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Osteopathie – Heilkunst oder Wellness?

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Viele Mediziner sehen Osteopathie kritisch. Es fehlen evidenzbasierte Studien, die den Nutzen belegen. Dennoch übernehmen immer mehr Krankenkassen anteilig die Kosten für Osteopathie. Was ist dran an der mit den Händen praktizierten Heilmethode?

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Der Körper als Einheit

Osteopathen und Osteopathinnen sehen den Körper als eine Einheit: Bewegungsapparat, Schädel und Rückenmark sowie die inneren Organe hängen als Systeme zusammen, sind durch feine Gewebenetze, die Faszien, verbunden. Alle Knochen, Gelenke, Gewebe und Organe bewegen sich ständig und greifen harmonisch ineinander. Ist der Bewegungsfluss, diese Harmonie an irgendeiner Stelle gestört, gerät der Körper aus dem Gleichgewicht. Die Folgen: Fehlhaltungen, Schmerzen, andere Krankheitssymptome.

Osteopath ist keine geschützte Berufsbezeichnung

Osteopathie ist eine Behandlungsform, die es in Deutschland erst seit 30 Jahren gibt. Und die sanfte Medizin boomt. Im Auftrag des Berufsverbandes hat das Markt- und Meinungsforschungsinstitut Forsa herausgefunden, dass sich ca. elfeinhalb Millionen Deutsche schon einmal osteopathisch haben behandeln lassen. Trotzdem kämpfen Osteopathen hierzulande um medizinische Anerkennung. Denn „Osteopath“ ist keine geschützte Berufsbezeichnung.

Anders als Zahnarzt, Hebamme oder auch Ergotherapeut, die zu den "geregelten Berufen" zählen und deren Ausbildung in einer staatlichen Prüfung mündet, gibt es das für Osteopathen nicht. Man kann zwar an der Hochschule Fresenius in Idstein seit 2012 einen Studiengang „Osteopathie“ absolvieren, doch osteopathisch behandeln kann man mit diesem Abschluss nicht. Das dürfen nur Ärzte und Heilpraktiker.

Osteopathie heilt nicht, sondern reguliert

Der Arzt Andrew Taylor Still entwickelte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein neues Verständnis von Gesundheit und Krankheit. Er war der Überzeugung, dass der Mensch alle Möglichkeiten der Gesundung in sich trägt. Dazu ist eine gute Beweglichkeit in allen Körperbereichen nötig. Ist diese Dynamik gestört, zieht das Krankheiten und Schmerzen nach sich.

Therapeutin hält eine Patientin in einer Dehnung der Schulter (Foto: Imago, imago/allOver)
Obwohl hieb- und stichfeste Nutzenbelege aus großen klinischen Studien fehlen, „schwören“ viele Deutsche auf die Osteopathie Imago imago/allOver

Dr. Christian Weymayr, Biologe und Wissenschaftsjournalist, bezweifelt nicht, dass es Verspannungen gibt, nach deren Auflösung sich die Patientin oder der Patient erleichtert fühlen. Das Problem sieht Weymayr darin, dass Osteopathen ganze Bedeutungszusammenhänge ausgehend von Verspannungen entwerfen und behaupten, so gut wie alles behandeln zu können.

Osteopathie: gewisse Wirksamkeit nur bei wenigen Erkrankungen anerkannt

Zudem sieht die Studienlage sehr schlecht aus. Das weiß auch Orthopäde Dr. Matthias Pscolla, der mehr als ein Vierteljahrhundert in der Deutschen Gesellschaft für Muskuloskeletale Medizin aktiv war und die Manualmedizin in Deutschland geprägt hat. Pscolla verweist auf die 2009 durch die Bundesärztekammer durchgeführte wissenschaftliche Bewertung der Osteopathie. Die Experten notierten in ihrem Bericht, dass "einigermaßen zuverlässige Aussagen zur Wirksamkeit und Effektivität osteopathischer Behandlungen nur bei wenigen Erkrankungsbildern vorliegen", und zwar im Wesentlichen bei chronischen Schmerzsyndromen der Wirbelsäule.

