Pflanzen mit Migrationshintergrund Wie Erbsen und Kirschen zu uns kamen

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SWR2 Wissen. Von Claudia Heissenberg

Vieles, was wir heute für urdeutsch halten, stammt aus fernen Ländern. Die Heimat der Erbse ist vermutlich Syrien, Kirschen stammen aus Kleinasien und Gurken aus Indien.

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Seit Urzeiten bereichert die weltweite Ausbreitung von Pflanzen unseren Speiseplan, der ohne die eingebürgerten Exoten ziemlich karg wäre. Spinat zum Beispiel wurde vor Jahrtausenden vermutlich in Persien zum ersten Mal kultiviert.

Und obwohl Deutsche für Sauerkraut und andere Kohlgerichte bekannt sind, stammt der Kohl ursprünglich aus dem Mittelmeerraum. Die Herkunft der Gurke wird in Indien vermutet, wo sie seit mehr als 4.000 Jahren an den Südhängen des Himalaya angebaut wird. Was kam in Europa eigentlich auf den Tisch, bevor es all die fremden Köstlichkeiten gab?

Ein schöner großer Weißkohl kurz vor der Ernte. (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
Ein schöner großer Weißkohl kurz vor der Ernte. Foto: Colourbox.de -

Was genau unsere frühesten Vorfahren verzehrt haben, zeigen zum Beispiel Laboranalyen fossiler Knochenfunde. Ihr Stickstoff- und Kohlenstoffgehalt gibt den Forschern Aufschluss darüber, ob bei den vor Jahrtausenden Verstorbenen eher Fisch, Fleisch oder Pflanzenkost auf dem Speiseplan stand. Noch detailliertere Erkenntnisse liefern Abnutzungsspuren an Zähnen und fossile Zahnsteinreste, die in ihre Einzelbestandteile zerlegt werden.

Kräuter, Beeren, Pilze, Urmöhren

Zur Nahrung steinzeitlicher Jäger und Sammler gehörten Wildkräuter wie Brennnesseln, Kamille oder Wegerich-Gewächse, und ein paar Obst- und Gemüsesorten, die auch heute noch in Wäldern, auf Wiesen und am Wegesrand zu finden sind: Haselnüsse, Brombeeren, Himbeeren oder kleine Walderdbeeren und Pilze. Pastinaken und Möhren zählen ebenfalls zu den heimischen Wildpflanzen.

Wie Erdbeeren, Möhren und Zuckerrüben stammen alle heimischen Nahrungspflanzen von wilden Vorfahren ab, die mittlerweile über die ganze Welt verbreitet sind. Zweifelsfrei festzustellen, wo die ursprüngliche Heimat einer Pflanze liegt, ist nicht immer leicht.

Hirse auf einem Feld (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Aus dem sogenannten fruchtbaren Halbmond stammen die ersten Nahrungspflanzen, die mit wandernden Völkern nach Europa kamen Thinkstock -

Die Theorie von verschiedenen geografischen Entstehungszentren, auch Genzentren genannt, entwickelte der russische Botaniker Nikolai Ivanowitsch Vavilov, der in den 20er- und 30er-Jahren auf der Jagd nach Kulturpflanzen mehr als 40 Länder bereiste.

Fruchtbarer Halbmond

Eines dieser Genzentren liegt im sogenannten fruchtbaren Halbmond, der die heutigen Staaten Iran, Irak, Syrien, Israel und Palästina umfasst. Von dort stammen auch die ersten Nahrungspflanzen, die mit wandernden Völkern nach Europa kamen: Emmer und Einkorn als Vorläufer des Weizen, Erbsen, Linsen und Lein.

Im archäobotanischen Labor in Wiesbaden türmen sich pflanzliche Hinterlassenschaften längst vergangener Zeiten in hohen Regalen: Verkohlte Obstkerne, Getreidekörner, Samen und Pollen sind nach Größe und Form zu Häufchen sortiert.

Maiskolben (Foto: SWR, SWR -)
Heute gehört Mais, der mit seinem wilden Vorfahren Teosinte so wenig gemein hat, dass ihre Verwandtschaft lange Zeit umstritten war, zu den ertragreichsten Ackerfrüchten SWR -

Mehr als 60 Kubikmeter Erde haben Angela Kreuz und ihr Team im Laufe der letzten 25 Jahre wie Goldwäscher unter fließendem Wasser durchsiebt. So stießen sie auf 1,5 Millionen Pflanzenreste von fast 600 Pflanzenarten. Die fossilen Küchenabfälle stammen zum Beispiel aus Brunnen, die, wenn sie nicht mehr genutzt wurden, als Müllgruben dienten. Andere sind vor Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden zufällig ins Herdfeuer gefallen, dort verkohlt und so bis heute erhalten geblieben.

