Spahns Organspende-Vorschlag "Die Widerspruchslösung wird wenig bewirken!"

Kommentar von Patrick Hünerfeld

Wer nicht widerspricht, stimmt der Entnahme seiner Organe zu. So will Gesundheitsminister Jens Spahn gegen den Mangel an Spenderorganen vorgehen. SWR-Medizin-Redakteur Patrick Hünerfeld meint: Das wird wenig bringen - denn nicht fehlende Spender sind das Problem, sondern die Strukturen.

Widerspruchslösung ist zweitrangig

Wer mehr Organe will, muss das System der Organspende grundlegend verändern.

Ob Einwilligungslösung, wie bisher, oder Widerspruchslösung, wie jetzt vom Gesundheitsminister ins Gespräch gebracht, ist dabei aber eher zweitrangig. Denn es liegt nicht in erster Linie an der mangelnden Spendebereitschaft, dass bei uns so wenig Organe gespendet werden.

Organspende schlecht organisiert

Die Organspende in Deutschland ist schlicht schlecht organisiert: Viele mögliche Organspender werden bislang nicht erkannt oder bewusst nicht gemeldet. Darum ist die Zahl der Spender so niedrig, obwohl die Spendebereitschaft in der Bevölkerung – allen Skandalen zum Trotz – ungebrochen hoch ist.

Für die rund 1300 Entnahmekliniken ist die Identifizierung der potentiellen Spender schlicht unattraktiv. Lukrativ und prestigeträchtig ist Organspende nur für die Transplantationszentren. Wer mehr Organe will, muss das ändern – und genau diesen Schritt hat das Gesundheitsministerium bereits angekündigt. Diese Ankündigung vor einigen Tagen wurde nur nicht so stark beachtet, wie der Vorschlag mit der Widerspruchslösung jetzt.

Patientendaten manipuliert : Sonderermittler für Leipziger Organspende-Skandal (Foto: © Colourbox.com -)
In Deutschland mangelt es an Spenderorganen. Aber der Fehler liegt auch im System. © Colourbox.com -

Mehr Geld für Entnahmekliniken

Die Entnahmekliniken sollen für ihre Arbeit künftig mehr Geld erhalten und die dort angesiedelten Transplantationsbeauftragten – das sind in der Regel Intensivmediziner – sollen ihrer Aufgabe nicht nur auf dem Papier nachgehen, sondern sich tatsächlich darum kümmern, dass mögliche Organspender erkannt werden. Das ist die zwingende Voraussetzung dafür, dass mehr Organe gespendet werden können. Mehr Zeit für die Identifizierung möglicher Organspender und mehr Geld für die Entnahme – das sind erfolgversprechende Maßnahmen.

Organspende nach Hirntod oder Herzkreislaufstillstand

Das allein wird aber nicht reichen. Denn auch wenn wir alle möglichen Organspender entdecken – es sind einfach nicht viele. Nur wenige Intensivpatienten erreichen kreislaufstabil unter Beatmung das Stadium des Hirntodes, so wie es bei uns vorgeschrieben ist, und können somit bei uns Organspender werden. Wer mehr Organe will, muss die Organspende nach Herzkreislaufstillstand einführen, wie sie in vielen europäischen Ländern erfolgreich praktiziert wird.

Dabei lässt man den ohnehin sterbenden Patienten – dessen Hirn unwiderruflich zerstört aber eben noch nicht komplett abgestorben ist – nicht auf der Intensivstation sterben, wie es auch bei uns tausendfach vorkommt, sondern im Operationssaal. Und nach seinem Tod, können dann die Organe entnommen werden – wenn der Patient das wollte. In der Schweiz, in den Niederlanden – in vielen Ländern wird das erfolgreich gemacht und hat zu deutlich höheren Spenderzahlen geführt.

Organspende (Foto: SWR, SWR -)
Wird man in Deutschland bald automatisch zum potentiellen Organspender, wenn man nicht widerspricht? SWR -

Mangelnde Aufklärung über Organspende

Diesen konsequenten Schritt scheut die deutsche Organspendeszene derzeit noch – auch wegen der damit verbundenen öffentlichen Diskussionen über den Hirntod.
Gerade die sind aber auch aus anderem Grund dringend notwendig: Die bisherigen Kampagnen zur Organspende sind nämlich unehrlich.
Viele Menschen sind zwar bereit ihre Organe zu spenden – aber nur die wenigsten wissen, was das bedeutet. Die schriftliche Einwilligung zur Organspende auf dem Organspendeausweis erfolgt ohne jegliche Aufklärung und ist in der Regel keinesfalls eine informierte Entscheidung.

Mehr Organe - nicht um jeden Preis

Das ist problematisch, denn der Zweck heiligt dabei nicht die Mittel. Organspende ist nicht in erster Linie die vielbeschworene gesamtgesellschaftliche Aufgabe, sondern eine ganz persönliche Entscheidung – und die sollte informiert erfolgen. Dazu gehört auch: Der Zustand des Hirntodes ist nicht für jedermann mit den eigenen Vorstellungen vom Sterben in Einklang zu bringen.
Wer auf ehrliche Art mehr Organe will, muss die Menschen wirklich informieren – auch auf die Gefahr hin, dass sie sich gegen eine Spende entscheiden.
Die jetzt beginnende Debatte über die Widerspruchslösung bringt insofern eine Chance, dass wir uns als Gesellschaft intensiv aber eben auch ehrlich mit der Organspende beschäftigen – damit jeder für sich eine Entscheidung für oder eben auch gegen die Organspende treffen kann. Denn mehr Organe sind wünschenswert – aber nicht um jeden Preis.

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