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Orthorexie Wenn gesunde Ernährung zum Zwang wird

SWR2 Impuls im Gespräch mit Reinhard Pietrowsky, Professor für Psychologie an der Universität Düsseldorf und Experte für Orthorexie.

Nur noch Gemüse, Salat und Vollkornprodukte, auf keinen Fall, auf gar keinen Fall Pommes oder Pizza. Das hört sich sehr gesund an, ist eigentlich auch gesund. Aber es kann auch manchen Menschen Probleme machen, nämlich denjenigen, die ihre Mahlzeiten zwanghaft in gut und böse einteilen und die sich nur noch mit gesundem Essen beschäftigen. "Orthorexia nervosa" nennen Psychologen dieses "krankhafte Gesund-Essen".

Gesund essen - zwanghaft oder nicht?

Gesund essen - zwanghaft oder nicht?

Was sind die typischen Verhaltensweisen von Menschen, die an diesem Zwang leiden?

Die wesentlichen Merkmale sind dieses sehr zwanghafte und rigide Einteilen von Nahrung in "gesund" und "nicht gesund" und dieses ganz starke Vermeiden von "ungesundem" Essen. Und dazu ist zu sagen, dass zunächst mal kein Lebensmittel – also was ein Lebensmittel ist – per se "gesund" oder "ungesund" ist, sondern es macht natürlich immer die Menge, wie viel man von jedem Nahrungsmittel isst. Bei Menschen mit Orthorexie oder Orthorexia nervosa ist es eben das Extrem, dass sie sozusagen alles, was nur irgendwie "ungesund" sein könnte, vermeiden. Daran erkennt man sie.


Und welche Dinge sind das, die diese Menschen vermeiden, vielleicht Fleisch?

Nein, das ess ich nicht

Nein, das ess ich nicht

Also, das kann sehr vielfältig sein. Fleisch, da denkt man zuerst dran, das ist natürlich naheliegend. Es geht aber auch weiter. Es werden auch grundsätzlich alle Fertigprodukte vermieden. Es wird alles vermieden, was industriell hergestellt ist: Zusatzstoffe, Konservierungsstoffe, alles was künstliche Aromen enthält. Es kann aber auch noch viel weiter gehen, dass z.B. auch Obst, was ja per se gut und gesund ist, z.B. nur noch dann gegessen wird, wenn es nicht länger als eine Viertelstunde vom Baum gepflückt ist. Oder manche essen überhaupt gar kein Obst, was gepflückt ist, sondern nur was Natur aus auf den Boden fällt. Also da kann es – für die allermeisten Menschen gesehen – in extreme Richtungen gehen.


Woran kann man Othorexiekranke erkennen?

Das ist nicht ganz einfach. Die Übergänge sind fließend. Es gibt wirklich auch viele Menschen, die sich gesund ernähren, auch Vegetarier, die aber noch kein Orthorexie haben. Auch das ist wichtig und das konnten wir auch in vielen eigenen Studien zeigen, dass Vegetarier oder Veganer sich natürlich insgesamt gesund ernähren, aber noch keine Orthorexie haben. Oder sie haben in der Regel noch kein orthorektisches Verhalten, weil sie eben nicht diese extreme Fixierung haben auf das gesunde Essen, und z.B. Fleisch vermeiden, aber durchaus in anderen Bereichen noch ein normales Essverhalten haben.

Zwanghaftes "Gesund-Essen" macht einsam

Zwanghaftes "Gesund-Essen" macht einsam

Es kommt noch ein anderer wichtiger Punkt hinzu, der die Orthorektiker auszeichnet: Das sind die sozialen Folgen. Viele, die orthorektisches Verhalten haben, meiden auch Einladungen, zu Bekannten oder Freunden, oder gehen nicht mehr essen, weil sie annehmen, das Essen, was ihnen da vorgesetzt wird, ist nicht "gesund" genug, ist nicht "rein" genug. Sie ziehen sich dann immer mehr sozial zurück, kochen sozusagen nur noch für sich selbst. Und das findet ja man bei typischen Vegetariern oder Veganern in der Regel nicht. Dieser Aspekt des sozialen Rückzugs oder der sozialen Isolation findet man vor allem eben bei den Orthorektikern.


Gibt es denn auch körperliche Folgen dieser sehr einseitigen, klar eingeteilten Ernährung?

Neben diesen sozialen Folgen kann es durchaus auch körperliche, gesundheitliche Folgen geben, wenn die Ernährung wirklich sehr einseitig ist, viele Nahrungsmittel vermieden werden, weil sie angeblich "ungesund" sind. Dann kann es auch zu Mangelerscheinungen, zu Mangelernährungen kommen. Es gibt nachgewiesenermaßen auch Menschen, die deutliche gesundheitliche Beeinträchtigungen haben aufgrund einer längeren, vermeintlich "extrem gesunden" Ernährung.


Wie viele Menschen betrifft dieses Phänomen eigentlich? Ist es eine kleine Zahl oder eben doch ein wachsende Zahl ?

Es ist eine kleine Zahl. Aus vielen Untersuchungen wissen wir, dass etwa ein Prozent der Bevölkerung eine Orthorexia nervosa im eigentlichen Sinn hat, also wirklich diese Kriterien, die dieses Störungsbild ausmachen, auch erfüllen. Und dazu ist zu sagen, Orthorexia nervosa ist ein Störungsbild, das man bei Menschen feststellen kann, es ist kein offiziell anerkannte Krankheit, keine offiziell anerkannte Störung. Das ist so ähnlich wie beim "Burn-Out". Das haben ja auch viele Menschen, aber es ist keine offiziell anerkannte Erkrankung. Aber es ist davon auszugehen, dass die Zahl der Orthorexiekranken wächst, dass diese Zahl mehr wird. Das hat verschiedene Gründe: nicht zuletzt durch die vielen Lebensmittelskandale, die ja auch Menschen sinnvoll dazu bringt, mehr auf ihre gesunde Ernährung zu achten. Aber diese Zahl wird sicherlich anwachsen in nächster Zeit.


Ein Prozent der Bevölkerung, das sind ja immerhin 800.000 Menschen. So wenig ist das gar nicht. Was können Betroffene tun, die einige Merkmale bei sich oder an Bekannten erkannt haben? Was können sie tun, um Ihre Mitmenschen wieder zu normalem Essen zu bringen?

Essen muss auch Spaß machen

Essen muss auch Spaß machen

Ein wichtiges Merkmal der Menschen, die orthorektisches Verhalten zeigen ist, dass sie selbst kein Störungsbewusstsein haben. Sie leiden auch nicht darunter; sie finden ja ihre Ernährung auch ganz gut. Sie halten sich für ein Vorbild und denken eher, alle anderen, sozusagen die restlichen 99 Prozent der Bevölkerung müssten ihr Essverhalten ändern. Und insofern ist es aus Eigeninitiative schwer, von einem Betroffenen so etwas zu erwarten. Aber der richtige Weg ist wirklich, bei dem Betroffenen ein Bewusstsein dafür zu erzeugen, dass das, was sie machen übertrieben ist; das ist zu extrem. Ideal wäre, wenn man sie damit konfrontieren kann, dass sie einen extremen Weg eingeschlagen haben. Dass es nicht darum geht, sie jetzt dazu zu bringen, dass sie sich "ungesund" ernähren, aber dass sie mehr Flexibilität in ihrem Essen haben. Also, dass sich als schon grundsätzlich gesund ernähren sollen, aber von dieser rigiden Fixierung wegkommen, sich ab und zu auch mal was in ihren Augen weniger Gesundes zu erlauben.


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