Hinzu kommt, dass Krankheitsbilder am Bewegungssystem sehr komplex sind und Studien sich hier nur schwer durchführen lassen.

Krankenkassen: Osteopathie trotz fehlender Wirkung im Angebot

Neben Matthias Pscolla hat Christian Weymayr als Projektleiter der „IGeL-Studie Osteopathie“ im Jahr 2018 eine systematische Literaturrecherche durchgeführt und ist dabei der Frage nachgegangen: Was bringt die Osteopathie bei Rückenschmerzen?

Laut Weymayrs Ergebnis besaßen neun von zehn thematisch passenden Studien nicht die notwendige Qualität, die zehnte Studie konnte nur bei einem von vielen Parametern eine Wirkung aufweisen.

Mann in Arztkleidung verdreht den Kopf eines Skelettes (Foto: Imago, Elnur via www.imago-images.de)
Bei Osteopathie handelt es sich nicht um eine sanfte Heilmethode, denn Manipulationen der Wirbelsäule können schwerwiegende Folgen haben Imago Elnur via www.imago-images.de

Dennoch nehmen immer mehr Krankenkassen Extraleistungen durch Osteopathie mit in ihre Programme auf, allerdings eher aus Marketingentscheidungen als aufgrund von Studienevidenz. Das 2012 in Kraft getretene Versorgungsstrukturgesetz macht es möglich, dass Krankenkassen Extras anbieten dürfen.

Deutsche „schwören“ auf Osteopathie

Obwohl hieb- und stichfeste Nutzenbelege aus großen klinischen Studien fehlen und es keine Regelleistung der gesetzlichen Krankenversicherung ist, „schwören“ viele Deutsche auf die Osteopathie. Bei einer Onlineumfrage von „Stiftung Warentest“ 2012 gaben 71 Prozent an, dass sie mit dem Ergebnis einer osteopathischen Behandlung „sehr zufrieden“ waren, weitere 17 Prozent waren „zufrieden“.

Die meisten hatten wegen derselben Beschwerden schon andere Therapeuten oder Therapeutinnen aufgesucht – ohne den erhofften Erfolg. Warum Osteopathie so hoch im Kurs steht, kann Edzard Ernst nicht genau und umfassend beantworten. Der Professor für Alternativmedizin weiß allerdings, dass in der konventionellen Medizin nicht alles optimal läuft.

Manipulation der Wirbelsäule kann schwerwiegende Folgen haben

Da in der konventionellen Medizin kaum Zeit für persönlichen Kontakt und Mitgefühl ist, würden Patienten nach anderen Angeboten suchen, so Edzard Ernst. Zugleich warnt er davor, dass viele Menschen falsche Vorstellungen von den alternativen Heilmethoden hätten. Denn bei Osteopathie handelt es sich nicht um eine sanfte Heilmethode, die Manipulationen der Wirbelsäule können schwerwiegende Folgen haben.

In Deutschland praktizieren nach Angaben der Stiftung Warentest schätzungsweise 5.000 bis 10.000 Osteopathen, ohne einheitliche Ausbildung. Sie dürfen nur selbstständig Osteopathie praktizieren, wenn sie Arzt oder Heilpraktiker sind. Eine Ausbildung zum Physiotherapeuten reicht nach der derzeit gültigen Gesetzeslage nicht aus.

Mehr Patientensicherheit durch Qualitätsstsandards bei der Ausbildung

Einheitlichkeit und notwendige Qualitätsstandards bei der Ausbildung dienen aber der Patientensicherheit und sind für ein Berufsgesetz der Osteopathen unerlässlich, weiß Marina Fuhrmann, Professorin für Osteopathie an der Hochschule in Idstein. Auf Anfrage von SWR2 Wissen bestätigt sie, dass die Gesundheitsminister der Länder dem Bundesgesundheitsministerium den Auftrag erteilt haben zu prüfen, ob auch „Osteopath“ ein "geregelter Beruf" werden sollte. Ein Gutachten soll die Frage klären. Das Ergebnis steht noch aus.

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