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Die postantibiotische Ära Gefahr durch resistente Erreger

Eine halbe Million Krankenhauspatienten werden hierzulande jährlich mit resistenten Erregern infiziert. Sie können nur noch schlecht antibiotisch behandelt werden. Ein weltweiter Trend, der für die Menschheit sehr gefährlich werden kann. Experten sprechen von einer postantibiotischen Ära, die der Zeit ähnelt, bevor das Penicillin entdeckt wurde. SWR2 Impuls sprach mit Professor Dr. Uwe Frank, Hygieniker und Mikrobiologe am Uniklinikum Heidelberg.

Antibiotika versagen immer öfter gegen Bakterien

Antibiotika versagen immer öfter gegen Krankheitserreger

Die Weltgesundheitsorganisation hat eine alarmierende Warnung ausgesprochen: Bakterielle Infektionskrankheiten könnten künftig wieder mehr Menschen töten. Der Grund sei die zunehmende Resistenz von Bakterien gegen Antibiotika weltweit. Somit könnten Infektionen künftig wieder sehr gefährlich werden - trotz der Gabe von Antibiotika. Eine der neuen Hauptgefahren für die Gesundheit?

Ist die Lage auch aus Ihrer Sicht so ernst?
Frank: Die Lage ist tatsächlich sehr ernst. In den letzten Jahrzehnten wurden nur wenige neue Antibiotika auf dem Markt zugelassen. Auf der anderen Seite sehen wir eine signifikante Zunahme von multiresistenten Erregern, die mit Antibiotika nur noch sehr schlecht behandelt werden können.


Liegt vor uns eine Epoche, in der es so ähnlich werden könnte wie vor der Entdeckung des Penicillins?

Frank: In der Tat sprechen Experten inzwischen von der postantibiotischen Ära. Das heißt, einer Zeit, in der Antibiotika nicht mehr effizient eingesetzt werden können.


Liegt die Ursache dieser Resistenzen daran, dass lange Zeit bedenkenlos zu viele Antibiotika eingesetzt worden sind?

Frank: Das ist genau der Punkt. Der Verbrauch von Antibiotika ist direkt assoziiert mit der Resistenzentstehung und Resistenzentwicklung bei vielen pathogenen Krankheitserregern. Das sind genau die Bakterien, welche schwere Infektionen hervorrufen, zum Beispiel Pneumonie, Harnwegsinfektionen oder Sepsis.


Früher wurde mir etwa bei Bronchitis gleich ein Breitbandantibiotikum verordnet. Warum findet man nicht zuerst heraus, welche Bakterien der Patient hat?

Medikamentenmangel

Antibiotika werden häufig verschrieben.

Was Sie hier ansprechen ist genau die Wurzel des Übels: Häufig werden Antibiotika eingesetzt, ohne dass dafür eine Indikation besteht - schätzungsweise in bis zur Hälfte der Fälle, speziell im ambulanten Bereich. Das Beispiel Bronchitis ist sehr gut. Bronchitis wird in über 90 Prozent der Fälle durch Viren hervorgerufen, und Viren können mit Antibiotika nicht behandelt werden. Aus einem Sicherheitsdenken heraus geben die Ärzte aber häufig Breitspektrum-Antibiotika. Und ein wenig ist da manchmal auch der Patient schuld, weil er diese Erwartungshaltung hat, dass er ein potentes Medikament bekommt.


Ist das Breitbandantibiotikum nicht eigentlich eine sogenannte chemische Keule?

Frank: Das ist in der Tat eine chemische Keule. Was eigentlich passiert, ist dass die Mikroflora, die jeden Menschen besiedelt, durch diese Antibiotika sehr stark geschädigt wird. Es werden auch gutartige Bakterien mit abgetötet. Die Erreger, welche resistent sind, bleiben übrig und können sich in dem Freiraum, der durch diesen Keulenschlag hervorgerufen wird, ausbreiten.


Wie groß ist die Problematik im Krankenhaus?

