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Hakenwürmer

Wurmkur verkehrt Parasiten gegen Autoimmunerkrankungen

Spielt das Immunsystem von immer mehr Menschen verrückt, weil wir zu "sauber" leben? Im Internet berichten verzweifelte Allergiker von ihren erfolgreichen Selbstversuchen z.B. mit Hakenwürmern - angeblich mit durchschlagendem Erfolg. Lassen sich mit Parasiten Krankheiten wie Morbus Crohn, Multiple Sklerose oder Rheumatoide Arthritis wirksam behandeln? Können Parasiten die überschießende Immunabwehr wirklich besänftigen?

Professor Richard Lucius ist Parasitologe. An der Humboldt Universität in Berlin erforscht er, mit welchen Tricks Würmer und andere Parasiten ihre Wirte beeinflussen – und normalerweise krank machen. Doch neuerdings wollen einige Wissenschaftler nachweisen, dass Würmer dem Menschen helfen können, gesund zu werden. Der Blick auf die Parasiten verändert sich.

Zu sauber für Parasiten

Bandwurm Cestoda

Eigentlich unerwünscht: Bandwurm Cestoda.

Schmarotzer wie der Leberegel sichern sich seit Jahrmillionen das Überleben, indem sie die körpereigene Abwehr ihrer Opfer manipulieren, um nicht abgestoßen zu werden. Der Leberegel befällt Ameisen und Schnecken. Bei Menschen nisten sich Haken- oder Bandwürmer ein - zumindest bei Menschen jenseits des Äquators. In der westlichen Welt gelingt es Würmern mittlerweile nämlich immer schlechter, Menschen dauerhaft zu belästigen. Hier herrschen einfach zu hygienische Bedingungen.

Blitzblanke Toiletten und gewaschene Hände sind die Feinde der Parasiten, da sich die meisten von ihnen über Fäkalien verbreiten. Wer sich trotzdem ansteckt, erhält Medikamente, die die Würmer abtöten. Das hat dazu geführt, dass Menschen in der westlichen Welt kaum noch von Parasiten behelligt werden. Doch möglicherweise sind Allergien und Autoimmunerkrankungen der Preis, den wir dafür zahlen müssen. Denn dort, wo schlechtere hygienische Standards herrschen, leiden die Menschen deutlich seltener an Heuschnupfen oder Asthma. Parasitologe Richard Lucius:
"Man spricht auch von einem afrikanischen Paradoxon, weil in vielen Ländern Afrikas Allergien nicht auftauchen."

Würmer oder lieber Allergie?

Schlamm in Liberia - Nährboden für Parasiten

Ein guter Nährboden für Parasiten

Wo Würmer, da keine Allergien. Wo Allergien, da keine Würmer. Schon seit längerem vermuten Forscher, dass Parasiten möglicherweise eine besänftigende Wirkung auf das Immunsystem haben. Sie beeinflussen die körpereigene Abwehr ihrer Wirte mit Substanzen, um nicht abgestoßen zu werden. Richard Lucius:
"Die Würmer sind sehr langlebig. Und eines ihrer Erfolgsrezepte ist, dass sie bestimmte Immunantworten ausschalten. Und das sind zufällig die gleichen Immunantworten, die auch bei Allergien eine Rolle spielen."

Doch auch der Mensch ist der Trickkiste der Parasiten nicht hilflos ausgeliefert. Seine körpereigene Abwehr ist darauf spezialisiert, Würmer in Schach zu halten. Es ist daher möglich, dass dem Abwehrsystem immunkranker Menschen die Wirkung der Parasiten fehlt.


Viele Würmer sind gefährlich

Kopfregion des Fuchsbandwurms

Kopfregion des Fuchsbandwurms

Es gibt aber auch Würmer, die für den Menschen lebensbedrohlich sein können, wie beispielsweise der Fuchsbandwurm. Er durchwächst von innen die Leber, die Leber wird dabei zerstört. Mit Parasiten sei deshalb nicht zu spaßen, meint Richard Lucius:

"Ich denke, die Haupteffekte sind auf jeden Fall negativ. Aber es gibt so ein paar positive Seiteneffekte wie diese Suppression unerwünschter Immunantworten und wenn man sich die zunutze machen kann, ohne die schädlichen Würmer dabei mit in Kauf zu nehmen, dann ist das sehr positiv."

