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Der Preis des Geldes Eine Welt ohne Zinsen?

Wer sich bei einer Bank Geld leiht, muss Zinsen zahlen. Wer anderen einen Kredit gewährt, bekommt Zinsen. Dieses Prinzip ist so selbstverständlich, dass bislang kaum jemand auf die Idee gekommen ist, es infrage zu stellen. Kritiker sagen: Der Zins befördert die materielle Ungleichheit und hält Menschen und Staaten in Abhängigkeit und Armut. Aber muss er wirklich sein?

Zur Vermehrung von Geld existiert eine alte Geschichte. Mal spielt sie in Indien, mal im alten Persien. Immer aber, erweist sich der König als Dummer:

Gott Krishna erschien am Hof des Königs und bot ihm eine Partie Schach an. Der König, der das Spiel liebte, stimmte begeistert zu. „Was willst du, wenn du gewinnst?“, fragt er. „Ich bin ein bescheidener Mensch“, antwortete Krishna, „es reicht, wenn du auf das erste Feld des Schachbretts ein Reiskorn legst und dann von Feld zu Feld die Summe der Reiskörner verdoppelst.“ Der König willigte ein. Es kam wie es kommen musste: Krishna gewann. Und schnell war der erste Sack leer. Irgendwann sah der König mit Entsetzen, dass er die gesamten Reisvorräte seines Landes verspielt hatte.

Gott Krishna

Krishna: Ein weiser Gott und ein guter Mathematiker

Egal wo man sich die Geschichte erzählt, sie ist immer eine Mahnung: unterschätze nicht, wie schnell aus einem kleinem Betrag eine große Summe werden kann – sei es als Gewinn oder als Schuld. Dieses sogenannte exponentielle Wachstum liegt auch dem Geldzins zugrunde.   

Kritik am Zinssystem

Margrit Kennedy gehört zu der wachsenden Gruppe der Zinskritiker. Die Architektin beschäftig sich schon lange mit dem Thema.

Margrit Kennedy

Margret Kennedy

"Die meisten Leute glauben, sie zahlen nur Zinsen, wenn sie Geld leihen bei der Bank. Nun ist das ja so, dass die meisten Geschäftsleute mit geliehenem Geld ihre Produktion aufbauen müssen, und dann müssen sie natürlich die Zinsen in die Preise einrechnen. Wenn man sich zum Beispiel die Müllabfuhr anguckt, dann sind das hauptsächlich Personalkosten, da ist vielleicht ein 12-prozentiger Anteil an Zinsen drin. Beim Trinkwasser sind es dann schon 38 Prozent, und im sozialen Wohnungsbau sind es 77 Prozent Zinsen. Das heißt: Im Durchschnitt aller Güter und Dienstleistungen, zahlen wir zwischen 35 und 40 Prozent Zinsen."

Nur wer reich ist profitiert

Unter dem Strich zahlen die meisten Menschen mehr in Gütern und Dienstleistungen „versteckte“ Zinsen als sie für ihr Erspartes bekommen. Lediglich die mit den großen Vermögen, das sind etwa zehn Prozent der Gesellschaft, erhalten mehr Zinsen als sie Ausgaben haben. Das Zinsprinzip ist einer der Gründe dafür, dass die Superreichen immer reicher werden – und andere auf keinen grünen Zweig kommen. 

Montage: Bär und Bulle mit Goldbarren stehen auf Euroscheinen

Haben oder nicht haben

Eine Welt ohne Zinsen, ein Traum?

Auch für die Verteilung von Armut und Reichtum zwischen Staaten ist das Zinsprinzip mit verantwortlich. In den 70er Jahren wurden viele Entwicklungs- und Schwellenländer ärmer, obwohl ihre Wirtschaftsleistung wuchs. Der Grund: Sie hatten die Investitionen mit Krediten finanziert, und die Zinsbelastungen überschritten die gesamte Wirtschaftsleistung bei weitem.

Aber muss Zins wirklich sein? Warum sollte jemand Geld überhaupt verleihen, wenn er dafür keine Zinsen bekommt? Das klingt nach Stillstand und Traumtänzerei. Dabei ist der Zins im Islam nicht erlaubt und auch im Christentum waren Zinsen lange Zeit verboten.

Ungläubiges System

Gemälde Christus mit römischen Soldaten

Gegen Wucher

Wer Zinsen nahm oder gar Wucher betrieb, landete in der Hölle. Gläubigern war lediglich erlaubt ein Pfand zu nehmen. Mit Beginn der Neuzeit ließ die christliche Kirche vom Zinsverbot ab. Das hatte vor allem mit dem Wachstumsdrang der Wirtschaft im 13./14. Jahrhundert zu tun.


