Global Player der Ökosysteme Forscher entdecken den Nutzen von Parasiten

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Von Rainer B. Langen

Parasiten geben ihren Wirtstieren die Lebensweise vor. Sie schwächen sie durch schwere Krankheiten oder verwandeln sie gar in willenlose Zombies. Doch zunehmend erkennen Wissenschaftler: Manche Parasiten nützen dem Menschen am Ende - vor allem bei bestimmten Krankheiten.

Dauer

Der Stichling ist eigentlich ein ziemlich vorsichtiger Fisch. Er achtet darauf, nicht von Vögeln erwischt und gefressen werden. Aber wenn sich ein Bandwurm in ihm eingenistet und eine bestimmte Größe erreicht hat, ändert sich das. Der Bandwurm macht aus dem bedächtigten Fisch einen Draufgänger.

Plötzlich wagt er sich in gefährliche Zonen vor, wo Vögel ihn leichter erwischen. Das ist für den Fisch das Ende. Für den Parasiten jedoch ist es genau das, was er als nächstes braucht: Eine neue Wohnung im Vogel.

Kreislauf des Bandwurm: Vogel - Krebs - Stichling

Mit dem Kot der Vögel gelangen die Wurmeier wieder ins Wasser. Ist es warm genug, schlüpft aus ihnen die nächste Generation von Würmern. Sie schwimmen zunächst als Larven im Wasser herum wie Pantoffeltierchen und werden von winzigen Ruderfußkrebsen gefressen, so genannten Copepoden.

Ein kleiner Fisch im Wasser (Foto: SWR, Fischereiforschungsstelle Langenargen - Roland Rösch)
Der Bandwurm führt eine deutliche Verhaltensänderung beim Stichling herbei, dann benimmt er sich geradezu wie ein Draufgänger Fischereiforschungsstelle Langenargen - Roland Rösch

Auch so ein kleiner Krebs ist eigentlich darauf bedacht, sich gut zu verstecken. Und solange die Wurmlarve wächst, bleibt er vorsichtig. Doch, wenn der Parasit eine bestimmte Größe erreicht, übernimmt dieser das Kommando über das Verhalten des Wirtstieres.

Es schwimmt hinaus ins offene Wasser – in die Gefahrenzone. Dort dauert es meist nicht lange, bis das Krebschen vom Stichling gefressen wird. Dann ist der Kreislauf geschlossen und der Bandwurm wirkt im Stichling als verborgene Macht, die das Verhalten des Fischs beeinflusst.

Parasiten in Industrieländern

Auch Deutschland gibt es jede Menge Parasiten erklärt Prof. Joachim Kurtz vom Institut für Evolution und Biodiversität an der Universität Münster.

Saitenwürmer zum Beispiel treiben Heuschrecken zum Selbstmord durch Ertränken. Damit sich die Wurmlarven im Wasser weiterentwickeln. Einzellige Toxoplasma-Parasiten lassen Mäuse jegliche Scheu vor Katzen verlieren.

Draufgängerische Männer und vertrauensselige Frauen

Toxoplasma-Erreger kommen auch bei vielen Menschen vor. Für die Allermeisten ist die Infektion harmlos. Jedoch vermuten einige Biologen und Mediziner einen Zusammenhang zwischen Infektion und bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen.

Es könnte sein, dass die Parasiten Männer draufgängerischer machen und Frauen vertrauensseliger. Aber sicher bewiesen ist das nicht. Bei den Mäusen hingegen ist die Sache klar. Bei ihnen bewirkt der Parasit, dass sie sich leichter fressen lassen. Das ist auch hier wieder nützlich für die Parasiten. Sie können ihre Entwicklung nämlich nur in der Katze fortsetzen.

Parasiten ergreifen nicht nur die Macht über einzelne Tiere. Sie beeinflussen auch ganze Ökosysteme. Das ist bisher jedoch kaum erforscht, erläutert Joachim Kurtz. Die Wissenschaft habe die ökologische Rolle von Parasiten bisher unterschätzt.