Krankenhausflur mit Betten

Hohe Gefahr in Kliniken

Frank: Es gibt etwa 400.000 bis 600.000 Infektionen mit resistenten Erregern jährlich in der Bunderepublik. Das ist eine sehr hohe Zahl. Man schätzt, dass etwa ein Drittel dieser Infektionen durch eine konsequente Hygiene vermeidbar wären. Deswegen gibt es auch verschiedenste Programme, zum Beispiel das Krankenhaus-Hygiene-Gesetz, mit dem jetzt die Hygiene gefördert werden soll. Außerdem das Krankenhaus-Entgeld-Gesetz, wo staatliche Gelder eingesetzt werden können, um Hygieniker und Hygienefachkräfte in ausreichender Zahl zu beschäftigen. Es laufen verschiedene Fortbildungsprogramme an den großen Universitätsklinika. Es wird also eine Menge getan um dieses Problem anzugehen.


Werden denn auch weniger Antibiotika im Krankenhaus verordnet?

Frank: Wir versuchen, Antibiotika indikationsbezogen einzusetzen. Wenn wir sie geben, dann so kurz wie möglich, nicht als ausgedehnte Therapie, die unter Umständen unnötig ist.


Also nicht mehr so, wie man das früher kannte, als man nach einer OP fünf bis sechs Tage Antibiotikum bekam?

Laborant bei der Arbeit

Forschung an resistenten Erregern

Frank: Ja, es ist grundsätzlich nicht richtig, wenn das passiert. Bei einigen Operationen gibt man eine antimikrobielle Prophylaxe, also einen "Single-Shot" eines Antibiotikums. Damit möchte man vermeiden, dass es zu einer Infektion kommt. Aber das ist eine Einmalgabe. Eine ausgedehnte Therapie über mehrere Tage ist grundsätzlich verkehrt.

Sie sagten eben, wir leben in einer postantibiotischen Ära. Was kann man tun und gibt es einen Ersatz für Antibiotikum?

Frank: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite sollten wir neue Antibiotika entwickeln, die wir vernünftig einsetzen. Auf der anderen Seite müssen wir die Verbreitung dieser resistenten Erreger vermeiden. Es ist wichtig, dass wir entsprechende Hygienemaßnahmen in den Krankenhäusern implementieren. Man muss auf beiden Gebieten arbeiten - sowohl am Einsatz von Antibiotika, als auch an der Beschränkung der Ausbreitung von diesen resistenten Erregern.

Sie sagten eben, neue Antibiotika werden nicht entwickelt, warum ist das so?

Sexualkrankheiten wie Syphilis breiten sich in Baden-Württemberg aus

Schutz vor Infektionskrankheiten

Frank: Das hängt ein bisschen damit zusammen, dass die Motivation der Industrie nicht sonderlich hoch ist. Es sind Medikamente, die meistens nur für ein bis zwei Wochen verabreicht werden. Außerdem sind sie kurativ, das heißt, man braucht sie auch nicht länger verabreichen. Bei anderen Medikamenten ist das anders, etwa bei Herzmitteln, Herzkreislaufmitteln oder Medikamenten gegen Diabetes. Diese werden über mehrere Jahre gegeben, bei chronischen Erkrankungen. Hier kann die Industrie natürlich einen viel höheren Gewinn erzielen. So werden dann letztendlich in die Entwicklung anderer Substanzen viel mehr Gelder investiert.

Ein falscher Trend?

Frank: Das ist definitiv ein falscher Trend. Ich hatte eine Gastprofessur jenseits der Alpen. Dort gibt es, in mediterranem Gebiet, schon enorme Probleme. Dort gibt es teilweise Infektionserreger, die gar nicht behandelbar sind, wo sämtliche Antibiotika unwirksam sind. Wir stehen dort schon auf der Schwelle der Postantibiotischen Ära. Griechenland und Italien haben in den Krankenhäusern enorme Probleme.


Bleibt zu hoffen, dass wir das in den Griff bekommen. Pathetisch gesagt: Ist das dann eine Aufgabe für die Menschheit?

Frank: Definitiv, wir müssen wirksame Medikamente zur Verfügung haben, denn Infektionen sind immer die Geißel der Menschheit gewesen. Wenn wir keine Medikamente haben, dann ist die Sterblichkeit bei systemischen Infektionen extrem hoch, nämlich bei 50 bis 80 Prozent. Die Sterblichkeit ist mit Antibiotika weitestgehend vermeidbar.

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