Der Patient als Datenpaket Kommt die elektronische Gesundheitsakte?

AUTOR/IN

SWR2 Wissen. Von Marcus Schwandner

Die Daten gehören mir! So denken in Deutschland sowohl Ärzte als auch Patienten. Doch eine zentrale Patientenakte hat viele Vorteile, sofern der Patient entscheidet, was hinein kommt: Doppeluntersuchungen werden vermieden, riskante Medikamentenkombinationen sofort erkannt. Sind die Daten vor Missbrauch wirklich sicher?

Dauer

Bislang ist es in Deutschland so: Die Patientenakten bleiben im geschützten Raum der Arztpraxis. Was ein Arzt darin festhält und wie er es notiert, ist allein seine Sache. Wenn in elektronischen Patientenakten oder auf einer persönlichen Gesundheitskarte der komplette Behandlungsverlauf festgehalten ist, dann kann ein nachbehandelnder Arzt erkennen, wenn der Vorgänger Fehler gemacht oder nicht besonders gewissenhaft gearbeitet hat.

In einer Akte können alle Daten gespeichert werden, Blutwerte, Fitnessdaten, Vorsorgeuntersuchungen und Werte, die auf den Lebenswandel schließen lassen. Vor einigen Jahren kündigte eine Krankenkasse bereits Sondertarife für jene Patienten an, die sich besonders gut um ihre Gesundheit kümmern und ihre Daten der Kasse zur Verfügung stellen.

Arzt oder Ärztin mit Patientenakte in der Hand (Foto: © JupiterImages Corporation -)
Chip statt Papier: Statt einer dicken Akte sollen die Patientendaten künftig über die Gesundheitskarte zugänglich sein. © JupiterImages Corporation -

Schwarzmarkt für Patientendaten

Dr. Franz Bartmann, der das Gremium Telematik und Telemedizin bei der Bundesärztekammer leitet, ist für die Einführung der Speicherung. Damit hat er sich bei seinen Kollegen nicht immer beliebt gemacht. Hinzu kommt die Angst vor Missbrauch. Die Sorgen sind berechtigt. In den USA wurden vor einigen Jahren die Daten von 120 Millionen Patienten gehackt. Informationen über jeden dritten Amerikaner sind damit auf dem Schwarzmarkt.

Patienten können erpressbar werden, wenn Dritte wissen, ob sie eine Abtreibung hatten, schon einmal in psychiatrischer Behandlung waren, Probleme mit dem Gewicht, Alkohol oder Zigarettenkonsum haben oder HIV positiv sind. Datenschutz ist also wichtig. Dennoch gehen einige Länder recht locker damit um.

SAP Hintertür? (Foto: SWR, SWR -)
Sind die Patientendaten wirklich sicher? SWR -

Denn auch in Dänemark gab es bereits einen Datenskandal. Zwei CDs mit fast allen medizinischen Daten der dänischen Bevölkerung landeten aus Versehen bei der chinesischen Visumstelle in Kopenhagen. Dennoch werden in Dänemark mittlerweile 85 Prozent aller Rezepte elektronisch an die Apotheken geschickt. Auch Überweisungen finden zu 90 Prozent über den Computer statt. Das ist sinnvoll, zum Beispiel bei Notfällen.

Schnell handeln im Notfall

Die Notaufnahme eines Krankenhauses kann sich nach einem Unfall schon auf den Patienten vorbereiten, während der noch im Krankenwagen transportiert wird. Das ist nicht nur in Dänemark möglich, sondern auch in Schweden und weiteren Ländern.

Deren Systeme kennt Dr. Franz Bartmann, der das Gremium Telematik und Telemedizin bei der Bundesärztekammer leitet. In Deutschland gibt es nur Projekte wie ‚Gesundes Kinzigtal’. Aber viele Krankenhäuser nutzen schon lokale Patientenakten, sogenannte Fallakten. Die funktionieren wunderbar.

Experten-Netz gibt medizinische Ratschläge

Im Krankenhaus-Verbund in Aachen kooperieren insgesamt fünf Krankenhäuser. Sie greifen auf gemeinsame elektronische Fallakten zu. Von diesem Austausch profitieren vor allem die kleineren Kliniken.

