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Pendler beim Ein- und Aussteigen an der S-Bahn

Das Pendeln schlägt zurück Warum Mobilität uns krank macht

Pendeln ist in Deutschland ein Teil der Arbeitskultur geworden: 8,5 Millionen Deutsche sind mehr als eine halbe Stunde zur Arbeit unterwegs. Noch um 1900 pendelte gerade mal jeder zehnte Arbeitnehmer, in den 60er Jahren jeder Vierte, heute ist schon jeder Zweite unterwegs. Und das hat Folgen, die Claas Tatje, Redakteur bei DER ZEIT, recherchiert und aufgeschrieben hat. Sein Buch heißt:  "Fahrtenbuch des Wahnsinns. Unterwegs in der Pendlerrepublik".


Herr Tatje, welche Erfahrungen haben Sie mit dem Pendeln?

Pendler steigen auf dem morgendlichen Weg zur Arbeit am Kölner Dom in eine U-Bahn.

Pendler auf dem morgendlichen Weg zur Arbeit

Ich habe die Erfahrung des großen Zeitdrucks gemacht. Immer wenn wichtige Termine anstanden, hat mich das wegen des Pendelns gestresst und aus dem Lot gebracht. Das kennen viele Pendler: Sobald man zeitlich gebunden ist, und das ist man ja oft im Beruf, dann setzt man sich als Pendler selbst unter großen Stress. Das bestätigen ja auch viele Studien, wonach Pendeln in psychischer Hinsicht so schlimm sein kann wie ein Kampfjeteinsatz.

Wie pendeln Sie im Moment?
Ich pendelte drei Jahre zwischen Brüssel und Hannover, jetzt aktuell fahre ich täglich zwischen Hannover und Hamburg hin und her.

Sind Sie Überzeugungstäter?
Nein, es gibt da kaum Überzeugungstäter, es gibt keinen, der das genießt, der sagt, ich finde es gut, so peu a peu in den Tag zu kommen. Ich denke, die meisten machen sich etwas vor, man redet sich das Pendeln schön, man versucht das Leben eben zu meistern.

Schreiben Sie sich Ihren Frust von der Seele?

Streit an Weihnachten

Dauerhaftes Pendeln belastet Beziehungen

Ja, zum Teil, aber ich wollte mal zusammentragen, was es an Literatur über Pendler gibt, ich wollte andere Informationen recherchieren und habe herausgefunden, dass Pendler schneller krank werden, dass sie viele Kosten verursachen, aber sie müssen auch viele Kosten tragen; und es gibt unter Pendlern mehr Scheidungen- das ist doch erschreckend.


Warum ist das Gesundheitsrisiko so hoch?
Die Krankenkassen weisen ganz dezidiert jährlich darauf hin, dass Pendler öfters unter Herz-Kreislauferkrankungen leiden, Mobilität ist eben ein Risikofaktor. Dann geht es auch um die Psyche, ich habe etwa Burnoutpatienten besucht, die wegen des Pendelns in der Klinik waren. Also: Pendeln ist viel ungesünder als ein Leben mit dem Fahrrad. Es gibt auch Untersuchungen, die zeigen, dass Pendler ein höheres Scheidungsrisiko haben als Nichtpendler, besonders am Anfang des Pendelns ist die Gefahr einer Scheidung um 40 Prozent erhöht. Man sieht, wie sich das negativ auf Beziehungen auswirkt. Man kann Pendeln auch als Verhütungsmittel bezeichnen, Frauen, die vor haben zu pendeln, werden seltener schwanger als andere.

Aber was sollen die Leute machen, sie müssen leben mit den Jobstrukturen, mit ihrer Arbeitsrealität, oder?

sitzender Mann hat das Gesicht in seine Handflächen gelegt

Zu viel Druck seitens des Arbeitgebers belastet zusätzlich

Der Pendler kann nicht viel machen, aber Unternehmen können viel tun, sie können flexibler werden. Sie können dafür sorgen, dass die Mitarbeiter auch mal erst morgens um 9 Uhr oder 10 Uhr da sein müssen und nicht schon um 8 Uhr. Es sollte möglich sein, dass man öfters zu Hause arbeitet, dann kann man gleichzeitig viele Dinge erledigen, die einen sonst unter Stress setzen: Zum Zahnarzt gehen etc., man hätte so ein entspanntes Leben. Unternehmen sollten auch berücksichtigen, dass man während der Arbeit Sport machen kann, denn: Pendler bewegen sich einfach zu wenig.
Ich finde, man muss sich prinzipiell all der Probleme des Pendelns bewusst werden, man muss sehen, dass Pendeln anstrengend und schädlich ist und sehr hohe Kosten verursacht.

Sind Sie eigentlich für oder gegen die Pendlerpauschale?
Ich verdiene ganz gut und brauche nicht so einen Pauschaule, also man sollte das überhaupt mal hinterfragen, wem nützt so eine Pauschale, wem nicht. Ich finde, man sollte denjenigen helfen, die wenig verdienen und die gleichzeitig zum Pendeln verurteilt sind, gerade in Ostdeutschland gibt es so eine Pendlerarmut. Das muss man thematisieren.

Was halten Sie von Telearbeit als Alternative?

Frau am Computer schaut über die Schulter skeptisch den Betrachter an

Telearbeit - nicht unbedingt eine Dauerlösung

Telearbeit funktioniert nicht, die Leute wollen in der Firma sein, den Flurfunk mit bekommen, sich mit anderen unterhalten, dabei sein, sie brauchen diese Interaktion vor Ort, sie wollen tratschen. Und es gibt natürlich Berufe, wo sie die Kunden direkt ansprechen müssen, nicht nur über das Internet. Aber es sollte schon möglich sein, dass man als Arbeitnehmer wenigstens ab und zu zu Hause bleiben und dann Telearbeit betreiben kann, das wäre eine kleine Lösung, die das Pendeln auf jeden Fall stressfreier machen würde.

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