Parasiten aus dem Internet

Wissenschaftlich eindeutig belegt ist dieser Zusammenhang bisher nicht. Doch das lässt Verzweifelte nicht davor zurückschrecken, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Das verrät der Blick ins Internet. In Foren tauschen sich Allergiegeplagte über die wirksamsten Parasiten aus und berichten über ihre wundersame Heilung durch Hakenwurm-Infektionen. Forscher warnen jedoch vor einem leichtfertigen Umgang mit Parasiten: Sie entziehen ihren Opfern Nährstoffe, führen zu Blutarmut, manche bringen ihren Wirt sogar um.

Schweinepeitschenwürmer gegen Morbus Crohn

Computeranimation eines Darms mit Morbus Crohn.

Helfen Parasiten bei Morbus Crohn?

Der Parasit, der das Immunsystem des Menschen positiv beeinflusst, ohne seine Gesundheit zu gefährden: Danach suchen Forscher schon seit den Neunziger Jahren. Der Schweinepeitschenwurm Trichuris suis ist ein potentieller Kandidat: 2004 testeten US-amerikanische Forscher diese Parasiten, die eigentlich nur Schweine befallen, an Menschen, die unter der chronischen Darmentzündung Morbus Crohn leiden. Morbus Crohn ist eine Autoimmunerkrankung, die bewirkt, dass die Zellen des Immunsystems den eigenen Körper attackieren. Die Patienten leiden an starkem Durchfall, Krämpfen und Mangelerscheinungen.

Offenbar können Schweinepeitschenwürmer etwas gegen diese Symptome ausrichten: Während der Behandlung besserte sich der Zustand der 30 Studienteilnehmer nachweislich. Derzeit ist allerdings noch unklar, ob die Wirkung der Schweinepeitschenwürmer vielleicht nur ein Placebo-Effekt ist. Kritiker bemängeln zudem, dass Schweinepeitschenwürmer keine natürlichen Parasiten des Menschen sind. Die endgültigen Ergebnisse der Studie werden voraussichtlich Ende des Jahres veröffentlicht.

Auch bei Multipler Sklerose, Rheumatoider Arthritis und bei Menschen mit Autismus kann der Schweinepeitschenwurm möglicherweise helfen. Ob die Wurmtherapie hier tatsächlich helfen kann, ist ebenfalls noch unklar.

Zu viel Hygiene schadet

Hände unter laufendem Wasser

Gut gegen Viren, Parasiten und Co, aber schlecht für das Immunsystem?

Der Tropenmediziner Quentin Bickle ist jedenfalls davon überzeugt, dass das Verschwinden von Bandwurm & Co mit Schuld daran ist, dass das Immunsystem von immer mehr Menschen verrückt spielt:

"Würmer gibt es schon, seitdem sich das menschliche Immunsystem im Laufe der Evolution entwickelt hat. Ich denke deshalb, dass es stimmt: Dass die Zunahme der Autoimmunerkrankungen in der westlichen Welt damit zusammenhängt, dass wir heutzutage keine langwierigen Wurminfektionen mehr haben."


Mit Würmern ist man nie allein

Schon jetzt ist klar, dass übertriebene Hygiene dem Menschen eher schadet als nützt. Das gilt sowohl für Kinder als auch für Erwachsene, meint der Neurologe Friedemann Paul von der Berliner Charité:

"Der Mensch lebt als Organismus seitdem er existiert zusammen mit ganz vielen Bakterien und wahrscheinlich auch Würmern, sprich Parasiten. Das ist gewissermaßen eine Symbiose, auch im positiven Sinne. Das verstehen wir eigentlich erst in den letzten Jahren. Es kann nicht das Ziel sein, den menschlichen Körper komplett keimfrei zu bekommen, also alle Bakterien, Parasiten und vielleicht auch Viren zu entfernen unter der Vorstellung, die Gesundheit würde sich bessern. Wahrscheinlich ist das Gegenteil der Fall."

Auch Richard Lucius von der Berliner Humboldt Universität geht davon aus, dass Parasiten dem Menschen nicht nur schaden. Dass sie für ihn nützlich sind, würde zwar auch er nicht unterschreiben. Doch ob Würmer Freunde oder Feinde des Menschen sind, ist vielleicht manchmal auch nur eine Frage des Blickwinkels:
"Wer Würmer hat, ist nie allein. Das ist ein positiver Effekt von Würmern! Ja es zeigt sich eben doch, dass der Mensch nicht alleine lebt und dass wir mit unseren Symbionten und vielleicht auch mit unseren Parasiten auf ein Zusammenleben angewiesen sind. Und das attraktive ist, dass die Würmer im Laufe der Evolution in Jahrmillionen gelernt haben, mit dem Immunsystem umzugehen. Das kann man jetzt eventuell von denen abschauen."

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