele Jahre nach der Lähmung noch vorhanden. Durch äußerlichen Reiz, wie zum Beispiel Strom, können sie beispielsweise mit Neuroprothesen aktiviert werden.

Sind durch eine Verletzung des Rückenmarks die Schäden allerdings zu groß, kommt das Nervensystem an seine Grenzen: Stark gequetschte oder gerissene Nervenfasern gehen zugrunde, die Regenerationsfähigkeit ist minimal. Das liegt auch daran, dass der Körper bei seinem Versuch, den Schaden zu reparieren, quasi scheitert, denn neue Fasern wachsen nur über sehr kurze Distanzen, meistens nicht einmal einen Millimeter weit, und stellen dann ihr Wachstum ein. Das liegt einerseits an Hemmstoffen, die das verhindern, und andererseits daran, dass die Enden der Fasern vernarben.

Hemmung aufgehoben

Züricher Wissenschaftler entwickelten einen Wirkstoff, der diese Hemmstoffe aufhebt. Die behandelten Nervenfasern wuchsen wieder stärker als vorher, sowohl im Tierversuch als auch bei 52 menschlichen Probanden. Ohne Nebenwirkungen. Sie fühlten wieder mehr und ihre Bewegungsfähigkeit verbesserte sich. Das Experiment wird jetzt auf 150 weitere Patienten ausgeweitet und überprüft, ob die Effekte längerfristig anhalten.

Aber: Zu erwarten, dass eine Lähmung zu 100% rückgängig gemacht werden kann, ist eine überzogene Erwartung.
In Heidelberg versuchen Forscher, neue Nervenzellen wachsen zu lassen. 2016 konnten in den USA erste Erfolge der Stammzellentherapie bei gelähmten Ratten nachgewiesen werden. In einer aktuellen Studie wurden zwölf Patienten mit Stammzellen behandelt. In dieser Behandlungsgruppe gab es Hinweise darauf, dass sich das Gefühl bei den Betroffenen verbessert hat – sie konnten zum Teil ihre Arme oder Beine, ihren Darm oder ihre Blase wieder spüren. Allerdings ist die Stichprobe eben sehr klein.

Gehen im Gerüst

Am Berufsgenossenschaftlichen Klinikum Tübingen trainieren querschnittsgelähmte Patienten mit einem Exoskelett. Es wird mit Akkus betrieben, die etwa 20 Kilo wiegen und in einer Art Rucksack auf dem Rücken getragen wird. Die Therapie ist teuer und wird nicht immer von den Kassen bezahlt. Bisher habe etwa 30 Patienten das Gerät genutzt. Bislang kann es den Rollstuhl aber noch nicht ersetzen.

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