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Psychologie des Raumes Warum wollen Männer nicht nebeneinander pinkeln?

"Warum Männer nicht nebeneinander pinkeln wollen" – das ist der Titel eines Buches, das der Wissenschaftsautor Walter Schmidt geschrieben hat. Und in dem er sich nicht nur mit dieser Frage beschäftigt, sondern mit vielen Alltagssituationen in denen das wirkt, was er "Räumliche Psychologie" nennt.

Welches würden Sie wählen, wenn Sie müssten?

Welches würden Sie wählen, wenn Sie müssten? 1, 2 oder 3?

Herr Schmidt, warum wollen Männer nicht nebeneinander pinkeln?

Männer haben konkretere Revieransprüche als Frauen, sie dulden andere Männer darum nicht so sehr in ihrer Nähe, als Frauen andere Frauen dulden. Sozialpsychologen haben verschiedene Behaglichkeitszonen in Tests herausgefunden. Diese werden in bestimmten Lebenssituationen unterschritten und dann bekommen wir Stress. Die Intimzone ist die von unserem Körper aus gesehen nächste Zone und in diese lassen wir nur sehr vertraute Menschen.

Stilles Örtchen

Stilles Örtchen - still genug?

Nun werden Männer am Urinal aber dazu gezwungen, wildfremde Männer in dieser Zone zu dulden, die etwa 50 Zentimeter von unserem Körper aus endet, und das bedeutet nicht gerade Entspannung in so einer Situation. Darum nehmen viele Männer ungern den Mittelplatz, wenn drei Urinale zur Verfügung stehen, oder warten, bis alle frei sind.


Das ist also ein Beispiel für das Wirken räumlicher Psychologie – können Sie erklären, was genau Sie unter räumlicher Psychologie verstehen?

Nachbarschaftsstreit

Bei Nachbarschaftsstreits geht es oft um Grenzen

Das betrifft all das Verhalten, was mit unserem Wohlbefinden im Raum zu tun hat. Welche Landschaften wir mögen, wo wir uns am liebsten platzieren, wie nah wir Menschen an uns heranlassen. Oder denken Sie an Nachbarschaftsstreits, an Abgrenzung, Zäune ziehen, Mauern hochziehen – all das betrifft das "Seelische im Raum", so kann man es nennen.


Als eigenständiger Wissenschaftszweig existiert die räumliche Psychologie aber nicht?

Noch nicht, aber vielleicht trage ich dazu bei, dass sie populärer wird.

Wie funktioniert das, wenn wir uns einen Platz am Strand aussuchen?

Ostsee-Strand

Strand an der Ostsee im Sommer

Damit beginnt das Buch, weil das eine Alltagssituation ist und zum Sommer passt. Was genau dort passiert, ist uns nicht bewusst. Bei unserer Auswahl achten wir zum Beispiel auf einen Wind- oder Sonnengeschützten Platz oder dass wir unsere Kinder im Blick haben, wenn sie im Wasser spielen. Wir kümmern uns um unseren Nachwuchs und wollen eventuell noch das Auto im Blick behalten, wo die Wertsachen sind, als Schutz unserer Ressourcen. Und wir entscheiden auch danach, wie weit der Weg zum Essen sein könnte, also sorgen wir vor.

Was für einen Vorteil bringt das Wissen über solche Entscheidungen?

Aufzug

Wenn das Gegenüber zum Ding wird..

Man kann auf diese Weise auch viel über seine persönlichen Grenzen lernen, zum Beispiel was Probleme mit Nähe betrifft. Es gibt Menschen, die große Probleme haben, andere an sich heranzulassen, das betrifft Extreme. Aber wir alle haben Befindlichkeitszonen, in denen wir uns behaglich fühlen und anderen Menschen nicht so viel Raum lassen wollen. Wir grenzen uns alle ab gegenüber unseren Nachbarn oder Berufskollegen.


Im Fahrstuhl fühlt man sich ja oft nicht wohl, weil man dort gezwungen ist, anderen fremden Menschen besonders nah zu sein – damit haben Sie sich ja auch beschäftigt?

Genau, auch in der U-Bahn sind wir gezwungen, andere Menschen in unsere persönliche Zone zu lassen, diese liegt zwischen einem halben Meter und einem Meter zwanzig.

MSC Poesia Restaurant

Überblick und Kontrolle entscheiden über die Sitzplatzwahl

Das lösen wir dadurch, dass wir die Menschen zu Dingen machen, wir schauen durch sie hindurch. Das ist gut daran zu beobachten, dass alle auf die Anzeige oder in Richtung Tür schauen. Damit gehen wir möglichen Konflikten aus dem Weg, es könnten sich ja Menschen aggressiv verhalten, wenn wir sie anstarren. Menschen versuchen, mit anderen gut auszukommen.




Warum sitzen viele Menschen gerne im Restaurant am Fenster?

Wir haben alle gerne die Dinge im Blick. Entweder mit dem Rücken zur Wand, oder in der Nähe vom Fenster. Vor allem, wenn wir uns in dem Restaurant noch nicht auskennen, möchten wir wissen, was auf uns zukommt und die Möglichkeit zur Reaktion behalten. Am besten sind die Plätze, an denen man zur Tür schauen und das Fenster im Blick haben kann. Der Blick ins Freie entspannt uns, denn hier sind man mögliche Gefahren herankommen. Auch der Blick ins Grüne entspannt uns, darum sind zum Beispiel Fensterplätze besser geeignet für Kreativschaffende als fensterlose Büros.


In ihrem Buch haben sie rund 50 Beispiele gesammelt, was hat Sie persönlich bei Ihren Recherchen am meisten überrascht?

Wenn wir nicht mehr wissen, wo wir sind, neigen wir dazu, im Kreis zu laufen. Dazu kann es schon reichen, wenn uns das Sonnenlicht zur Erinnerung fehlt. Das sieht man oft in Filmszenen in der Eis- oder Sandwüste.


Gibt es noch etwas über das hinaus etwas, was tatsächlich originär neu ist in Ihrem Buch?

Ich hatte mit diesem Buch keinen neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Ziel, sondern es ging mir darum, ein Bewusstsein für das Thema zu schaffen. Es geht darum zu sehen, dass unser ganzes Verhalten einen räumlichen Aspekt hat, ob man jetzt mit einem anderen Menschen auf Tuchfühlung oder Abstand geht – das alles zusammenzufassen und einen neuen Blick auf unser Verhalten zu eröffnen, war die Motivation für dieses Buch.
Das Buch von Walter Schmidt ist im rororo-Verlag erschienen und hat 255 Seiten.

Mangel an Nähe

Nähe oder Distanz - wie wir uns im Raum bewegen, zeigt, wo wir uns am wohlsten fühlen

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