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Physiotherapie Wie Behandlungen wirksamer werden

Gelenk- und Rückenschmerzen werden meist durch Verschleiß, Bewegungsmangel, einseitige Belastung und Fehlhaltungen verursacht. Hinzu kommen Probleme, die durch Verletzungen entstehen. All diese Leiden kann Physiotherapie lindern. Sie könnte auch helfen, die viel zu große Zahl von Operationen an Wirbelsäule, Knie, Hüfte oder Schultergelenk deutlich zu verringern. Nur müsste für bessere Ergebnisse auch die Physiotherapie-Ausbildung verbessert werden.

Massage bei der Physiotherapie

Massage ist eine gängige Methode der Physiotherapie

Jeder Zweite in Deutschland leidet regelmäßig unter Gelenk- oder Rückenschmerzen. Bei jedem Fünften sind diese Beschwerden chronisch. Weil der Altersdurchschnitt der Bevölkerung steigt, immer mehr Menschen Übergewicht haben und die meisten viele Stunden am Tag sitzen, nehmen Erkrankungen des Bewegungsapparates zu. Die Physiotherapie kann helfen: Das Wissen eines gut ausgebildeten Physiotherapeuten über Anatomie und physiologische Zusammenhänge ist sehr groß. Er untersucht immer den gesamten Körper: Gibt es Fehlhaltungen - oder Fehlstellungen bestimmter Gelenke, die für die aktuellen Beschwerden verantwortlich sind? Denn die Ursachen für Schmerzen liegen oft nicht an der Körperstelle, die dann schmerzt. Er ertastet außerdem, wo Muskeln verspannt und Gelenke blockiert sind. Und weiß, wie er korrigierend eingreifen kann. Vorausgesetzt, er ist gut ausgebildet und arbeitet fundiert. Doch das ist längst nicht immer der Fall, wie Fachleute bemängeln.

Ausbildung oft mangelhaft

Die weitaus meisten künftigen Physiotherapeuten absolvieren nach wie vor eine dreijährige Fachschulausbildung. Tatsächlich schwankt die Qualität der Ausbildungen je nach Schule deutlich. Ein Grund: Seit Jahren steigt der Bedarf an Physiotherapeuten stark. Diesem Boom entsprechend wurden auch immer mehr Fachschulen gegründet. Die meisten sind teure Privatschulen, die sich selbst tragen müssen und mit denen die Inhaber ihr Geld verdienen. Doch die Qualität bleibt mitunter auf der Strecke.

Standards und Zertifikate

Hinzu kommt, dass Physiotherapie in Deutschland relativ ungeregelt ist. Zwar gibt es ein Berufsgesetz, aber jedes Bundesland hat eigene Richtlinien für die Ausbildung. Viele Physiotherapeuten betrachten die Fachschulausbildung nur als Basis, weil sie sich danach regelmäßig weiterbilden. Doch auch die Qualität der Fortbildungen schwankt. Um gute Ausbildungen zu gewährleisten, hat der Deutsche Verband für Physiotherapie Qualitätsstandards entwickelt. Schulen, die diese Standards berücksichtigen, erhalten ein entsprechendes Zertifikat. Die hier Lehrenden sollen fachlich und pädagogisch ausgebildet sein und einen akademischen Grad im Fach haben.

Studienfach Physiotherapie


Physiotherapie im Wasser

Physiotherapie im Wasser

Deutschland steht mit der Fachschulausbildung für Physiotherapeuten nahezu allein in der westlichen Welt. In fast allen europäischen Ländern, in den USA, in Kanada, Australien, Neuseeland ist Physiotherapie ein Studienfach. Dementsprechend sind Physiotherapeuten dort hochqualifizierte Fachleute und auf Augenhöhe mit Ärzten. In Deutschland studiert bisher nur eine verschwindende Minderheit künftiger Physiotherapeuten. Doch 2012 empfahl der Wissenschaftsrat der Bundesregierung, die akademische Ausbildung stärker zu fördern.