Heute sind Länder wie Griechenland, Italien, Slowenien in einer ähnlichen Sackgasse wie Schwellen- und Entwicklungsländer in den 70er und 80er Jahren.

Eine griechische Statue mit einem Buch auf den Kinien vor einer griechischen Flagge.

Griechenland hält die Hände auf. Es wünscht sich frisches Geld.

Auf der einen Seite fallen immer höhere Schuldzinsen an, weil sie ihre Kreditraten nicht bezahlen können. Auf der anderen Seite steigen die Zinsen für Staatsanleihen, mit denen sich Länder von Banken Geld leihen. 25 Prozent betrug die sogenannte Länderrisikoprämie zwischenzeitlich für Griechenland, die von den Ratingagenturen ermittelt wird. Das heißt, dass Griechenland auf jeden Dollar, den es an Kredit aufnimmt, um alte Zinsen zurückzuzahlen, 25 Cent neue Schuldzinsen anhäuft. Ein Teufelskreis.


Nur Wachstum hilft

Die einzige Chance, die Zinsen zu bezahlen, besteht im Wirtschaftswachstum. Der Staat profitiert davon in Form von Steuern, die dann in die Zinstilgung fließen.

Zinsenangabe

Ein Leben ohne Zinsen?

Ein Wirtschaftswachstum von 25 Prozent aber kann es kaum geben. Allenfalls beim Wiederaufbau nach einem Zusammenbruch. Dass die Krisenländer der EU aus eigener Kraft aus der Zinsklemme kommen, ist daher mehr als unwahrscheinlich. Aber auch in Deutschland könnte die Lage bedrohlich werden.


Schuldenschnitt

Margrit Kennedy hat erlebt, was passieren kann, wenn ein Land in die Überschuldungsfalle gerät. Ende 2001 erklärte die argentinische Regierung den Staatsbankrott.

Geld unter Matratze

Auch unter der Matratze kann man sein Geld "anlegen" ...

Daraufhin brachen soziale Unruhen aus. 28 Menschen starben. Nach Verhandlungen mit den Gläubigern durfte Argentinien die Hälfte seiner Schulden streichen. Zudem verkündete die Regierung einen Zinsenschnitt bei den Staatsanleihen. Zinsen und Zinseszinsen, die nach 2002 aufgelaufen waren, sollten nicht zurückgezahlt werden. Die Gläubiger waren empört.


Alternativen zum Zins

Aber würde eine Welt ohne Zinsen aussehen? Tatsächlich gibt es erstaunlich viele Alternativen zum Zinsprinzip.

Bezahlen in Bremen

Roland statt Euro

Eine ist die schweizerische WIR-Bank, die Unternehmen mit zinsfreien Krediten versorgt. Eine andere Variante ist das Schwundgeld des belgischen Ökonomen Silvio Gesell. Und dann gibt es noch das Islamic Banking.



Alternative Kreditformen


Margrit Kennedy glaubt, dass es am besten wäre, die herkömmlichen und die alternativen Varianten zu kombinieren. Das würde bedeuten, dass der Zins nicht ganz aus der Welt verschwindet, aber doch in Teilen. Ein paar erste Schritte in diese Richtung sind gemacht. So hat die deutsche Bankenregulierungsbehörde Bafin ihren Vorbehalt gegenüber dem Islamic Banking abgelegt. Auch die WIR-Bank ist seit Kurzem in Deutschland zugelassen.

Regiowährung

Carlo ist das Geld der Karlsruher

Crash oder Inflation

Und was geschieht, wenn das Zinssystem bleibt wie es ist? Im schlimmsten Fall kommt es zu einem Crash wie in Argentinien. Im besseren Fall erhöhen die Regierungen die Steuern, um die exponentiell wachsenden Schuldzinsen zu bezahlen. Eine andere Möglichkeit ist, für Inflation zu sorgen. Denn wenn das Geld weniger wert ist, schrumpft auch der Wert der Zinsen. Oder es kommt zum Schuldenschnitt.

Bei allen Varianten werden die Vermögenden viel Geld verlieren und die Armen noch weniger Geld haben. Allerdings werden sich die Vermögenden schneller vom Verlust erholen. Der Zins mit seinem exponentiellen Wachstum hilft ihnen dabei.

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