Herzinfarkt_04 (Foto: SWR, SWR -)
Patientendaten können zwischen Krankenhäusern ausgetauscht werden. Das kann in vielen Fällen die Diagnose und anschließende Therapie erleichtern. SWR -


In Konferenzen sehen sich Ärzte der Kliniken gleichzeitig Filme von Herzuntersuchungen an. Danach entscheiden sie gemeinsam, was zu tun ist. Auf diese Weise getroffene Entscheidungen sind sicherer, die Expertise kommt den Patienten zugute.

Daher willigen in der Regel fast alle ein, wenn sie um Erlaubnis gefragt werden, ob ihre Daten auf diese Weise kommuniziert werden dürfen. Von 3000 Patienten hat genau einer abgelehnt. Im Klinikum Aachen gilt die Regel, dass der Patient nur einmal zustimmt.

Datenfluss im Kinzigtal

Bei der Initiative „Gesundes Kinzigtal“ hingegen kann der Patient immer wieder entscheiden, was er in seiner zentralen Gesundheitsakte speichern will und was nicht. Er kann auch bestimmen, welcher Arzt welche Dokumente einsehen darf. Die anfallende Datenfülle allerdings erschreckt manche Patienten. Die Patienten der Initiative ‚Gesundes Kinzigtal‘ können ihre Akte jederzeit zu Hause am Computer oder am Handy einsehen.

Pflegekräfte im eingebundenen Pflegezentrum Schlossberg können über Tablets die aktuellen Werte, Blutdruck, Puls, Zucker und ähnliches, eingeben. Der Arzt, der nicht jeden Tag ans Bett jedes Patienten kommt, hat so eine chronologische Folge der Daten und kann entsprechend reagieren.

Ein Arzt hält einen Tablet-PC in der Hand und zeigt auf eine Computeranimation eines Rückens. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Karteikarten und Aktenordner haben im Gesundheitswesen vielleicht bald schon ausgedient Thinkstock -

Das funktioniert, da das Pflegeheim dieselbe Schnittstelle hat, wie viele der Arztpraxen und die Verwaltung ‚Gesundes Kinzigtal‘. Von den Ärzten nutzen vier von fünf Praxen dieselbe Software wie die Verwaltung. Das macht den Datenfluss leichter und sicherer. Denn die Vernetzung ist eines der Probleme, die bisher die bundesweite Installation von elektronischen Patientenakten verhindert hat.

Elektronische Grundstruktur

Das Bundesgesundheitsministerium hat es jahrelang verpasst, rechtzeitig auf einheitliche Standards hinzuarbeiten. Im e-health-Gesetz von 2015 ist hingegen geregelt, wer die Hoheit über die Daten haben soll: der Patient. Noch werden auf dem Chip der Karte lediglich die Stammdaten der Patienten gespeichert: Name, Geburtsdatum, Wohnort, Krankenkasse, Versicherungsnummer - und eine Verschlüsselung.

Bis 2018 soll die Karte bundesweit genutzt werden können, dann hätte man die elektronische Grundstruktur, die überall funktioniert. Ärzten, die nicht an der Einführung mitarbeiten, kann laut Gesetz die Vergütung gekürzt werden. Auf Wunsch der Patienten, so beschreibt es das e-health-Gesetz, könnten dann nicht nur medizinische Notfalldaten auf der Karte gespeichert werden, sondern auch der Medikationsplan, also die Liste der Medikamente, die ein Patient nimmt.

Gesundheitskarte wird in ein Lesegerät geschoben (Foto: Bundesministerium für Gesundheit/gematik GmbH -)
Was gespeichert wird, entscheidet der Patient Bundesministerium für Gesundheit/gematik GmbH -

Keine klaren Regeln zur elektronischen Akte

Aber die Kritiker der elektronischen Patientenakte sind noch nicht verstummt, denn es ist beispielsweise nicht geregelt, wie die Daten vom Krankenhaus oder der Arztpraxis in die Akte kommen. Wer pflegt die Akte? Das Nachbarland Österreich ist schon deutlich weiter. Hier wird die elektronische Gesundheitsakte gerade eingeführt. Sie wird regional gespeichert.

Hier liegt ein weiterer Unterschied zu Österreich, Finnland, Estland oder Dänemark. In diesen Ländern erhält der Patient automatisch eine elektronische Akte. In Deutschland nicht. Nur jene Patienten bekommen sie, die sie ausdrücklich verlangen. Es kann also sein, dass die Mehrheit der Deutschen noch jahrelang ohne elektronische Gesundheitsakte leben wird.

AUTOR/IN
STAND
ONLINEFASSUNG