Direktzugang zur Physiotherapie

In anderen europäischen Ländern ist auch ein Direktzugang der Patienten zum Physiotherapeuten möglich - ohne ärztliche Überweisung. In Norwegen, den Niederlanden, Schweden, ebenso in England und Schottland ist das seit Jahren üblich. Seit kurzem dürfen Physiotherapeuten mit einer bestimmten Zusatzqualifikation auch in Deutschland ohne ärztliche Verordnung behandeln. Dies betrifft allerdings nur Selbstzahler. Gesetzlich Krankenversicherte benötigen immer noch eine Überweisung vom Arzt.

Eingrenzung durch Krankenkassen

physio

Jeder Zweite leidet regelmäßig an Gelenk- oder Rückenschmerzen

Weil die gesetzlichen Krankenkassen die Therapiemöglichkeiten stark eingrenzen, sind die Erfolge bei Kassenpatienten häufig mittelmäßig. So ist die übliche Behandlungszeit von 20 Minuten bei komplexen Krankheitsbildern zu kurz, um effektiv zu arbeiten. Manche Therapeuten umgehen die Beschränkung, indem sie solchen Patienten Doppelbehandlungen geben und dafür weniger Termine, was eigentlich verboten ist. Auch die Häufigkeit der Therapie schreiben die Kassen vor. Bestimmte Erkrankungen lassen sich aber nur effektiv behandeln, wenn der Patient zunächst häufiger und nach Besserung seltener kommt. Weil die gesetzlichen Kassen das aber meist nicht zahlen, tricksen Physiotherapeuten auch hier. Viele behandeln auch nur noch Selbstzahler und Privatpatienten, um wirkungsvoll arbeiten zu können: Wir leben von den Privatpatienten. Wir haben 70 Prozent Privatpatienten, und deswegen geht es uns gut. Von Kassenpatienten könnte ich so eine Praxis hier nicht betreiben. Gar nicht. Man würde nicht mal ins Plus kommen. Auch wenn man voll arbeiten würde, so Physiotherapeut Michal Madany.

Ärztliche Diagnosen unzureichend

Die ausführliche Befunderhebung am Anfang der Therapie und die kürzere zu Beginn jedes Behandlungstermins zahlt die Kasse auch nicht extra. Manche Physiotherapeuten orientieren sich deshalb an der groben Diagnose in den ärztlichen Verordnungen. So erkennen sie oft Ursachen der Beschwerden nicht und behandeln nur die Symptome. Therapien könnten effizienter sein, wenn Patienten den Physiotherapeuten direkt aufsuchen dürften. Tatsächlich ist die vorgeschaltete ärztliche Verordnung mitunter wenig hilfreich.

Effektive Behandlungsform

Als allgemein anerkannt gilt, dass Massagen lediglich kurzfristig helfen, weil sie verkrampfte Muskeln lockern. Langfristigen Erfolg haben hingegen auf die Beschwerden und ihre Ursachen abgestimmte krankengymnastische Übungen, die ein Therapeut seinem Patienten zeigt – und die der danach selbständig und regelmäßig durchführt. Wie gut Physiotherapie wirkt, wenn der Therapeut die effektivsten Behandlungsformen auswählt, außerdem Dauer und Frequenz der Therapien selbst bestimmt, erweist sich in vielen Fällen.

Überflüssige Rückenoperationen

Studien belegen, dass viele Rückenoperationen überflüssig sind. Nach Erhebungen der Technikerkrankenkasse sind es sogar vier Fünftel. Nicht nur unangenehm für den Patienten, auch erheblich teurer für die Kasse ist die Operation: Eine uns geschilderte Behandlung eines schweren Bandscheibenvorfalls kostete nicht einmal halb soviel, wie allein die Operation gekostet hätte - ohne physiotherapeutische Nachbehandlung und Reha Dennoch würden die gesetzlichen Krankenkassen bei dieser Diagnose eine Operation bewilligen – nicht aber diese umfangreiche Art der Physiotherapie. Wie effektiv und nachhaltig intensive Physiotherapie wirken kann, erleben Privatpatienten. Physiotherapie kann viele Leiden lindern. Sie könnte auch helfen, die viel zu große Zahl von Operationen an Wirbelsäule, Knie, Hüfte oder Schultergelenk deutlich zu verringern.

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