Nutzen für den Menschen

Auch wir Menschen haben eine lange gemeinsame Evolution mit Parasiten. Noch heute verursachen etwa parasitische Protisten, Würmer und Insekten bei vielen Millionen Menschen schreckliche Krankheiten wie zum Beispiel Leishmaniose, Elephantiasis, Bilharziose, Schlafkrankheit oder Malaria. Sie zerstören Organe, entstellen ihre Opfer, verursachen schlimme Schmerzen, rauben ihnen jegliche Kraft oder bedeuten gar den Tod.

Alzheimerforschung am menschlichen Gehirn (Foto: SWR, SWR - Jürgen Klotz)
Michael Gurven hat einen positiven Einfluss von Parasitenbefall auf die geistige Leistungsfähigkeit und das Alzheimer-Risiko im Alter entdeckt SWR - Jürgen Klotz

Aber es gibt Belege dafür, dass Parasiten Menschen nützen können, sagt der Anthropologe Professor Michael Gurven von der Universität von Kalifornien in Santa Barbara. Bei Asthma, Multipler Sklerose, Chronisch entzündlicher Darmerkrankung und einigen Allergien gebe es zunehmend Anhaltspunkte dafür, dass Würmer im menschlichen Darm die Immunabwehr stärken.

Möglicherweise spielen Parasiten auch bei Herzkrankheiten und Typ 2-Diabetes eine positive Rolle und vermindern auf die ein oder andere Weise das Risiko für diese Krankheiten - das ist jedoch noch umstritten.

Parasiten gegen Alzheimer

Michael Gurven gehört einem Team von Medizinern und Anthropologen an, die einen positiven Einfluss von Parasitenbefall auf die geistige Leistungsfähigkeit und das Alzheimer-Risiko im Alter entdeckt haben. Eine bestimmte genetische Abweichung erhöht bei Menschen erheblich die Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer zu erkranken und im Alter geistig stark abzubauen. Die Abweichung betrifft das Gen Apolipoprotein E.

Eine Frauenhand hält einen Stift in der Hand. Sie liegt auf einem noch ungelöstem Kreuzworträtsel mit nur einem eingetragenen  Fragezeichen. (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
Ein entscheidender Unterschied zeigte sich bei einer Studie bei Menschen, die außer dem Risikogen für Alzheimer auch noch Parasiten hatten: Sie hatten geistig nicht abgebaut Foto: Colourbox.de -

Die E4-Variante dieses Gens ist vermutlich mehr als jedes andere Gen bekannt als der größte Risikofaktor für die Alzheimer-Krankheit und für geistigen Abbau. Auch unter Angehörigen des indigenen Volkes der Tsimani im Amazonasgebiet kommt dieses Alzheimer-Risikogen vor. Zudem ist dort Parasitenbefall keine Seltenheit.

Für Michael Gurven und sein Team sind die Tsimani daher eine interessante Studiengruppe. Bei einem ihrer regelmäßigen Besuche haben die Wissenschaftler die geistige Leistungsfähigkeit der Tsimani getestet. Der entscheidende Unterschied zeigte sich bei Menschen, die außer dem Risikogen auch noch Parasiten hatten: Sie hatten geistig nicht abgebaut. In einigen Fällen waren die geistigen Leistungen sogar noch besser geworden.

Ausschließlicher Eigennutz

Immer wieder finden Forscher einen Zusammenhang zwischen Parasiten und Entzündungen. Entzündungen spielen eine wichtige Rolle bei der Abwehr von Infektionen, auch von Infektionen mit Parasiten. Aber einige Parasiten haben sich im Laufe der Evolution so angepasst, dass sie Entzündungsreaktionen des Wirtes schwächen können. Dann kann ihnen die Immunabwehr nicht mehr viel anhaben. Und für den Menschen können Änderungen im Entzündungsgeschehen noch viele andere Konsequenzen haben.

Doch Parasiten haben ganz bestimmte eigene Interessen und ihre Wirte auch. Es ist im Interesse von Parasiten, etwa den Fettstoffwechsel im Körper zu verändern und in die Regulierung des Immunsystems einzugreifen. Das kann den Wirt dann eben bei bestimmten Krankheiten schützen. Aber die Parasiten machen es, um ihr eigenes Überleben zu sichern. Ihre Handlungen sind eigennützig.

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