Ein Mann hält ein Feuerzeug unter den Planeten Erde. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)

Süßwasser aus Polarschmelze Auswirkungen auf den Golfstrom

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Der Golfstrom ist die "Zentralheizung" Europas – ohne ihn wäre es hier bitterkalt. In einem weit verzweigten globalen Strömungsband transportiert der Golfstrom Wärme aus südlichen Breitengraden nach Norden. Ein wichtiger Antriebsfaktor ist der Salzgehalt des Wassers. Ab Montag, den 18.Juli sind Wissenschaftler der Universität Bremen an Bord des Forschungseisbrechers Polarstern auf dem Weg nach Grönland, um herauszufinden, wie sich das Süßwasser aus den Gletschern dort im Meer verteilt.

Dies, so Monika Rhein, Professorin für Umweltphysik der Universität Bremen, sei aber eine Schlüsselfrage, denn der Salzgehalt des Wassers bestimmt maßgeblich die Antriebskräfte des Golfstroms. Je kälter und salzhaltiger das Wasser – desto schwerer ist es. Und: nur kaltes Salzwasser kann in tiefe Meeresschichten absinken, um dort die Umwälzbewegungen anzutreiben, die den Golfstrom fließen lassen. Weil sich aber durch den Klimawandel immer mehr Süßwasser aus den schmelzenden Gletschern mit Meerwasser vermischt, reduzieren sich der Salzgehalt und: das Absinkpotential der Wasserschichten. Dadurch, befürchten Forscher, könne die Kraft des Golfstroms als Wärmepumpe nachlassen – und das Klima in Europa abkühlen.

Versiegt die Wärmepumpe Golfstrom?

Wo es am meisten abkühlen würde, so Monika Rhein, das wäre über dem Nordatlantik, Skandinavien und Westeuropa. "Worst-case-Szenarien", mit bis zu zehn Grad Temperatursturz und ewigem Winter in großen Teilen Europas hält die Umweltphysikerin Monika Rhein für unwahrscheinlich. Um die 2 Grad Celsius kältere Temperaturen seien möglich - wenn die Wärmepumpe Golfstrom tatsächlich nachlässt.

Polarschmelze und Golfstrom (Foto: dpa/picture-alliance -)
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Dass der Eintrag von Schmelzwasser aus dem grönländischen Eisschild den Golfstrom bereits abgeschwächt hat, das vermutet Prof. Dr. Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Mit der Veröffentlichung einer Studie im Fachmagazin "Nature Climate Change" Anfang vergangenen Jahres, die auf sich auf Computermodelle stützt, sorgte er für Diskussionen in der Fachwelt. In den vergangenen hundert Jahren habe sich der gesamte Planet erwärmt, so Rahmstorf – außer im Nordatlantik zwischen Neufundland und Irland, wo es eine Abkühlung gegeben habe, was auf eine Abschwächung des Strömungssystems hindeute. Monika Rhein ist skeptisch:

Wirklich belastbare Daten könne man nur mit Hilfe von Langzeituntersuchungen ermitteln, die es bis jetzt nicht gebe. Klar sei aber, dass der Nordatlantik ein sehr empfindlicher Ozean mit natürlichen Temperaturextremen sei. Computermodelle könnten bis jetzt noch nicht die kleinteiligen Veränderungen abbilden, die nötig wären.

Edelgase im Wasser

Im Gegensatz zu den Computer-Modellierern schauen wir real vor Ort in den Ozean hinein, erklärt Dr. Oliver Huhn, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bremer Institut für Umweltphysik. Er ist ab heute mit zwei Kollegen von Tromsö in Nordnorwegen aus unterwegs in die Arktis. Mit Hilfe der sogenannten "Edelgasmethode" erhoffen sich die Wissenschaftler neue Erkenntnisse über das Verhältnis zwischen Süßwasser und Salzwasser im Nordatlantik. Bei dieser Methode, die zum ersten Mal in nördlichen Breiten angewandt wird, werden Wasserproben auf die Edelgase Helium und Neon hin untersucht, die über Jahrtausende in den Luftbläschen der Gletscher überwintert haben und jetzt über das Schmelzwasser in den Ozean gelangen:

Polarschmelze und Golfstrom (Foto: dpa/picture-alliance -)
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Süßes Wasser im Meer

Auf der knapp zweimonatigen Forschungsreise wollen die Wissenschaftler rund 700 Wasserproben aus dem Meer holen - mit Hilfe eines wagenradähnlichen Kranzwasserschöpfers, der 24 Kupferbehälter trägt und an 100 verschiedenen Positionen versenkt wird - an manchen Stellen bis in bis zu 400 Metern Tiefe. Haupteinsatzgebiet ist das Nordosten Grönlands mit einem Messschwerpunkt am großen 79-Grad-Nord-Gletscher auf der Höhe von Spitzbergen, der wie die Forscher vermuten, besonders viel Süßwasser ins Meer abgibt. Von früheren Messungen weiß Monika Rhein:

Die Spur der Edelgase soll nun Aufschluss über die Wege des Schmelzwassers geben. Erste Ergebnisse der Forschungsreise werden im April 2017 erwartet.

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