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Postoperatives Delir Was schwere Operationen bei alten Menschen bewirken

Jeder zweite Patient über 65 entwickelt infolge einer schweren OP ein so genanntes "postoperatives Delir", verbunden mit Orientierungslosigkeit, Verwirrtheit, Halluzinationen. Viele erholen sich nie wieder ganz. Lassen sich diese fatalen Nebenwirkungen nach Operationen verhindern?

Eine schmerzhafte OP, ein ungewohnter Tagesablauf, viele Medikamente - ein Krankenhausaufenthalt ist selten angenehm. Für ältere Menschen ist dieser Stress jedoch regelrecht gefährlich. Etwa die Hälfte aller Patienten über 65 entwickelt nach einer schweren OP ein "postoperatives Delir". Die Patienten sind orientierungslos, halluzinieren oder bekommen Angstzustände, manche geraten völlig aus der Spur. Das ist ein akuter Verwirrtheitszustand, von dem sich viele Patienten nie wieder richtig erholen. Oft wird dann eine Demenz diagnostiziert, dabei leiden die Patienten nur an den Folgen eines Delirs.

Vorbeugen besser als heilen

Man weiß heute, dass man ein hohes Risiko hat an den Folgen des Delirs zu versterben, noch im Krankenhaus und oder in den folgenden Monaten. Die Patienten die es überleben, haben außerdem ein hohes Risiko, kognitive Schäden davon zu erleiden. Das heißt, noch ein Jahr nach einem eigentlich gut therapierten Delir sieht man in über 40 Prozent der Fälle kognitive Einschränkungen. Umso wichtiger ist daher die Vorbeugung.

Darum haben Experten am St. Franziskus in Münster ein besonderes Konzept entwickelt um dem Delir vorzubeugen. Beispielsweise mit Gedächtnistests wollen die Ärzte abklären, ob die Patienten bereits zum Zeitpunkt der Aufnahme kognitiv beeinträchtigt sind – denn dann sind sie besonders delirgefährdet. Ein paar Tage nach der OP werden die Patienten noch einmal getestet, so lassen sich eventuelle Veränderungen in der geistigen Leistung frühzeitig entdecken.

Vollstes Vertrauen statt Narkose

Junge Frau kümmert sich um pflegebedürftigen Senior

Persönliche Betreuung kann auch beruhigende Wirkung haben

Die Altenpflegerinnen, die dafür eingestellt werden, sind entsprechend geschult und lernen den Patienten in der Notaufnahme kennen, dann wird der Patient weiter begleitet, bevorzugt von dem gleichen Gesicht. Das ist besonders wichtig zum Zeitpunkt der Operation, der viele Ängste mit sich bringt und Vertrauen zwischen dem medizinischen Personal und dem Patienten erfordert. Im St. Franziskus-Hospital verzichten die Ärzte außerdem nicht nur weitestgehend auf bewusstheitsverändernde Medikamente, sondern auf die Vollnarkose, denn beides erhöht die Delirgefahr.

Man weiß heute, dass zum Beispiel die Benzodiazepine ein hohes delirogenes Potenzial haben. Dennoch mussten diese jedoch früher trotzdem oft angewendet werden, weil man eine "Angstlösung" für den Patienten brauchte. Doch durch die vertraute Person, die auch während der Operation am Patienten verbleibt, bieten sich andere Möglichkeiten. Das funktioniert sogar bei größeren Eingriffen, wie dem Einsetzen eines neuen Hüftgelenks.

Ist Fürsorge immer teuer?

Doch das ist eine sehr personalaufwändige Hilfe. Rechnet sich das? Schließlich bekommen die Krankenhäuser seit Einführung der Fallpauschalenvergütung nur eine bestimmte Summe pro "Fall", also Patient.

Ein Anästhesist bei der Arbeit.

Ab wann rechnet sich eine Vollnarkose wirklich?

Für eine hüftgelenksnahe Fraktur sind das etwa 6700 Euro. Damit verdient das Krankenhaus natürlich umso mehr, je schneller der Patient das Krankenhaus wieder verlässt, die aufwändige Betreuung wird nicht extra vergütet.

Es ist in der Tat so, dass man primär in Personal und in diese Betreuung investieren muss, das rechnet sich auf der anderen Seite aber durch komplikationsärmere Verläufe. Das heißt, jeder Patient der nicht im Delir ist und nicht auf der Intensivstation oder auf der Normalstation länger versorgt werden muss, führt natürlich auch zu Einsparungen.

Seit Einführung des neuen Behandlungskonzepts bekommt am St. Franziskus nicht mehr jeder zweite, sondern weniger als jeder zehnte Patient über 65 ein Delir. Außerdem können die Patienten im Schnitt vier bis fünf Tage früher nach Hause, das spart viel Geld und Zeit auf allen Seiten.

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