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Pfandsammler Suchen, was andere wegwerfen

So präsent sie aber auch sein mögen, den meisten ist die Welt der Dosen- und Flaschensammler verschlossen. Wer sind sie? Lohnt der Job? Wie arbeiten sie? Welche Motive treiben sie an die Mülleimer? Ein Freiburger Soziologe hat die Welt der Pfandsammler nun erstmals wissenschaftlich untersucht.

Pfandsammler am Bahnhof

Pfandsammler am Heidelberger Bahnhof

Man sieht sie in Bahnhöfen und Fußgängerzonen, in Sportstadien und Stadtparks. Beladen mit Rucksäcken und Jutetaschen wandern Männer wie Frauen von Abfalleimer zu Abfalleimer, schauen kurz hinein, um dann mit einem gezielten Griff ihre Beute ans Tageslicht zu holen: leere Flaschen und Getränkedosen. Am Hauptbahnhof Köln verlässt der ICE um kurz vor halb fünf Gleis 4 in Richtung Frankfurt am Main. Mitten durch das Gewühl schiebt sich ein älterer Herr mit seinem Fahrrad langsam von Abfalleimer zu Abfalleimer. Am Gepäckträger hängt eine prall gefüllte Tasche. Auf Nachfrage erklärt er: Natürlich, Sie können ruhig gucken. Und der 68jährige Rentner gibt bereitwillig den Blick frei auf etwa 15 säuberlich sortierte Flaschen und Dosen und erklärt: Hier sind die Flaschen, ich bin auch nicht so ein Edelflaschensammler, der nur die Dosen mitnimmt. Hier ist auch alles ordentlich, damit die auch ordentlich wieder in den Umlauf kommen.

Studie über Pfandsammler

Pfandlogo

DPG Logo

Das Logo der Deutschen Pfandsystem GmbH, die im Jahr 2005 gegründet wurde, auf Initiative des deutschen Handels und der Getränkeindustrie.Dem Sammler bringen die Fundstücke, je nach Flaschenart, in Supermärkten 8, 15 oder 25 Cent Pfand ein. Dass sich dieses Geschäftsmodell etablieren konnte, hatte zwei Gründe: Im Jahr 2003 führte der Gesetzgeber das Pflichtpfand auf Einweggetränkeverpackungen ein. Drei Jahre später sorgte die EU dafür, dass Supermärkte nicht nur die bei ihnen gekauften, sondern alle leeren Einwegflaschen zurücknehmen müssen. Eher beiläufig entwickelte sich ein Markt, den der Soziologe Sebastian Jan Moser als Erster wissenschaftlich unter die Lupe genommen hat. Von 2006 an schrieb er an der Universität Freiburg seine Promotion über Menschen, die suchen, was andere wegwerfen. Bei der Planung seiner Studie stand Moser allerdings vor dem Problem, dass der Pfandsammlermarkt sich gerade erst entwickelte.

Armut

Rollstuhlfahrer beim Pfandsammeln

Pfandsammler mit Rollstuhl in der Potsdamer Innenstadt

Eine repräsentative Analyse kam deshalb nicht in Betracht, eher schon eine klassische Feldstudie: Egal in welcher deutschen Stadt ich mich damals aufgehalten habe, habe ich sowohl beobachtet, als auch versucht, mit den Menschen zu sprechen. Dabei habe ich nicht ausgewählt, sondern die Auswahl hat dann erst später bei der Analyse stattgefunden. 20 bis 30 Pfandsammler habe der heute am Centre Max Weber in Lyon arbeitende Soziologe mit verstecktem Mikrophon interviewt. Einige nur wenige Minuten, andere bis zu zwei Stunden. Alte und junge waren dabei, Frauen und Männer, Obdachlose und Langzeitarbeitslose. Alle befanden sich in finanziell prekären Situationen, alle wollten etwas Geld hinzuverdienen. Die Betonung liegt auf etwas, denn reich wird mit Pfandsammeln niemand – was der Kölner Sammler bestätigt. Sein Stundenlohn liegt bei etwas über einem Euro:

Das heißt also, wenn ich drei, vier Stunden sammle, da habe ich in der Regel, wenn ich hier im Zentrum von Köln vier, fünf Euro wenn ich will, ja.

