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QR-Codes auf Grabsteinen Der digitale Friedhof

Auf einigen Friedhöfen findet man seit einiger Zeit QR-Codes, die man mit dem Handy scannen kann. So bekommt man Informationen über die Verstorbenen, deren Leben und Tod.

November-Dezember ist die Zeit, in der wir wahrscheinlich am häufigsten auf Friedhöfe gehen. Mit Allerheiligen geht’s los, da stellen viele ihren Verstorbenen noch mal eine Kerze aufs Grab, gerade war Totensonntag. Zeit, um an die Verstorbenen zu denken und sich vielleicht zu überlegen, ob es nicht noch andere Möglichkeiten gibt, die Erinnerung an die Toten lebendig zu halten.

Grabstein zum Klicken

Auf einigen Friedhöfen findet man seit einiger Zeit QR-Codes, wie wir sie aus der Stadt, an Litfaßsäulen oder aus dem Fernsehen kennen. Mit einer speziellen App muss man dann nur noch die Kamera seines Handys gegen diesen Code halten und schon hat man Informationen auf dem Handy. Informationen über den Verstorbenen oder die Verstorbene, deren Leben und Tod. Wie funktioniert das? Und warum machen Menschen das?

QR-Codes auf Gräbern

Trauer mit Pixelmuster: QR-Codes auf Gräbern

Besuch auf dem Friedhof in der Eythstraße in Berlin-Schöneberg: Abteilung 63, Grabstelle 72/73. Vor dem Grab ist eine weiße Stele mit einem schwarzen QR-Code. Viele Menüpunkte finde man so übers Handy auf der Internetseite von Stefan: Informationen über ihn, dass er Polizist war, 25 Jahre alt und wie er aussah - Fotos von ihm beim Hamburger-Essen, am Meer. Informationen über seinen Unfall, dass er im Hotelpool in Key West in Florida umgekommen ist, seinem Lieblingsort Zeit seines Lebens. Und – Musik, die er am Abend vor seinem Tod noch gehört hat.

Intimität zwischen Fremden

Je mehr man über den verstorbenen Stefan erfährt, umso mehr hat man das Gefühl, ihn gekannt zu haben. Den Besucherinnen und Besuchern auf dem Friedhof geht es genauso. Sie erzählen, wie sehr sie von den Informationen über den unbekannten Toten berührt sind.

Den QR-Code hat der Berliner Steinmetz Stefan Herrmann gemacht. Den Code findet er im Internet, umsonst. Den muss er dann auf den Stein bekommen, er macht das noch traditionell handwerklich und nicht per Laser zum Beispiel. 400 Euro kostet die Stele samt Code bei ihm. Nach 4 bis 5 Stunden ist sie fertig, erzählt er. Er plottet und klebt den Code in aufwändiger Kleinstarbeit auf die Stele.

QR-Code am Grab der DDR-Bürgerrechtsaktivistin Bärbel Bohley auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin

QR-Code am Grab der DDR-Bürgerrechtsaktivistin Bärbel Bohley auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin

Die Stele für den Polizisten Stefan war bisher der einzige QR-Code für den Steinmetz, woran liegt das? Der Steinmetz meint, die Nachfrage sei da, doch der Mut fehlt, vor allem im Friedhofswesen. Viel Mut für moderne Technik auf dem Friedhof hat die jüdische Gemeinde in Berlin. Allein auf dem jüdischen Friedhof Weißensee findet der Besucher gleich zwei QR-Codes, erzählt Friedhofsleiter Hilel Goldmann. Wie zum Beispiel den Lebenslauf von Schriftsteller Stefan Heym, ganz am Anfang des jüdischen Friedhofs Weißensee.

Update der Erinnerung

QR-Codes gibt es mittlerweile in ganz Deutschland, erzählt Soziologe Thorsten Benkel, der über Friedhofskultur forscht. Der Trend kommt aus Japan, weil die Menschen dort Technik lieben und keinen Platz auf Friedhöfen haben. Und noch einen Vorteil hat so ein QR-Code auf dem Grab – Hinterbliebene können ihrer Trauer aktuell Ausdruck verleihen, anders als einen Grabstein, später vieles im Internet verändern.

Technik auf dem Friedhof. Für Soziologen und Steinmetze nichts Neues. Dass noch Wochen nach einer Beerdigung noch ein Handy aus der Tiefe klingelt, das kann man erschreckend finden. Aber nicht jeder Trend setzt sich durch. Schon vor 10 Jahren hatte ein Holländer die Idee, dass auf seinem Grab ein digitaler Bilderrahmen Fotos von ihm in Endlosschleife zeigen sollte. Die Umsetzung scheiterte, weil seine Verwandtschaft kein Solardach über dem Grab anbringen wollte, denn so ein Rahmen braucht Strom.

Segen online

Aber die Entwicklung geht weiter, auch auf dem Friedhof, sagt der Soziologe Thorsten Benkel. Es gibt verschiedene Tendenzen darin, beispielsweise die Individualisierung der Erinnerungskultur oder das Handy als Grabbeigabe.

Was sich in Deutschland gerade etabliert, ist der QR-Code. Auch in der Autobahnkirche Baden-Baden findet der Besucher einige davon, erzählt Norbert Kubekus vom erzbischöflichen Seelsorgeamt Freiburg. Man kann bei der Madonna ein Gebetsanliegen formulieren. Das wird per Email ans zuständige Pfarramt weitergeleitet, wo es der Pfarrer in seine Gebete aufnimmt. Eine Chance für die Kirche, modern zu sein und junge Menschen zu erreichen. Wer die QR-Codes in der Autobahnkirche findet, der kann sich per Onlinevideo auch das Glockengeläut anhören und sich einen Reisesegen des Pfarrers vorspielen.