Seit tausend Jahren angebrannt

Sehr selten und besonders spektakulär sind sogenannte Produktfunde, wie der Hirsebrei, der in einem Tongefäß angebrannt ist und so der Nachwelt erhalten blieb, oder das mehr als 2.000 Jahre alte Keltenbrot, das – konserviert im Salz einer Saline – in der Nähe von Bad Nauheim gefunden wurde und aussieht wie ein türkisches Fladenbrot.

Besonders viel archäologisches Quellenmaterial fand sich aus der Römerzeit. Als Caesar und seine Truppen ab Mitte des letzten Jahrhunderts vor Christus Gallien und Teile Germaniens eroberten, brachten sie aus ihrer südeuropäischen Heimat eine Vielzahl neuer Kulturpflanzen mit.

Grüne Tomate in einem Gewächshaus (Foto: SWR, SWR -)
Nach den Römern brachten Soldaten, Seefahrer und Händler von Kreuzzügen in den Orient und den Entdeckungsreisen in die Neue Welt fremde Pflanzen in ihre Heimat mit SWR -

Die kulinarische Romanisierung fand aber nicht nur in raffinierten Rezepten und dem Import von Pflanzen und exotischen Zutaten, wie Koriander, Pfeffer und Oliven ihren Niederschlag, sondern auch in der Landwirtschaft.

Globaler Obstkorb

Doch längst nicht alle Nahrungspflanzen, die die Römer in die nördlichen Provinzen einführten, stammten tatsächlich aus Italien. Vielen wuchsen ursprünglich in ganz anderen Regionen ihres riesigen Reiches, das sich Anfang des 2. Jahrhunderts von der portugiesischen Atlantikküste bis Mesopotamien und von Britannien bis nach Nordafrika erstreckte.

Aus dem Maghreb nahmen sie zum Beispiel den Flaschenkürbis mit, den Knoblauch aus Zentralasien – und als Urheimat allen Kern- und Steinobstes gilt das Altai-Gebirge im Grenzgebiet von Kasachstan, Russland, der Mongolei und China. Die Zweige der exotischen Apfel-, Birn- und Kirschbäume wurden hierzulande vermutlich auf heimische Holzapfel-, Holzbirnen- und Vogelkirschsämlinge aufgepropft.

Kartoffel-Chips (Foto: © Colourbox.de -)
Aus Mittel- und Südamerika nahmen die spanischen Konquistadoren die dort heimischen Kartoffeln, Tomaten, Paprika und Kürbisse mit nach Europa © Colourbox.de -

Seit der Mensch vor vielen tausend Jahren begann, Früchte, Knollen und Samen nicht nur zu sammeln, sondern gezielt auszuwählen, zu kreuzen, zu vermehren und auszusäen, wurden immer mehr Sorten entwickelt und an die geografischen und klimatischen Bedürfnissen der jeweiligen Region angepasst.

Von wegen deutsche Kartoffel

Nach den Römern brachten Soldaten, Seefahrer und Händler von Kreuzzügen in den Orient und den Entdeckungsreisen in die Neue Welt fremde Pflanzen in ihre Heimat mit. Gleichzeitig exportierten sie aber auch heimische Gewächse in die Fremde.

Aus Mittel- und Südamerika nahmen die spanischen Konquistadoren die dort heimischen Kartoffeln, Tomaten, Paprika und Kürbisse mit nach Europa. Nicht zu vergessen den Mais, der den Indianern mehr wert war als Gold und als heilig galt, weil er nach ihrem Schöpfungsmythos der Grundstoff war, aus dem die Götter die Menschen formten.

Luftbild auf Getreidefeld mit Baumgruppe (Foto: SEF -)
Mittlerweile wird in klimatisch besonders günstigen Lagen in Baden und im bayerischen Donautal sogar Soja erfolgreich angebaut – garantiert gentechnikfrei für den Biomarkt SEF -

In Mittelamerika gab es zu Kolumbus‘ Zeiten bereits zwischen 200 und 300 verschiedene Maissorten, die seit etwa 7.000 vor Christus von Indianern kultiviert worden waren. Heute gehört Mais, der mit seinem wilden Vorfahren Teosinte so wenig gemein hat, dass ihre Verwandtschaft lange Zeit umstritten war, zu den ertragreichsten Ackerfrüchten.

Zarte Züchtungen

Weltweit werden jährlich fast eine Milliarde Tonnen Körnermais geerntet und als Tierfutter, Nahrungsmittel oder Energielieferant genutzt. Dass das Gewächs überhaupt in europäischen Klimaten gedeiht, ist ein Resultat der Züchtung.

Mittlerweile wird in klimatisch besonders günstigen Lagen in Baden und im bayerischen Donautal sogar Soja erfolgreich angebaut – garantiert gentechnikfrei für den Biomarkt. Dass eines Tages auch Bananen, Ananas oder Reis in unseren Breitengraden wachsen werden, hält die Wissenschaft trotz Züchtungserfolgen und Klimaerwärmung allerdings für unwahrscheinlich.

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