Weil es Arbeit ist!

Ein älterer Mann durchsucht am Montag (03.09.12) in Frankfurt am Main in einem Muelleimer nach Pfandgut.

Flaschensammeln ist ein harter Job, und Mülleimer zu durchsuchen kostet große Überwindung.

Da stellt sich die Frage, warum jemand einer körperlich anstrengenden, finanziell aber nicht sonderlich lukrativen Arbeit nachgeht? Weil es Arbeit ist! Dies ist eine erstaunliche Erkenntnis der Studie: Pfandsammler sehen sich als Teil der arbeitenden Bevölkerung, auf keinen Fall möchten sie als Schmarotzer angesehen werden. Sie bessern ihre häufig mageren Renten- oder Hartz-IV-Bezüge mit "ehrlicher" Arbeit auf, erklärt der Sammler: Ich war jetzt vorhin in einer Kantine essen und dann habe ich einfach einen kleinen Ausflug in den Rheinpark gemacht, und auf dem Weg dahin ist im Grunde genommen das Halbe, was ich für das Mittagessen bezahlt habe, ist schon eingenommen worden, sodass das im Prinzip schon ein kleiner Bonus ist, den man sonst nicht hat, denn 1,50 Euro ist doch ne Menge Geld.

Der Einsamkeit entkommen

Flaschensammler auf der Hamburger Reeperbahn

Flaschensammler auf der Hamburger Reeperbahn

Durchschnittlich ergibt das Pfandsammeln 100 bis 200 Euro pro Monat, mehr Verdienst ist kaum möglich. Dabei betreiben Pfandsammler ein Geschäft, das eine ausgefeilte Logistik erfordert. Sie entwickeln Strategien, um anderen Sammlern nicht ins Gehege zu kommen; sie brauchen Zwischenlager für die gesammelten Flaschen; und schließlich müssen sie ihre Beute zum Supermarkt bringen – immer beobachtet von einer teilweise misstrauischen Öffentlichkeit. Wenn Geld beim Pfandsammeln nur eine Nebenrolle spielt, worin genau liegt dann aber der Gewinn? Viele Pfandsammler, sagt Moser, entkommen beim Sammeln der Einsamkeit, weil sie eine Aufgabe haben. Es ist eine selbst geschaffene, eine autonom geschaffene Möglichkeit, Struktur zu haben. Rauszukommen, auch mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen und einen kurzen Austausch auf der Straße zu haben, das kleine Pläuschchen, was vielleicht den Alltag erfreulich macht - das alles bringt diese Tätigkeit mit sich.

Gesellschaftlicher Beitrag

Alte Flaschen und Dosen

Pfandsammeln dient der Umwelt

Interessant sei zudem, dass Pfandsammler ihren Einsatz als gesellschaftlich nützlich einstufen. Sie leisten einen wichtigen Beitrag für die Umwelt: So eine Kölschflasche in der Herstellung kostet die 40 Cent, die muss praktisch 13, 14 Mal umlaufen, damit sich das überhaupt lohnt. Und wenn die Flaschen ordentlich zurückkommen, leisten wir Flaschensammler auch einen ganz klaren Beitrag für die Umwelt, das ist eindeutig Energieersparnis.

Ob diese Einschätzung der Realität entspricht, sei dahingestellt. Sie unterstreicht aber, dass sich Pfandsammeln zu einem mehr oder weniger etablierten Nebenberuf entwickelt hat. Er komme regelmäßig raus, sagt der Kölner Sammler, er halte sich fit und habe soziale Kontakte. Außerdem könne er seinem Patenkind gegenüber spendabel sein.

Ich kann es mir leisten, dem noch ein oder zwei Bällchen Eis zu spendieren, und wenn wir dann im Rheinpark sind, dann gucke ich schon mal. Und wenn wir dann zurück kommen, habe ich die zwei Bällchen Eis meistens schon wieder eingenommen.

Am Kölner Hauptbahnhof fährt wieder ein ICE ein, mit Menschen, die das wegwerfen, was später andere suchen werden.

Buch zum Thema: Sebastian Jan Moser: Pfandsammler – Erkundungen einer urbanen Sozialfigur. Hamburger Edition, 2014.

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