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Auch im Alter sind noch - manchmal überraschende - Veränderungen möglich

Nie zu spät für etwas Neues Persönlichkeitsveränderungen im Alter

Bisher gingen die meisten davon aus, dass sich die Persönlichkeit mit zunehmendem Alter festigt. Wer bislang ein ängstlicher Stubenhocker war, wird morgen bestimmt nicht auf Weltreise gehen, oder vielleicht doch? Wissenschaftlicher der Freien Universität in Berlin haben jetzt festgestellt: Es gibt Menschen, die sich gerade im Alter noch mal verändern, die eine andere Persönlichkeit bekommen – eine große Welle gibt es zwischen 60 und 70 Jahren, das sagen die aktuellen Studien.

Junior-Professorin Jule Specht ist überrascht. Sie untersucht Persönlichkeitsveränderungen beim Menschen – im Laufe seines Lebens. Die große Zeit für Veränderungen sah die Forschung bislang mittendrin, mit rund 30 Jahren. Und zwar bei Menschen, die die Psychologen unterkontrolliert nennen. Das lässt sich umgangssprachlich mit junger Wilder oder Rebell übersetzen. 20-jährige, dickköpfig und gewissenlos, die sich erst mal lieber ausleben wollen statt einen Beruf zu erlernen, die sich nicht ans gesellschaftliche Leben anpassen wollen.

Weniger rebellisch und widerstandsfähiger

Die meisten dieser Menschen verändern sich, wenn sie älter werden, meint Jule Specht: "Der Großteil der Personen, die im jungen Erwachsenenalter noch sehr rebellisch eingestellt, also eher dem unterkontrollierten Persönlichkeitstyp zuzuordnen sind, wird im Laufe des Lebens dann doch resilient, (also widerstandsfähig, kann kreativ mit Problemen umgehen). Das ist ein Anpassungsprozess der ja auch durchaus Sinn macht: Wenn man eine Familie hat und einem Beruf nachgeht, dass man dann nicht immer mit dem Kopf durch die Wand muss und dass man pünktlich zur Arbeit erscheint."


Überraschend viel Veränderung im Alter

Eine ältere Frau sitzt am Steuer ihres Wagens.

Autofahren im Alter

Danach, so war der Eindruck, festigt sich die Persönlichkeit immer weiter, der Mensch passt sich an und wird kein anderer Mensch im Alter, weil nichts Entscheidendes passiert, so dachte man. Doch die letzten Befragungen, die die Psychologin ausgewertet hat, haben sie überrascht: "Man dachte immer, die Persönlichkeit verändert sich entweder durch Rollenveränderung, da denkt man ganz schnell an so etwas wie die Geburt eines Kindes, die Eheschließung, den ersten Job oder solche Ereignisse, und die finden nun mal typischerweise im jungen Erwachsenenalter statt.
Oder man führt Persönlichkeitsveränderungen darauf zurück, dass Personen innerlich reifen, dass also so etwas wie ein genetisches Programm abläuft, das dazu führt, dass sich die Persönlichkeit verändert. Und das sind Sachen, die im hohen Alter nicht so erwartbar wären. Deshalb ist es jetzt überraschend, dass sich im hohen Alter, obwohl da nicht mehr so viel Wachstum und nicht so viel Rollenwechsel stattfindet, sich noch mal so viel verändert."

Impulse für Veränderung

Offen für neue Entdeckungen im Alter

Offen für neue Entdeckungen im Alter

Menschen über 60 gehen normalerweise in Rente, einige werden Großeltern, oft ist die Gesundheit nicht mehr so gut wie früher. Diese Ereignisse sind wichtig, greifen aber nicht so stark in die Persönlichkeit ein, meint Jule Specht:

"Es ist schon so, dass sich Menschen verändern, wenn sie zum Beispiel schwer krank werden oder wenn sie in Rente gehen oder wenn ihr Partner stirbt. Das sind alles sehr einschneidende Lebenssituationen, bei denen man auch merkt, dass es systematische Veränderungen in der Persönlichkeit gibt.
Aber diese Veränderungen sind nicht so stark, dass sie die ganze Fülle an Veränderungen, die wir im hohen Alter beobachten, erklären können, sondern da muss es noch etwas anderes geben, das erklären kann, warum die Persönlichkeit nochmal vergleichsweise so instabil wird."


Das Leben genießen

Oma und Mädchen

Veränderungen sind bis ins hohe Alter möglich

23.000 Menschen wurden nach ihren Lebensumständen befragt, nach Arbeit, Geld, Haushalt und Freizeit, 15.000 in Deutschland, 8000 in Australien. Nach vier Jahren noch einmal. Dabei zeigte sich, dass sich bis zu 25 Prozent der Befragten noch einmal stark verändern, wenn sie über 70 sind. Bei den Senioren ist allerdings anders als bei den 30-jährigen kein Muster erkennbar. Wer vorher die brave Mutter war, kann durchaus eine wilde Alte werden. Umgekehrt aber auch. Woran liegt das?

"Es gibt diese Idee, die man den La-Dolce-Vita-Effekt nennt, dass man im mittleren Erwachsenenalter einfach sehr starke Rollenanforderungen hatte, sehr starke Erwartungen der Umwelt - was man zu tun und zu lassen hat - und dann im hohen Alter eben denkt, jetzt genieße ich das Leben aber noch mal. Jetzt mache ich mir nicht die ganze Zeit den Kopf darüber, wie ich sein müsste um anerkannt zu sein, sondern ich bin halt so wie ich bin und das lebe ich jetzt auch aus."


Tod im Hinterkopf

Das wird sich vor allem die Nachkriegsgeneration sagen. Wobei sich sowohl viele Männer als auch Frauen im Alter verändern, da gibt es keinen Unterschied. Ein möglicher Aspekt könnte auch der eigene Tod sein, den Menschen über 70 sicherlich häufiger im Hinterkopf haben als 30-jährige.

"Da sieht man eben, dass es im hohen Alter sehr unterschiedliche Entwicklungstrends gibt. Manche 70-Jährige sind noch total in der Blüte ihres Lebens, nutzen die Rente um von einer Stadt zur nächsten zu fahren und ganz viel Kultur zu erleben und andere sind schon schwer gesundheitlich beeinträchtigt und ans Bett gefesselt. Das hat natürlich auch eine Auswirkung darauf, wie sich die Persönlichkeit der alten Menschen entwickelt."

Alles ist möglich

Was genau hinter den Veränderungen steckt, muss die Psychologie jetzt noch genauer untersuchen. Spielt Altersarmut eine Rolle? Die neue Freiheit und Freizeit nach der Rente? Senioren stehen auf jeden Fall jetzt mehr im Zentrum der Forschung als früher, meint Junior-Professorin Jule Specht: "In der Persönlichkeitspsychologie ist es so, dass, im Gegensatz zur Entwicklungspsychologie, das hohe Alter eine geringe Rolle gespielt hat, weil man eben immer davon ausging, dass sich im hohen Alter nicht so viel tut. Innerhalb der Persönlichkeitsentwicklungsforschung ist es tatsächlich so, dass das hohe Alter ziemlich stiefmütterlich behandelt wurde."


Und was bedeuten die ersten Ergebnisse für uns Menschen? Für Ältere? Alles ist möglich.

"Es ist nie zu spät für irgendwas, nicht für Stabilität und nicht für Veränderung."

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